Zum Inhalt springen
Swiss Observer

Firmenkonkurse in der Schweiz steigen um mehr als 35 %

Die Firmenkonkurse in der Schweiz sind in den ersten elf Monaten des Jahres um 36 % gestiegen. Am stärksten betroffen sind die Bau-, Gastronomie- und Detailhandelsbranche.

Firmenkonkurse in der Schweiz steigen um mehr als 35 %
AISWI swissinfo.ch

Die Schweiz kämpft mit einer drastischen Zunahme von Firmenkonkursen. In einer markanten Entwicklung, die auf wachsende wirtschaftliche Turbulenzen hindeutet, ist die Zahl der Firmenkonkurse in den ersten elf Monaten des Jahres im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um mehr als 36 % gestiegen. Die vom Wirtschaftsinformationsdienst Crif veröffentlichten Daten zeichnen ein düsteres Bild: Zwischen Januar und November haben 11’057 Unternehmen ihre Türen endgültig geschlossen.

Besonders alarmierend ist die Geschwindigkeit dieses Einbruchs. Die Krise stabilisiert sich nicht, sondern verschärft sich. Nach neun Monaten lag der Anstieg gegenüber dem Vorjahr bei knapp 20 %. Innerhalb von nur zwei Monaten hat sich dieser Wert auf 36 % beinahe verdoppelt. Diese rasche Verschlechterung deutet darauf hin, dass der Schweizer Markt gegen Jahresende für gefährdete Unternehmen zunehmend unwirtlich wird. So entsteht eine Schockwelle, die sich durch die gesamte Volkswirtschaft ausbreitet.

Bau und Gastronomie geraten unter Druck

Die Schäden sind nicht gleichmässig verteilt: Bestimmte Pfeiler der Schweizer Wirtschaft geraten stärker ins Wanken als andere. Am stärksten betroffen ist die Baubranche mit insgesamt 1’576 Konkursen. Dieser Sektor, der oft als wichtiger Indikator für die Wirtschaftslage gilt, gerät unter dem Druck des Marktes ins Straucheln.

Dicht dahinter folgt das Gastgewerbe, in dem 1’090 Betriebe ihren Betrieb eingestellt haben. Auch der Detailhandel verzeichnet mit 774 gemeldeten Insolvenzen erhebliche Verluste. Hinter diesen Zahlen stehen nicht nur Statistiken, sondern auch Tausende verlorene Arbeitsplätze und ein Rückgang lokaler Dienstleistungen. Während die Gesamtwirtschaft versucht, sich zu behaupten, stehen diese grundlegenden Branchen vor einer existenziellen Krise und können dem gegenwärtigen finanziellen Sturm kaum standhalten.

Das Gesetz als Hebel: Steuerrecht löst Konkurse aus

Der Anstieg der Insolvenzen ist nicht allein auf die Marktkräfte zurückzuführen, sondern wird durch eine entscheidende Änderung des Bundesrechts vorangetrieben. Seit dem 1. Januar 2025 verfügen die Steuerbehörden aufgrund einer wichtigen Gesetzesänderung über ein neues, einschneidendes Instrument. Bisher konnte der Staat ausstehende Steuern nur durch eine Pfändung von Vermögenswerten eintreiben. Neu können Steuerschulden bei im Handelsregister eingetragenen Unternehmen direkt ein Konkursverfahren auslösen.

Diese Verschärfung der Vorschriften hat als Katalysator gewirkt und Unternehmen aus dem Markt gedrängt, die bisher nur knapp überlebten. Der Staat wartet nicht mehr ab, sondern treibt verschuldete Firmen aktiv in die Insolvenz, um Gelder einzutreiben. Das erklärt den plötzlichen Anstieg der Zahlen: «Zombieunternehmen», die möglicherweise noch jahrelang weiterbestanden hätten, werden nun von den Steuerbehörden rasch liquidiert.

Trotz düsterer Lage: Das Paradox der Neugründungen

In einem bemerkenswerten Paradox bleibt der Schweizer Unternehmergeist trotz des Niedergangs etablierter Firmen ungebrochen. Trotz der Schliessungswelle ist die Zahl der Neugründungen in diesem Jahr auf knapp 49’000 gestiegen, ein kräftiger Zuwachs von 4,4 % gegenüber dem Vorjahr.

Die Innovationslandschaft verändert sich jedoch. Der Detailhandel, die Unternehmensberatung und die Immobilienbranche führen die Rangliste mit Tausenden von Neugründungen an. Im deutlichen Gegensatz dazu verzeichnet der einst boomende Bereich der IT-Dienstleistungen einen starken Rückgang: Die Zahl der Start-ups sank um 19,7 %. Auch im von Konkursen gebeutelten Gastgewerbe gibt es weniger Neugründungen, ein Rückgang um 10,4 %. Die Daten deuten auf einen Strukturwandel der Schweizer Wirtschaft hin: Kapital und Unternehmergeist fliessen aus der Technologie- und Gastgewerbebranche ab und in die Beratung und den Immobiliensektor. Damit verändert sich die künftige Wirtschaftslandschaft des Landes.