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Swiss Observer

Velounfälle in der Schweiz: 50 % mehr innert zehn Jahren

Alarmierender Anstieg der Velounfälle in der ganzen Schweiz: 84 % sind auf Kontrollverlust zurückzuführen, oft infolge der Ablenkung durch elektronische Geräte.

Velounfälle in der Schweiz: 50 % mehr innert zehn Jahren
AISWI swissinfo.ch

Die Schweiz sieht sich auf ihren Strassen mit einer schweren Sicherheitskrise konfrontiert, denn die Zahl der Velounfälle steigt rasant. Wie aus alarmierenden Zahlen der Suva, der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt, hervorgeht, hat die Zahl der Velounfälle im letzten Jahrzehnt um 50 % zugenommen. Die Daten zeichnen ein düsteres Bild der urbanen Mobilität: Zwischen 2018 und 2022 ereigneten sich auf Schweizer Strassen 26'100 Unfälle, ein deutlicher Anstieg gegenüber den 17'400 Unfällen zwischen 2008 und 2012.

Dabei handelt es sich nicht bloss um eine statistische Schwankung, sondern um eine grundlegende Verschiebung des Risikos. Die Beliebtheit des Velofahrens hat zwar zweifellos zugenommen, begünstigt durch milde Winter und veränderte Freizeitgewohnheiten nach der Pandemie. Der Zusammenhang zwischen der steigenden Zahl Velofahrender und der Häufigkeit von Unfällen ist jedoch unbestreitbar. Das Jahr 2020 sticht als aussergewöhnlicher Höchststand hervor: Die Pandemie brachte Tausende aufs Velo und damit unweigerlich in Gefahr. Während die Schweizer Bevölkerung das Zweirad sowohl für den Arbeitsweg als auch in der Freizeit nutzt, kommen Infrastruktur und Sicherheitsbewusstsein mit der schieren Zahl der Unfälle kaum nach.

Digitale Blindheit: Die Ablenkungsepidemie

Der Hauptgrund für diesen Anstieg sind weder gefährliche Strecken noch rücksichtslose Autofahrende, sondern die mangelnde Aufmerksamkeit der Velofahrenden selbst. Ganze 84 % dieser Unfälle werden durch einen Kontrollverlust ausgelöst, ein Phänomen, das eng mit dem digitalen Zeitalter verknüpft ist. Elektronische Geräte lenken Velofahrende von unmittelbaren Gefahren ab. Umfragen aus dem Jahr 2023 zeigen, dass eine von fünf velofahrenden Personen zugibt, während der Fahrt abgelenkt zu sein. Dadurch werden Schweizer Strassen zu anspruchsvollen Hindernisparcours.

Die Art der Ablenkung unterscheidet sich je nach Altersgruppe, doch die Folgen sind gleichermassen gefährlich. Bei den 15- bis 29-Jährigen sind Kopfhörer die wichtigste Ablenkungsquelle: Sie schränken die akustische Wahrnehmung des Verkehrsgeschehens ein. Die 30- bis 44-Jährigen kämpfen dagegen mit der Smartphone-Abhängigkeit. Die Handynutzung wird dabei ebenso häufig als wesentliche Ablenkungsursache genannt wie Kopfhörer. Diese «digitale Blindheit» führt dazu, dass Velofahrende auf veränderte Bedingungen Sekunden zu spät reagieren. Die Daten der Suva bestätigen: Je stärker die Aufmerksamkeit nachlässt, desto mehr steigt die Wahrscheinlichkeit eines Alleinunfalls. Die gefährlichste Komponente des Velos ist also oft die geteilte Aufmerksamkeit der fahrenden Person.

Unfälle im Alter: Ältere Velofahrende in Gefahr

Während Ablenkung vor allem junge Menschen betrifft, ist bei der älteren Generation eine andere, deutlich stärkere Zunahme zu beobachten. In der Altersgruppe der 55- bis 64-Jährigen sind die Unfallzahlen alarmierend um 104 % gestiegen. Zwischen 2008 und 2012 entfielen auf diese Altersgruppe rund 2'300 Unfälle; im jüngsten Zeitraum waren es mit 4'700 mehr als doppelt so viele. Damit verzeichnet diese Altersgruppe den stärksten Anstieg aller Alterskategorien.

Dieser Zuwachs dürfte mit der zunehmenden Nutzung von E-Bikes zusammenhängen. Sie ermöglichen höhere Geschwindigkeiten und grössere Reichweiten und überfordern dadurch oft die Reaktionsfähigkeit oder die körperliche Belastbarkeit älterer Velofahrender. Die Suva hält fest, dass das Velofahren bei den Versicherten dieser Altersgruppe immer beliebter geworden ist, doch der Preis für diese neu gewonnene Mobilität ist hoch. Höhere Geschwindigkeiten und nachlassende Reflexe ergeben eine gefährliche Mischung. Anders als jüngere Velofahrende, die einen Sturz womöglich rascher wegstecken, müssen Personen dieser Altersgruppe nach einem Unfall oft mit schwerwiegenderen gesundheitlichen Folgen rechnen. Der starke statistische Anstieg ist deshalb für die Verantwortlichen im Bereich der öffentlichen Gesundheit prioritär.

Die Kontrolle zurückgewinnen: Der Weg zu mehr Sicherheit

Um diese gefährliche Entwicklung umzukehren, muss sich das Verhalten der Velofahrenden grundlegend ändern. «Beim Velofahren ist es wichtig, sich auf das Geschehen auf der Strasse zu konzentrieren, damit man immer den Überblick behält», sagt Andrea Lenz, Leiterin Unfallprävention Velo bei der Suva. Die Vorgabe ist klar: Geräte ausschalten und aufmerksam bleiben. Die Suva ruft dazu auf, sich auf das Wesentliche zu besinnen: Handys ausschalten, Kopfhörer in der Tasche verstauen und beide Hände fest am Lenker behalten.

Die Eigenverantwortung muss jedoch durch aktive Kommunikation ergänzt werden. Lenz betont, wie wichtig es ist, «Interaktionen wie den Blickkontakt zwischen Verkehrsteilnehmenden zu fördern». Auch die Sichtbarkeit ist entscheidend: Helle Kleidung, Reflektoren und eine aktive Beleuchtung sind wichtige Schutzmassnahmen im urbanen Verkehr. Die Botschaft für die Schweiz ist klar: Die Technologie, die uns verbindet, lässt uns in entscheidenden Momenten von der Realität abkoppeln. Um die Zahl von 26'100 Unfällen zu senken, braucht es das gemeinsame Engagement, aufmerksam und sichtbar zu sein und Unerwartetes vorauszusehen.