Schweizer Armee
Angesichts geopolitischer Spannungen erwägt die Schweizer Armee, stillgelegte Bunker wieder in Betrieb zu nehmen
Das Schweizer Verteidigungsdepartement prüft, ob alte, nicht mehr genutzte Militärbunker wieder in Betrieb genommen werden können, um Vorräte, Ausrüstung und Munition zu lagern. Dieser Schritt ist Teil einer breiteren Neubewertung der Landesverteidigung und Widerstandsfähigkeit angesichts der aktuellen Sicherheitslage in Europa.

Die Schweiz entstaubt ihr Erbe aus dem Kalten Krieg, während in Europa die Kriegstrommeln dröhnen. Das Eidgenössische Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) hat einen grundlegenden Strategiewechsel bestätigt: Die Schweizer Armee erwägt nun aktiv, ihr weitläufiges, stillgelegtes Bunkernetz wieder in Betrieb zu nehmen. Das ist keine Übung. Das angespannte geopolitische Klima hat die Illusion eines dauerhaften Friedens erschüttert und Bern gezwungen, sich einer Realität zu stellen, in der «Schutz, Widerstandsfähigkeit und Dezentralisierung» keine Schlagworte mehr sind, sondern überlebenswichtige Erfordernisse. Angesichts steigender Sicherheitsanforderungen sucht die Armee nach sicheren, gehärteten Standorten, um die Lebensadern einer modernen Streitkraft unterzubringen. Von lebenswichtigen Medikamenten über hochmoderne elektronische Ausrüstung bis hin zu tödlicher Munition: Das Schweizer Militär will sich wieder tief unter die Erde begeben. Dieser Schritt signalisiert eine tiefgreifende Wende in der Landesverteidigung: Verstaubte Relikte des 20. Jahrhunderts werden in wichtige Güter für die Abschreckung im 21. Jahrhundert verwandelt.
Das unterirdische Netzwerk mobilisieren
Das Bundesamt für Rüstung, armasuisse, hat offiziell eine öffentliche Ausschreibung lanciert, um diesen unterirdischen Anlagen neues Leben einzuhauchen. Es ist eine Suche nach Innovation, bei der viel auf dem Spiel steht. Die Armee sucht nicht einfach nur Lagerraum, sondern kostengünstige und zukunftsweisende Möglichkeiten, ein Portfolio wieder zu nutzen, das von Munitionskavernen und Militärspitälern bis hin zu Flugzeugkavernen und Kommandoposten reicht. Die genaue Zahl der betroffenen Anlagen bleibt ein streng gehütetes Staatsgeheimnis, doch der Umfang ist beträchtlich. Das Militär benötigt dezentralisierte Stützpunkte, um Verbrauchsmaterial und Ersatzteile zu lagern, die in einem langwierigen Konflikt entscheidend sein könnten. Indem die Schweizer Armee ihre Ressourcen über die zerklüftete Alpenlandschaft verteilt, will sie einzelne Schwachstellen ausschalten. Diese Strategie der «aktiven Dezentralisierung» stellt sicher, dass das Rückgrat der Landesverteidigung intakt bleibt, selbst wenn ein Stützpunkt kompromittiert wird. Die Ausschreibung lädt die klügsten Köpfe dazu ein, die logistische Herausforderung zu lösen, feuchte, vergessene Tunnel in hochmoderne Versorgungsdepots umzuwandeln.
Eine gewaltige Überlebensinfrastruktur
Die unterirdischen Kapazitäten der Schweiz sind legendär: Es gibt unglaubliche 9 000 000 geschützte Plätze. Theoretisch kann das Land damit seine gesamte Bevölkerung und noch mehr in seinen 370 000 privaten und öffentlichen Schutzräumen unterbringen. Die spezifischen «Verteidigungsbauten» des Militärs, deren Zahl historischen Quellen zufolge auf rund 20 000 geschätzt wird, gehören jedoch einer anderen Bereitschaftsstufe an. Dazu zählen Geschützstellungen, geschützte Unterkünfte und gehärtete Schutzräume, die den Erschütterungen moderner Kriegsführung standhalten sollen. Während öffentliche Schutzräume auf die Sicherheit der Zivilbevölkerung ausgerichtet sind, bilden diese 20 000 militärischen Anlagen das Getriebe der Kriegsmaschinerie. Das gewaltige Ausmass dieser Infrastruktur zeugt von der Schweizer Reduitstrategie, dem historischen Bekenntnis, die Alpen in eine uneinnehmbare Festung zu verwandeln. Heute wird dieses Bekenntnis erneuert. Die Armee steht vor der logistischen Herausforderung, dieses umfangreiche Portfolio zu bewältigen und sicherzustellen, dass das Erbe der Vergangenheit zum Schutzschild der Zukunft wird.
Eine neue Ära der bewaffneten Neutralität
Die Wiederinbetriebnahme der Bunker ist mehr als ein logistischer Schritt: Sie ist ein deutliches Zeichen für die Zukunft der Schweizer Neutralität. Während die Stimmberechtigten die Grundsätze der Neutralität neu überdenken, geht die Armee kein Risiko ein. Die Botschaft ist klar: Die Schweiz wird sich mit allen verfügbaren Mitteln verteidigen, auch mit jenen, die tief in ihren Bergen verborgen sind. Der Übergang von «stillgelegt» zu «betriebsbereit» spiegelt eine Welt wider, in der es keinen Spielraum mehr für Selbstzufriedenheit gibt. Mit Blick auf die Zukunft wird die erfolgreiche Einbindung dieser Bunker die Widerstandsfähigkeit der Schweiz für Jahrzehnte neu definieren. Sie signalisiert der Welt, dass die Schweiz zwar neutral, aber keineswegs passiv ist. Die Alpen werden wieder aufgerüstet, und die Verteidigungsstrategie des Landes schlägt tiefere Wurzeln im Erdreich. Wie die Studie von armasuisse zum Schluss kommt, dürften die Ergebnisse den Weg für eine mehrjährige Erneuerung der nationalen Sicherheitsinfrastruktur ebnen und sicherstellen, dass die Festung Schweiz in einem zunehmend instabilen Europa ebenso wehrhaft bleibt wie eh und je.