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Swiss Observer

Schweizer Armee lanciert Initiative für ein souveränes Satellitennetz

Das Schweizer Verteidigungsdepartement finanziert im Inland produzierte Satelliten und will ein unabhängiges Kommunikationsnetz aufbauen. Der erste Testsatellit ist bereits im Orbit.

Schweizer Armee lanciert Initiative für ein souveränes Satellitennetz
AISWI swissinfo.ch

Die Schweiz gibt sich nicht mehr damit zufrieden, am Boden neutral zu sein, sondern erhebt auch im All entschlossen Anspruch auf eine eigene Rolle. In einem entscheidenden Schritt zur Stärkung der nationalen Sicherheit hat das Schweizer Verteidigungsdepartement mit dem Aufbau eines souveränen Satellitennetzes begonnen und damit die historische Abhängigkeit des Landes von ausländischer Weltrauminfrastruktur aufgebrochen. Die Initiative, die vom Genfer Technologieunternehmen Wisekey vorangetrieben wird, hat bereits ihren ersten Testsatelliten in den Orbit gebracht. Dieser wichtige Vermögenswert überfliegt nun täglich dreimal den Schweizer Luftraum.

Der im Januar von Kalifornien aus mit einer Rakete von SpaceX gestartete, schreibtischgrosse Wächter steht für eine stille Revolution in der Schweizer Verteidigungsstrategie. Die Hardware, eine kompakte graue Box mit Solarpanels, mag unscheinbar wirken, doch ihre Bedeutung ist enorm. Wisekey-CEO Carlos Moreira bestätigte die aktive Partnerschaft und erklärte unmissverständlich, dass das Unternehmen zwar Eigentümer bleibe, der Satellit jedoch direkt an die Schweizer Armee vermietet werde. Dabei handelt es sich nicht bloss um ein wissenschaftliches Experiment, sondern um das Fundament einer neuen Ära, in der Bern seine eigenen Datenströme aus dem All kontrolliert. So soll sichergestellt werden, dass das Schweizer Militär in Krisenzeiten die alleinige Kontrolle über seine Kommunikation behält.

Das digitale Schlachtfeld

Moderne Gefechte werden von Daten bestimmt, und die Schweiz handelt rasch, damit ihre Kommandanten nie im Dunkeln stehen. In der aktuellen Testphase werden militärische Anwendungen genau geprüft, die weit über einfache Kommunikation hinausgehen. Das Internet der Dinge (IoT) wird direkt in Gefechtsszenarien integriert. Dieser Technologiesprung soll den Schweizer Streitkräften eine bisher unerreichte Lageübersicht verschaffen.

Über dieses souveräne Netz will die Armee Truppen, Waffensysteme und weitere Ressourcen in Echtzeit und mit hoher Genauigkeit verfolgen. «So kann ein Kommandant jederzeit den Standort seiner Truppen und Waffen kennen», heisst es in der Projektbeschreibung. Viel steht auf dem Spiel: In einem Konflikt entscheidet die Fähigkeit, eine verschlüsselte und störungssichere Verbindung zu den Einheiten vor Ort aufrechtzuerhalten, über Sieg oder Chaos. Der nächste Satellitenstart ist für Juni geplant, fünf weitere sind in Vorbereitung. Damit soll die Abdeckung deutlich dichter werden. Das Netz wird es Schweizer Antennen am Boden ermöglichen, unabhängig von Störungen auf der Erde sichere Signale zu empfangen. So entsteht ein digitaler Schutzschild, der ebenso stark ist wie das physische Gelände der Alpen.

Die Abhängigkeit vom Ausland aufbrechen

Zu lange war die Schweiz bei der Weltraumaufklärung im Schatten ausländischer Mächte tätig und stützte sich bei Satellitenbildern auf ein Kooperationsabkommen mit Frankreich. Diese Verwundbarkeit wird nun systematisch abgebaut. Die geopolitischen Schockwellen des Kriegs in der Ukraine, in dem Kyjiws Verteidigung von Elon Musks Starlink-System abhängt, waren für Bern ein Weckruf. Die Lehre ist hart, aber klar: Bei kritischer Infrastruktur auf externe Anbieter angewiesen zu sein, ist ein strategischer Nachteil.

«Von einem anderen Land abhängig zu sein, ist unerwünscht», sagt Wisekey-CEO Carlos Moreira und bringt damit die Dringlichkeit der Situation auf den Punkt. In einer Welt, in der sich Bündnisse verändern und kommerzielle Interessen die nationale Sicherheit überlagern können, muss die Schweiz selbst über den «Ausschalter» verfügen. Mit dem Aufbau eines eigenen Netzes schirmen sich die Schweizer Streitkräfte gegen die Launen ausländischer Regierungen und Technologiekonzerne ab. Bei dieser Initiative geht es nicht nur um Technologie, sondern auch um ein Bekenntnis zur digitalen Souveränität. Das Ziel ist vollständige Autonomie: Schweizer Daten sollen in Schweizer Händen bleiben, über Schweizer Hardware geleitet und nach Schweizer Recht verwaltet werden.

Die Wirtschaftlichkeit des Orbits

Die Zugangshürden zur Dominanz im All sind deutlich gesunken, und die Schweiz nutzt diesen Wandel mit grosser Entschlossenheit. Die Zeit der Satelliten, die mehrere Milliarden Franken kosten, geht zu Ende. Die neue Strategie setzt auf Flexibilität und eine grosse Anzahl Satelliten. Bei Investitionskosten von lediglich CHF 500'000 pro Einheit ist der Aufbau einer leistungsfähigen Konstellation für ein Land von der Grösse der Schweiz nun finanziell tragbar. Diese Demokratisierung der Weltraumtechnologie ermöglicht eine ambitionierte Vision: Ein Schwarm von 100 Satelliten soll künftig die Erde in einer niedrigen Umlaufbahn umkreisen.

Das Bundesamt für Rüstung (armasuisse) hat dieses Ökosystem mit Forschungsaufträgen im Umfang von CHF 250'000 bereits angestossen, doch die Hauptlast trägt der Privatsektor. Wisekey investiert Millionen in das Projekt und setzt auf eine langfristige, wechselseitige Partnerschaft mit dem Militär. Dieses Modell der öffentlich-privaten Partnerschaft ist entscheidend. Es ermöglicht der Schweizer Armee den Zugang zu modernster Technologie, ohne dass sie die gesamten Entwicklungskosten tragen muss. Gleichzeitig können weitere Bundesstellen und Organisationen das Netz nutzen. Während die Kosten für den Zugang zum Orbit sinken, wächst die strategische Reichweite der Schweiz. Das zeigt: Im neuen Wettlauf ins All ist eine kluge Finanzierung ebenso wirkungsvoll wie fortschrittliche Ingenieurskunst.