Klima
Schweizer Klimaanwältin zu einer der einflussreichsten Persönlichkeiten von TIME ernannt
Cordelia Bähr ist nach dem wegweisenden Sieg in einem Klimaprozess vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte die erste Schweizerin auf der TIME-Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten.

Cordelia Bähr hat die gläserne Decke internationaler juristischer Anerkennung durchbrochen und ist die einzige Schweizerin, die es in die Riege der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten des Jahres 2025 des TIME Magazine geschafft hat. Das ist nicht einfach eine Anerkennung für eine Anwältin, sondern eine eindrückliche Bestätigung einer Rechtsstrategie, die viele für unmöglich hielten. Bähr steht nun weltweit im Rampenlicht und wird in der prestigeträchtigen Kategorie «Pioneers» aufgeführt, die jenen vorbehalten ist, die sich auf unbekanntes Terrain wagen.
Die Bedeutung dieser Auswahl kann kaum überschätzt werden. Während die Schweizer Diplomatie oft im Hintergrund agiert, rückt Bährs Aufnahme den Schweizer Rechtsaktivismus ins Zentrum der globalen Debatte. Sie steht nun neben Staats- und Regierungschefs, Wirtschaftskapitänen und Kulturikonen und zeigt, dass der Gerichtssaal zur Frontlinie der Klimakrise geworden ist. Ihre Aufnahme signalisiert einen dramatischen Wandel in der weltweiten Wahrnehmung von Klimaklagen: Sie gelten nicht mehr als Randerscheinung, sondern als zentraler Pfeiler globalen Einflusses. Die Welt schaut zu, und Bähr gibt den Ton an.
Neun Jahre Kampf: Unermüdliche Prozessführung
Neun Jahre lang kämpfte Cordelia Bähr einen Kampf, der gegen die monolithische Staatsmaschinerie von Anfang an aussichtslos schien. Es war kein kurzes Scharmützel, sondern ein zermürbender juristischer Marathon. Bähr setzte sich «mit jeder Faser meines Herzens» für die Sache ein und gab auch dann nicht auf, als die Chancen unüberwindbar schienen. Sie vertrat die Seniorinnen für Klimaschutz (KlimaSeniorinnen), eine Gruppe, die Kritiker zunächst abtaten. Bähr erkannte jedoch die schlagkräftige juristische Grundlage hinter dem Aktivismus.
Ihre Beharrlichkeit hat sich nun reichlich ausgezahlt. Während andere Anwältinnen und Anwälte einen derart langwierigen Kampf vielleicht aufgegeben hätten, blieb Bähr dran und entwickelte ein juristisches Argument, das schliesslich die Verteidigung der Schweizer Regierung zu Fall bringen sollte. «Ich fühle mich zutiefst geehrt», sagte Bähr und würdigte damit die enorme Bedeutung dieses Weges. Die Anerkennung durch TIME ist der Höhepunkt von beinahe einem Jahrzehnt intensiver Arbeit, dem Einreichen von Anträgen und der Infragestellung des Status quo. Sie erinnert eindringlich daran, dass im hochriskanten Feld des Völkerrechts nur Beharrlichkeit zählt.
Beben: Ein Urteil für die Geschichtsbücher
Grundlage von Bährs weltweiter Anerkennung ist ein einzelnes, aufsehenerregendes Urteil vom April 2024, das die Regeln im Bereich der Menschenrechte neu schrieb. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in Strassburg fällte ein Urteil, das in Bern und darüber hinaus für Aufsehen sorgte: Die Schweiz hatte die Menschenrechte ihrer Bürgerinnen und Bürger verletzt. Das Gericht stellte ausdrücklich fest, dass die Schweizer Behörden keine wirksame Klimapolitik umgesetzt und damit das Recht auf Leben der älteren Frauen, die Bähr vertrat, unmittelbar beeinträchtigt hatten.
Das ist ein juristisches Erdbeben. Zum ersten Mal hat ein überstaatliches Gericht eine direkte, unmissverständliche Verbindung zwischen staatlicher Untätigkeit beim Klimaschutz und der Verletzung grundlegender Menschenrechte gezogen. Das Urteil hält fest, dass der Staat verpflichtet ist, seine Bevölkerung vor den Folgen eines sich erwärmenden Planeten zu schützen. Mit diesem Urteil hat Bähr nicht nur einen Fall gewonnen, sondern einen einschneidenden Präzedenzfall für Regierungen weltweit geschaffen. Die Botschaft ist klar: Untätigkeit beim Klimaschutz ist nicht mehr nur schlechte Politik, sie ist rechtswidrig.
Die Stimmen der Seniorinnen: Anerkennung und Genugtuung
Hinter den Rechtsschriften und den hochkarätigen Auszeichnungen steht eine Gruppe von Frauen, die sich nicht zum Schweigen bringen liess. Der Sieg gehört den Klimaseniorinnen ebenso wie ihrer Anwältin. Rosmarie Wydler-Wälti, Co-Präsidentin der Gruppe, fand klare Worte des Lobes: «Die Klimaseniorinnen hätten sich keine bessere Anwältin wünschen können.» Diese Zusammenarbeit zwischen einer entschlossenen Juristin und einer mobilisierten Bewegung an der Basis hat sich als wirksame Kombination gegen die Selbstzufriedenheit der Regierung erwiesen.
Die Anerkennung durch TIME ist die ultimative Bestätigung für diese Frauen. Oft wegen ihres Alters oder Geschlechts abgetan, sind sie nun auf der grössten Bühne der Welt anerkannt worden. Ihr von Bähr unterstützter Kampf hat sich von einem lokalen Anliegen zu einem globalen Symbol des Widerstands entwickelt. Während die Schweiz mit den Folgen des EGMR-Urteils ringt, ist das Vermächtnis dieser Zusammenarbeit bereits besiegelt. Sie haben bewiesen, dass sich selbst die hartnäckigsten politischen Hindernisse überwinden lassen, wenn juristisches Fachwissen auf unerschütterlichen zivilgesellschaftlichen Mut trifft.