Wirtschaft
Geschlechterquote in Schweizer Unternehmensverwaltungsräten zeigt positive Wirkung
Die 2021 eingeführte Gesetzgebung zur Erhöhung des Frauenanteils zeigt Wirkung: Eine Analyse kommt zum Schluss, dass inzwischen 25 der 30 grössten Unternehmen an der Schweizer Börse die Quote von 30 Prozent Frauen in ihren Verwaltungsräten erfüllen.

Die Schweiz erlebt eine Revolution in der Unternehmenswelt. Beeindruckende 25 der 30 grössten Unternehmen an der Schweizer Börse haben inzwischen die Schwelle von 30 Prozent Frauen in ihren Verwaltungsräten überschritten. Das ist ein beispielloser Anstieg gegenüber 2021, als gerade einmal acht Unternehmen den Richtwert erfüllten. Die Gesetzgebung von 2021, die Traditionalisten einst skeptisch betrachteten, erweist sich nun als wirksamer Katalysator für Veränderungen. Der Swiss Leader Index (SLI) ist kein Männerclub mehr, sondern ein Schauplatz moderner Unternehmensführung, in der Vielfalt zum Goldstandard wird. Bei diesem Wandel geht es nicht nur um die Aussenwirkung, sondern um eine grundlegende Neuordnung der wirtschaftlichen Macht in der Schweiz. Während die Wechsel in den Verwaltungsräten im laufenden Jahr weitergehen, ist die Dynamik unübersehbar und signalisiert eine dauerhafte Abkehr vom Status quo.
Die Vorreiterinnen und Vorreiter übertreffen die Parität
Während viele Mühe haben, die Mindestvorgabe zu erfüllen, übertrifft eine ambitionierte Spitzengruppe die Marke von 30 Prozent deutlich. Bei mehr als einem Drittel der SLI-Unternehmen sind inzwischen über 40 Prozent der Verwaltungsratssitze mit Frauen besetzt. An der Spitze steht Givaudan, der Aromastoff- und Duftstoffkonzern, der eine vollständige Geschlechterparität erreicht hat, ein Erfolg, der vor zehn Jahren noch undenkbar gewesen wäre. Knapp dahinter folgen SGS und Straumann, bei beiden fehlt nur noch ein Sitz zur hälftigen Besetzung. Straumann zeichnet sich zudem als einzige Ausnahme in einer männerdominierten Hierarchie aus: Das Unternehmen ist das einzige im SLI 30 mit einer Verwaltungsratspräsidentin, Petra Rumpf. Diese Unternehmen halten sich nicht bloss an das Gesetz, sie definieren Führung neu. Auch ABB hat eine deutliche Wende vollzogen und den Frauenanteil im Verwaltungsrat seit 2020 verdoppelt. Diese Zahlen zeigen, dass Schweizer Unternehmen sofortige und tiefgreifende Veränderungen bewirken können, wenn sie Talent über Tradition stellen.
Nachzügler unter Druck, Transparenzanforderungen zu erfüllen
Trotz des allgemeinen Fortschritts treten einige wenige Unternehmensriesen weiterhin auf der Stelle. Der Logistikkonzern Kühne+Nagel sticht als einziges Unternehmen hervor, das die gesetzliche Vorgabe noch nie erreicht hat. Derzeit sitzen nur zwei Frauen in seinem siebenköpfigen Verwaltungsrat. Die Versicherer Helvetia und Baloise sowie die Privatbank Julius Bär haben hingegen Rückschritte verzeichnet und sind nach jüngsten Ernennungen wieder unter die Marke von 30 Prozent gefallen. Das Schweizer Modell «comply or explain» stellt jedoch sicher, dass es keinen Ausweg gibt. Wird die Quote verfehlt, gibt es zwar keine Geldstrafe, doch die Reputationskosten steigen. Die Unternehmen sind nun gesetzlich verpflichtet, den mangelnden Frauenanteil in ihren Jahresberichten zu begründen. Damit werden ihre Mängel bei der Rekrutierung sowohl der Öffentlichkeit als auch den Aktionärinnen und Aktionären offengelegt. In einem Markt, der ESG-Kennzahlen zunehmend Bedeutung beimisst, wird das «Erklären» zu einer Belastung, die sich nur wenige dauerhaft leisten können.
Der Weg bis 2031: Geschäftsleitungen im Visier
Der Erfolg in den Verwaltungsräten ist erst die erste Etappe einer viel grösseren Offensive. Die Schweizer Regierung hat bereits das nächste Ziel ins Visier genommen: die Geschäftsleitungen. Bis 2031 müssen börsenkotierte Unternehmen auf der obersten operativen Führungsebene eine Frauenquote von 20 Prozent erreichen. Derzeit erfüllen nur 18 der 30 SLI-Unternehmen diese künftige Vorgabe, was auf einen kritischen Engpass in der Führungskräftepipeline hinweist. Während die Verwaltungsräte vielfältiger werden, liegt die tägliche Ausübung der Macht weiterhin weitgehend in Männerhand. Das nächste Jahrzehnt wird von einer intensiven Suche nach weiblichen Führungskräften geprägt sein, während Unternehmen versuchen, die Peinlichkeit einer Nichteinhaltung zu vermeiden. Dabei geht es nicht nur um eine gesetzliche Frist, sondern um eine strukturelle Vorgabe. Die Schweiz signalisiert der Welt, dass ihre wirtschaftliche Zukunft davon abhängt, das gesamte Potenzial ihrer Talente zu nutzen und über die Verwaltungsräte hinaus bis in die Chefetagen vorzudringen.