Gesellschaft
Schweizer Kampagne gegen Gewalt in der Erziehung
Kinderschutz Schweiz lanciert die letzte Phase der nationalen Präventionskampagne gegen Gewalt von Eltern

Gewalt zu Hause beginnt oft mit einem einzigen, überwältigenden Moment der Belastung. Kinderschutz Schweiz begegnet dieser Realität direkt und lanciert am Montag die achte und letzte Phase seiner nationalen Präventionskampagne. Die Botschaft ist unverblümt und dringlich: «Bevor du explodierst, geh an die frische Luft.» Die Kampagne richtet sich an den entscheidenden Sekundenbruchteil, in dem eine häusliche Situation «explosiv» zu werden droht, und bietet Eltern, die an ihre Grenzen geraten, eine praktische Möglichkeit zur Deeskalation.
Die Organisation sieht Überforderung und die erdrückende Last des Alltagsstresses als Hauptauslöser elterlicher Aggression. Indem sie zu einer räumlichen Auszeit rät, also nach draussen zu gehen und durchzuatmen, soll die Kampagne die Eskalationsspirale unterbrechen, bevor jemand zu Schaden kommt. In der Theorie klingt das einfach, doch diese Unterbrechung des Verhaltens ist eine wichtige erste Schutzmassnahme in einem Land, in dem private Familiendynamiken lange vor der Öffentlichkeit abgeschirmt blieben. Diese letzte Phase bildet den Abschluss einer achtjährigen Bemühung, diese dunklen Realitäten ans Licht zu bringen, und fordert Eltern auf, ihre Auslöser zu erkennen, bevor Schaden entsteht.
Ein erschreckendes Ausmass verborgener Gewalt
Die Zahlen sind äusserst alarmierend. Trotz des Rufs der Schweiz als Land der Ordnung und Sicherheit zeigt eine im November 2024 vorgestellte Studie eine düstere Realität: Fast jedes zweite Kind im Land erlebt während des Aufwachsens körperliche oder psychische Gewalt. Das ist kein Randthema, sondern eine weitverbreitete gesellschaftliche Krise. Noch beunruhigender ist, dass jedes fünfte Kind regelmässig psychische Gewalt erleidet, während hartnäckig 7 % der Minderjährigen regelmässig körperlich bestraft werden.
Diese Zahlen zerstören die Illusion, häusliche Gewalt sei selten. Sie zeigen, dass für die Hälfte der jungen Menschen im Land das Zuhause kein Zufluchtsort, sondern ein Ort möglicher Gefahr ist. Kinderschutz Schweiz betont, dass diese Zahlen beweisen, Prävention sei nicht bloss eine wünschenswerte Initiative, sondern eine dringende und entscheidende Massnahme. Das enorme Ausmass des Problems, das fast 50 % der jungen Bevölkerung betrifft, verlangt eine entschlossene Reaktion, die über die Sensibilisierung hinausgeht und die gesellschaftliche Akzeptanz strafender Erziehung infrage stellt.
Von Empfehlungen zum Gesetz: die Änderung des Zivilgesetzbuchs
Die Schweiz macht endlich Fortschritte dabei, den Schutz ihrer Kinder gesetzlich zu verankern. Am 9. September fasste das Parlament den entscheidenden Beschluss, gewaltfreie Erziehung im Schweizerischen Zivilgesetzbuch zu verankern. Dieser gesetzgeberische Erfolg macht aus gewaltfreier Erziehung eine gesetzliche Vorgabe statt einer moralischen Empfehlung. Kinderschutz Schweiz warnt jedoch, dass die Gesetzesänderung nur der erste Schritt ist: Ohne aktive Umsetzung und Aufklärung bleibt das Gesetz bloss Tinte auf Papier.
Die Organisation argumentiert, dass die gesetzliche Anerkennung mit umfassenden Präventionsstrategien einhergehen muss, damit sie Wirkung entfaltet. Eltern müssen wissen, dass es alternative Handlungsmöglichkeiten gibt, und sie brauchen die Mittel, um diese zu nutzen. Die Aufnahme ins Zivilgesetzbuch signalisiert einen historischen Wandel in der Schweizer Politik und bringt das Land mit internationalen Kinderrechtsstandards in Einklang. Zugleich unterstreicht das Gesetz die Dringlichkeit der laufenden Kampagne: Eltern müssen lernen, wie sie sich in einer angespannten Situation an diesen neuen gesetzlichen Standard halten können.
Forderung nach staatlicher Verantwortung
Acht Jahre lang trug Kinderschutz Schweiz als unabhängige, durch Spenden finanzierte Organisation die Verantwortung für nationale Sensibilisierungskampagnen. Nun zieht sie eine klare Grenze. Da die Grundsätze der gewaltfreien Erziehung gesetzlich verankert sind, fordert die Organisation, dass die Verantwortung für eine nachhaltige Prävention auf den Bund und die Kantone übergeht. Die Zeit, in der man sich bei der Bewältigung einer Krise der öffentlichen Gesundheit allein auf private Spenden verliess, muss vorbei sein.
Regula Bernhard Hug, Direktorin von Kinderschutz Schweiz, hat die staatlichen Behörden direkt zum Handeln aufgefordert. Sie verlangt konkrete Unterstützungsangebote für Eltern und Fachpersonen, von präventiver Aufklärung bis hin zu Krisenberatung. Die Botschaft ist klar: Die NGO hat die Grundlagen gelegt und das Ausmass des Problems offengelegt, doch nun muss der Staat die Lösung finanzieren. Während die Kampagne in ihre letzte Phase tritt, steht die Regierung unter Druck zu beweisen, dass die neuen Gesetze mit den nötigen Mitteln unterlegt sind, um die Kinder in der Schweiz tatsächlich zu schützen.