Technologie
Schweizer KI-Modell Apertus wird missverstanden, sagt ein Experte
Ein Informatikprofessor erläutert die Ziele des in der Schweiz entwickelten KI-Modells Apertus, geht auf Kritik ein und erklärt dessen vorgesehenen Zweck.

Kritiker, die das Schweizer KI-Modell Apertus wegen seiner schwachen Leistung im Chat kritisieren, liegen falsch. Seit dem viel beachteten Start am 2. September 2025 ist das Modell einer Welle der Skepsis von Nutzerinnen und Nutzern ausgesetzt, die einen ausgereiften Gesprächspartner erwarten. Philippe Cudré-Mauroux, ein führender Informatikprofessor an der Universität Freiburg, betont jedoch, diese Kritiker hätten die DNA des Projekts grundlegend «falsch verstanden».
Apertus ist kein Schweizer ChatGPT, das die Massen unterhalten soll, sondern eine unverarbeitete, industrietaugliche Engine für Wissenschaft und Unternehmen. «Dass mehrere Websites die Apertus-Modelle zur Erstellung eines Gesprächsagenten verwenden, hat für Verwirrung gesorgt», sagt Cudré-Mauroux unverblümt. Während sich die Öffentlichkeit mit frühen, abgeleiteten Chatbots auseinandersetzt, die möglicherweise halluzinieren, bleibt die Kerntechnologie ein robustes, generisches grosses Sprachmodell (LLM), das noch feinabgestimmt werden muss. Der Experte betont, wie wichtig es ist, zwischen der Kern-Engine und den darauf aufbauenden Anwendungen für Endnutzerinnen und Endnutzer zu unterscheiden. Dies ist ein Werkzeug für Fachleute, kein Taschenspielertrick.
David gegen Goliath: Der Kampf um die Parameter
Im brutalen Wettstreit um die globale KI geben Zahlen oft die Richtung der Debatte vor, und Apertus führt einen strategischen asymmetrischen Kampf. Die leistungsstärkste Version des Modells verfügt über 70 Milliarden Parameter. Das ist eine beträchtliche Zahl, verblasst jedoch gegenüber den beeindruckenden 175 Milliarden Parametern der vorherigen Generation GPT-3. Doch die reine Grösse ist nicht der einzige entscheidende Massstab.
Laut Cudré-Mauroux bieten 70 Milliarden Parameter eine «gute Grundlage», mit der sich komplexe Verwaltungsaufgaben automatisieren und neue, spezialisierte KI-Systeme entwickeln lassen. Das Modell ist auf Hugging Face in Versionen mit 8 Milliarden und 70 Milliarden Parametern verfügbar und setzt eher auf Zugänglichkeit als auf reine Rechenleistung. Zwar kann es derzeit beim schieren Datenumfang nicht mit OpenAI oder den riesigen chinesischen Konzernen mithalten, was bei unveränderten Benchmark-Tests zu geringerer Genauigkeit führt. Es bietet jedoch eine schlanke, anpassungsfähige Grundlage. Die Strategie ist klar: Schweizer Forschenden eine leistungsfähige, formbare Basis bieten, statt sich auf ein aussichtsloses Wettrüsten um das grösste und schwerfälligste Modell der Welt einzulassen.
Radikale Transparenz im «Wilden Westen»
Wir leben im «Wilden Westen» der internationalen Big-Tech-Unternehmen, wo undurchsichtige Algorithmen die digitale Realität bestimmen. Im deutlichen Gegensatz dazu steht Apertus als Bastion der Ethik. Es ist eines der ersten vollständig transparenten Modelle überhaupt, ein Anspruch, den die amerikanischen und chinesischen Tech-Giganten schlicht nicht erheben können.
«Die meisten amerikanischen und chinesischen KI-Systeme sind sehr undurchsichtig», warnt Cudré-Mauroux und verweist auf die verborgenen Voreingenommenheiten und geheimen Datensätze, die den Konkurrenzmodellen zugrunde liegen. Apertus kehrt dieses Prinzip um und macht seine gesamte Lernmethode öffentlich. Diese radikale Offenheit ist nicht nur ein moralischer Erfolg, sondern auch eine geschäftliche Notwendigkeit für lokale Unternehmen und Forschende, die die vollständige Kontrolle über die Sicherheit ihrer Daten verlangen. Indem die Eidgenössischen Technischen Hochschulen (ETH Zürich und EPFL) und das CSCS den «Black-Box»-Ansatz ablehnen, positionieren sie die Schweiz als globalen sicheren Hafen für die Entwicklung ethischer KI. Vertrauen ist in diesem volatilen Markt die wichtigste Währung.
Der Preis der Souveränität
Die Zeit für die digitale Unabhängigkeit der Schweiz läuft ab. Apertus ist zwar ein vielversprechender «erster Schritt», doch Cudré-Mauroux stellt ein ernüchterndes Ultimatum: Die Finanzierung muss deutlich steigen, sonst droht der Schweiz die Bedeutungslosigkeit. Derzeit stellt das Land deutlich weniger Mittel für die KI-Entwicklung bereit als seine industrialisierten Nachbarländer. Diese Lücke droht sich zu einem tiefen Graben auszuweiten.
«Wenn die Schweiz auf der Stelle tritt, ist unsere Selbstbestimmung langfristig eindeutig gefährdet», erklärt der Professor. Es geht nicht nur um Software, sondern um die Fähigkeit eines Landes, seine eigene digitale Infrastruktur zu steuern, ohne auf ausländische Mächte angewiesen zu sein. Apertus ist kein fertiges Produkt. Es braucht Weiterentwicklung, Investitionen und Vertrauen. Ohne eine deutliche Erhöhung der finanziellen Unterstützung, um diese Modelle zu verbessern und Halluzinationen zu beseitigen, könnte sich die Schweiz in der neuen digitalen Weltordnung als Vasallenstaat wiederfinden. Die Technologie ist da, doch der politische Wille, sie zu finanzieren, muss sofort folgen.