Medien
Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft kündigt umfassende Restrukturierung an
Der öffentliche Rundfunk legt einen Sparplan über 270 Millionen Franken und eine organisatorische Neuausrichtung vor, um wettbewerbsfähig zu bleiben

Die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) steht vor einem finanziellen Abgrund, und die Zahlen sind alarmierend. In einem von Dringlichkeit geprägten Schritt hat der öffentliche Rundfunk bestätigt, dass er bis 2029 sage und schreibe 270 Millionen Franken einsparen muss, um zu überleben. Dabei handelt es sich nicht um eine kleine Kürzung, sondern um eine radikale Amputation, die 17 Prozent des gesamten Betriebsbudgets ausmacht.
Jean-Michel Cina, Verwaltungsratspräsident, fand am Montag in Bern deutliche Worte und erklärte, die SRG müsse sich «radikal neu aufstellen». Auslöser für diesen Umbruch ist das Transformationsprogramm Enavant, eine strategische Neuausrichtung, die den Rundfunk in einer Medienlandschaft über Wasser halten soll, die sich rasant verändert.
Während die Organisation mit steigenden Kosten und sinkenden Werbeeinnahmen kämpft, ist die Botschaft klar: Der Status quo ist vorbei. Die Zeit drängt: Bereits ab Anfang 2027 müssen 215 Millionen Franken an Einsparungen feststehen. Anders als frühere Sparmassnahmen, die schrittweise umgesetzt wurden, trifft diese Kürzung den Kern der Organisationsstruktur.
Arbeitsplätze auf der Kippe
Der Preis für das Überleben wird mit Arbeitsplätzen bezahlt. Eine «hohe dreistellige Zahl» von Stellen soll wegfallen. Das bestätigte Generaldirektorin Susanne Wille. Auch wenn die genaue Zahl noch offen ist, ist die Richtung im Vergleich zu den ersten Schätzungen von 1000 Stellenstreichungen im vergangenen Herbst eindeutig.
Für die derzeit 7130 Mitarbeitenden der SRG herrscht grosse Ungewissheit. Wille sprach offen über die Situation und räumte ein, dass sich Auswirkungen auf die Dienstleistungen nicht vermeiden lassen. «Das ist unvermeidlich», sagte sie und betonte, dass die strukturelle Anpassung jedem Gespräch über Inhalte vorausgehen müsse.
Dieser massive Abbau beim Personal ist eine der bedeutendsten Verkleinerungen in der Geschichte des Rundfunks. Die Organisation steht vor einem schmerzhaften Widerspruch: Sie muss mehr leisten, um wettbewerbsfähig zu bleiben, während sie mit deutlich weniger Mitarbeitenden arbeitet. Während die Restrukturierung voranschreitet, rückt nun die Frage in den Vordergrund, wie die SRG diesen Stellenabbau bewältigen kann, ohne ihre betriebliche Leistungsfähigkeit zu beeinträchtigen.
Ende der regionalen Silos
In einer historischen Kehrtwende reisst die SRG die Mauern zwischen ihren vier Sprachregionen nieder. Jahrzehntelang arbeiteten SRF, RTS, RSI und RTR weitgehend eigenständig. Nun müssen sie wichtige Bereiche in einer zentralisierten Organisation zusammenführen.
Die Restrukturierung betrifft bestimmte kostenintensive Bereiche: Sport, Fiktion, Produktion und Distribution. Künftig wird nicht mehr jede Region ihre eigenen Rechte für Grossanlässe wie die Olympischen Spiele verwalten oder unabhängig fiktionale Serien produzieren. Diese Abteilungen werden zusammengelegt, um Doppelspurigkeiten zu beseitigen und die Effizienz zu steigern.
Der Rundfunk betont jedoch, dass die kulturelle Vielfalt der Schweiz erhalten bleibt. Die Regionen behalten die Kontrolle über Nachrichten, Unterhaltung und Kultur, damit die sprachlichen Identitäten der Deutschschweiz, der Romandie, der italienischsprachigen Schweiz und der rätoromanischen Schweiz bewahrt werden. Die Zentralisierung von Supportfunktionen wie Personalwesen, Finanzen und IT signalisiert dennoch einen klaren Wandel hin zu einem einheitlichen, stärker unternehmensgeprägten Modell, das Effizienz über regionale Eigenständigkeit stellt.
Politischer Druck
Die Restrukturierung findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern ist eine direkte Reaktion auf den starken politischen Druck aus Bern. Der Bundesrat will die Radio- und Fernsehabgabe senken und schlägt vor, sie bis 2029 von 335 auf 300 Franken pro Jahr zu reduzieren.
Diese geplante Kürzung setzt die SRG finanziell unter Druck. Weil der Bund die Belastung der Haushalte verringern will, muss der Rundfunk seinen Umfang vorsorglich reduzieren. «Das ist unsere Antwort auf das Sparprogramm des Bundesrats», erklärte Cina und stellte damit einen direkten Zusammenhang zwischen der Neuausrichtung des Unternehmens und der Bundespolitik her.
Die Debatte über die Abgabe hat eine breitere Diskussion über die Rolle und die Kosten des öffentlichen Rundfunks in der Schweiz ausgelöst. Wenn die Abgabe sinkt, muss die SRG beweisen, dass sie auch zu einem tieferen Preis einen Mehrwert bieten kann. Dabei muss sie finanzielle Verantwortung mit ihrem Auftrag in Einklang bringen, die Bevölkerung zu informieren und zu unterhalten.
Technologie und internationale Präsenz neu ausgerichtet
Die Restrukturierung fordert ihr erstes Opfer im Unternehmensbereich: SWISS TXT. Die Tochtergesellschaft, die für ihre technologischen Dienstleistungen und den Teletext bekannt ist, wird aufgelöst und in die zentralisierte IT-Einheit des Mutterunternehmens integriert. Der ikonische Teletext bleibt bestehen, doch die dahinterstehende Gesellschaft wird als eigenständige Einheit aufhören zu existieren.
Unterdessen steht Swissinfo, die internationale Stimme der SRG, vor einer ungewissen Zukunft. Der Dienst wird zwar weitergeführt, aber näher an die anderen Geschäftseinheiten herangeführt und verliert dadurch einen Teil seiner operativen Unabhängigkeit. Der Bundesrat prüft derzeit im Rahmen des Sparpakets 2027 das Finanzierungsmodell von Swissinfo, was die Zukunft des Rundfunks zusätzlich verkompliziert.
Während sich die SRG auf eine schlankere und stärker zentralisierte Zukunft ausrichtet, unterstreicht die Integration von Technologie und internationaler Präsenz die Tragweite des Enavant-Plans. Der Rundfunk senkt nicht einfach nur die Kosten, sondern baut sein gesamtes Nervensystem um, um im digitalen Zeitalter zu überleben.