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Swiss Observer

Antisemitische Vorfälle in der Schweiz bleiben auf hohem Niveau, zeigt neuer Bericht

Ein Bericht für 2025 zeigt, dass antisemitische Vorfälle in der Schweiz weiterhin auf hohem Niveau liegen. Die Zahl der Online-Fälle stieg um 37 Prozent auf beinahe 2'200. Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) stellte fest, dass sich zwei Drittel dieser Vorfälle auf Telegram ereigneten und Verschwörungstheorien die häufigste Art von Kommentaren waren.

Antisemitische Vorfälle in der Schweiz bleiben auf hohem Niveau, zeigt neuer Bericht
AISWI swissinfo.ch

Im Jahr 2025 fluteten erschreckende 2'200 antisemitische Vorfälle die digitale Welt der Schweiz. Damit wurde ein kritischer Wendepunkt für Hassrede in der Eidgenossenschaft erreicht. Gegenüber dem Vorjahr entspricht dies einem alarmierenden Anstieg um 37 Prozent und zerstört die Illusion, dass sich die Feindseligkeit im Internet stabilisiert. Der jüngste Bericht des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG) und der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus zeichnet ein düsteres Bild: Der Hass hält nicht nur an, sondern breitet sich immer schneller aus.

Während die Schweiz stolz auf ihre Stabilität ist, erzählt die digitale Landschaft eine andere, deutlich volatilere Geschichte. Der Anstieg von 1'600 Fällen im Jahr 2024 auf beinahe 2'200 im Jahr 2025 zeigt, dass der Antisemitismus im Internet einen fruchtbaren und wachsenden Nährboden gefunden hat. Es handelt sich nicht um einen vorübergehenden Ausschlag, sondern um ein systemisches Versagen bei der Eindämmung von Hass. Der Bericht umfasst die deutsch-, italienisch- und rätoromanischsprachige Schweiz und belegt damit, dass dieses Problem Kantonsgrenzen überschreitet. Wir erleben eine Flut von Feindseligkeit, die nicht nachlässt und den gesellschaftlichen Zusammenhalt im digitalen Raum der Schweiz infrage stellt.

Telegram: Der unkontrollierte Nährboden

Zwei Drittel aller erfassten Online-Vorfälle spielen sich inzwischen auf einer einzigen Plattform ab: Telegram. Die Messaging-App hat sich als wichtigste Plattform für antisemitische Hetze in der Schweiz etabliert und übertrifft damit traditionelle soziale Netzwerke und Kommentarspalten von Nachrichtenmedien. Zwar ist Hassrede auf allen grossen Plattformen verbreitet, doch die verschlüsselten, kaum moderierten Kanäle von Telegram sind für Extremisten zu bevorzugten Echokammern geworden.

Auch die Inhalte sind so beunruhigend wie ihre Anzahl. Verschwörungstheorien dominieren inzwischen die Diskussion und machen 42 Prozent aller analysierten Kommentare aus. Dabei geht es nicht bloss um beiläufige Beleidigungen, sondern um komplexe, gefährliche Erzählungen, die jahrhundertealte Klischees aufgreifen und für ein modernes Publikum neu verpacken. Der Bericht weist auch darauf hin, dass Kommentarspalten von Online-Zeitungen weiterhin umkämpfte Orte sind. Das zeigt, dass selbst etablierte Plattformen nicht immun sind. Die Daten sind eindeutig: Die Architektur dieser Plattformen begünstigt aktiv eine Verbreitungskette des Hasses, die Schweizer Behörden und Technologieunternehmen nur schwer aufbrechen können.

Der trügerische Rückgang der Gewalt im realen Leben

Auf den ersten Blick deuten die Zahlen auf eine Entspannung hin: Die Vorfälle im realen Leben gingen 2025 um ein Fünftel auf 177 Fälle zurück. Diese Statistik verschleiert jedoch eine gefährliche Realität. Die aktuellen Zahlen liegen zwar unter dem Höchststand von 2024, sind aber weiterhin dreimal so hoch wie vor dem Krieg im Jahr 2022, als lediglich 57 Vorfälle registriert wurden. Von einer Rückkehr zur Normalität kann keine Rede sein: Die Grundlinie des Hasses hat sich grundlegend nach oben verschoben.

Die Aufschlüsselung dieser 177 Fälle ist ernüchternd: fünf direkte Gewalttaten, 42 aggressive Beleidigungen und 80 antisemitische Äusserungen. Der Krieg im Nahen Osten ist weiterhin ein starker Auslöser und steht hinter mehr als einem Drittel dieser Vorfälle im realen Leben. Es wäre ein Fehler, den Rückgang der Zahlen als Erfolg zu betrachten. Die anhaltende körperliche und verbale Aggression zeigt, dass die geopolitischen Spannungen vom Oktober 2023 eine bleibende Narbe in der Schweizer Gesellschaft hinterlassen haben. Wir erleben keine Lösung, sondern eine Verfestigung des Antisemitismus in unseren Strassen und im öffentlichen Raum.

Erosion des Sicherheitsgefühls: die menschlichen Folgen

Die Statistiken übersetzen sich für die jüdische Gemeinschaft in der Schweiz in eine beunruhigende Realität: eine erhebliche Aushöhlung des Sicherheitsgefühls. Der SIG und die Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus warnen, dass die unablässig hohe Zahl von Vorfällen die gesellschaftliche Teilhabe von Jüdinnen und Juden in der Schweiz zunehmend einschränkt. Es geht nicht bloss um verletzte Gefühle, sondern um das Recht, ohne Angst öffentlich präsent zu sein.

Beide Organisationen warnen eindringlich vor einer Normalisierung dieses Hasses. Es besteht die wachsende Gefahr, dass die Schweizer Gesellschaft diese erhöhten Ausmasse des Antisemitismus als unvermeidliches Hintergrundrauschen hinnimmt. «Einer solchen Entwicklung muss entschieden entgegengewirkt werden», forderten die Organisationen in ihrem Bericht. Wenn sich eine Gemeinschaft aus Sicherheitsgründen aus dem öffentlichen Leben zurückziehen muss, versagt die Demokratie. Die Daten verlangen mehr als blosses Beobachten: Sie verlangen eine gesellschaftliche Weigerung, Hass als Normalzustand hinzunehmen.