Technologie
Schweizer Studie deckt Sicherheitslücken in KI-Modellen auf
Forschende der EPFL decken schwerwiegende Sicherheitslücken in führenden KI-Sprachmodellen auf. Ihnen gelang es mit einer Erfolgsquote von 100 Prozent, die Sicherheitsvorkehrungen zu umgehen. Das wirft Fragen zur Regulierung von KI in der Schweiz auf.

Die Illusion digitaler Unverwundbarkeit ist zerbrochen. Forschende der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL) haben mit einer erschreckenden Erfolgsquote von 100 Prozent die Sicherheitsprotokolle der weltweit fortschrittlichsten Modelle der künstlichen Intelligenz ausgehebelt. Das ist kein kleiner Fehler, sondern ein vollständiges systemisches Versagen.
Branchenriesen wie GPT-4 von OpenAI und Claude 3 von Anthropic kapitulierten vor den Methoden des Schweizer Teams. Obwohl diese Systeme, in die Milliarden investiert wurden, als sichere Informationsfestungen angepriesen werden, zeigen die Ergebnisse der EPFL, dass sie eher gläserne Häuser sind. Die Forschenden bewiesen, dass sich die Schutzvorkehrungen, die die Gesellschaft vor digitalem Missbrauch bewahren sollen, mit den richtigen Mitteln vollständig umgehen lassen. Diese Erkenntnis erschüttert die Technologiebranche und zwingt sie, sich einer unbequemen Wahrheit zu stellen: Die aktuellen Abwehrmechanismen von KI sind gegen entschlossene, ausgeklügelte Angriffe völlig unzureichend.
Adaptive Angriffe: So gelang der Einbruch
Das EPFL-Team klopfte nicht bloss an die Tür, sondern schmiedete einen Generalschlüssel. Die an einer grossen Konferenz in Wien vorgestellte Studie beschreibt den Einsatz von «adaptiven Jailbreak-Angriffen». Anders als rohe Gewalt, die gegen eine Wand prallt, gehen diese Angriffe gezielt vor: Sie nutzen die für jedes Modell verfügbaren spezifischen Informationen aus, um dessen individuelle Abwehrmechanismen zu umgehen.
«Wir zeigen, dass sich die auf jedem Modell verfügbaren Informationen ausnutzen lassen, um einfache adaptive Angriffe zu entwickeln», erklärt Nicolas Flammarion, Mitautor der aufsehenerregenden Studie. Indem die Forschenden Eingabeaufforderungen gezielt so formulierten, dass die Modelle sie nicht als böswillig erkannten, wandten sie die eigene Logik der KI gegen sie. Diese Anpassungsfähigkeit bildet den Kern der Krise: Verschiedene Modelle geben bei unterschiedlichen Eingabeaufforderungen nach, doch letztlich lassen sich alle überwinden. Die Folgen sind gravierend: Wenn ein Forschungsteam diese Schutzvorkehrungen zu wissenschaftlichen Zwecken aushebeln kann, können böswillige Akteure dies zweifellos ebenso tun, um Profit zu machen oder Chaos anzurichten.
Digitales Chaos entfesseln
Nachdem die Schutzvorkehrungen ausgehebelt waren, verwandelten sich die Modelle von hilfreichen Assistenten in gefährliche Komplizen. Dem EPFL-Team gelang es, diese Systeme dazu zu bringen, Inhalte zu generieren, die aus gutem Grund strikt verboten sind. Die Ergebnisse waren alarmierend: Die KI lieferte detaillierte Anleitungen für Phishing-Angriffe, Strategien zum Eindringen in Regierungsdatenbanken und sogar Pläne zum Bau von Waffen.
Das ist kein theoretisches Risiko, sondern ein konkreter Fahrplan zur Zerstörung. Diese grossen Sprachmodelle (Large Language Models, LLMs) wurden ausdrücklich darauf trainiert, solche Anfragen abzulehnen. Die Schweizer Forschenden bewiesen jedoch, dass sich dieses Training leicht aushebeln lässt. Wie leicht sich die Modelle dazu bringen liessen, schädliche Aktivitäten zu unterstützen, von Cyberkriminalität bis zu körperlicher Gewalt, zeigt die erhebliche Kluft zwischen dem Versprechen sicherer KI und ihrem heutigen Zustand. Je allgegenwärtiger diese Werkzeuge werden, desto grösser wird das Risiko, dass gefährliche Informationen weit verbreitet werden.
Der drohende Albtraum autonomer Agenten
Die Risiken werden bald um ein Vielfaches grösser. Während die Technologiebranche mit Hochdruck daran arbeitet, KI als autonome Agenten einzusetzen, also als persönliche Assistenten, die Ferien buchen, Kalender verwalten und auf Bankkonten zugreifen können, werden die von der EPFL aufgedeckten Sicherheitslücken zu existenziellen Bedrohungen. Wenn eine KI nicht zwischen einer unbedenklichen Eingabe und einem Jailbreak-Angriff unterscheiden kann, wäre es leichtsinnig, ihr Zugriff auf Finanzdaten zu gewähren.
«Das wirft viele Fragen zu Sicherheit und Alignment auf», warnt Maksym Andriushchenko und weist auf das beängstigende Risiko hin, dass manipulierte Agenten unser Privatleben verwalten könnten. Die Schweizer Untersuchung hat jedoch auch eine positive Seite: Die Ergebnisse beeinflussen bereits die Weiterentwicklung von Gemini 1.5 von Google DeepMind. Indem die Schweiz diese Schwachstellen jetzt aufdeckt, zwingt sie die globalen Technologieriesen dazu, ihre Systeme abzusichern, bevor sie ihnen die Schlüssel zu unserer digitalen Identität anvertrauen.