Wissenschaft
Schweizer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fordern Beendigung des Forschungspakts mit Israel
Über 250 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der Schweiz haben einen offenen Brief an die Regierung unterzeichnet. Darin fordern sie die sofortige Beendigung eines Forschungsabkommens mit Israel, bezeichnen den Pakt als «Mitschuld an Verbrechen in Gaza» und verlangen eine Prüfung von Hochschulprojekten auf Verbindungen zum israelischen Militär.

Eine eindrückliche Koalition von über 250 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern hat einen Frontalangriff auf die Schweizer Aussenpolitik gestartet und fordert die sofortige Kappung der wissenschaftlichen Verbindungen zwischen Bern und Tel Aviv. In einem mutigen offenen Brief an das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) weigern sich diese Forschenden, zu schweigen. Sie bezeichnen den bestehenden Forschungspakt als nichts Geringeres als «Mitschuld an Verbrechen in Gaza». Dabei geht es nicht bloss um die Forderung nach einem Dialog, sondern um die Aufhebung des Abkommens von 2022, das die wissenschaftlichen Beziehungen stärken sollte.
Die grosse Zahl der Unterzeichnenden signalisiert einen tiefen Bruch innerhalb der Schweizer Wissenschaftsgemeinschaft. Die vom Kollektiv für akademische Freiheit, Demokratie und Solidarität (Clads) organisierte Mobilisierung bedeutet eine deutliche Zunahme des innenpolitischen Drucks. Während die Schweizer Regierung traditionell Neutralität und wissenschaftliche Zusammenarbeit priorisiert hat, deutet dieser Aufstand an den eigenen Hochschulen darauf hin, dass die ethischen Kosten eines «Weiter wie bisher» für die geistige Elite des Landes zu hoch geworden sind.
Vorwürfe der Mitschuld und der «Völkermordpolitik»
Die Sprache der Unterzeichnenden ist von beispielloser Schärfe. Der Brief stellt ausdrücklich eine Verbindung zwischen Schweizer Hochschulen und der «Völkermordpolitik» der Regierung des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu her, wie die Unterzeichnenden sie nennen. An vorderster Front steht die Lausanner Professorin Julia Steinberger, eine prominente Stimme im Klimaaktivismus. Sie argumentiert, die bestehende Partnerschaft verleihe Israel auf der internationalen Bühne einen «privilegierten und deshalb noch problematischeren Status».
Dies ist eine direkte Herausforderung der Vorstellung wissenschaftlicher Neutralität. Clads, 2024 gegründet, argumentiert, dass sich die Wissenschaft nicht von der geopolitischen Realität des Konflikts in Gaza trennen lasse. Die Unterzeichnenden vertreten die Ansicht, dass die Schweiz durch die Aufrechterhaltung des Abkommens zwischen dem Schweizerischen Nationalfonds und der Israel Science Foundation Handlungen normalisiere, die gegen das humanitäre Völkerrecht verstossen. Der Vorwurf ist klar: Indem Bern diese Projekte finanziert und ermöglicht, ist es nicht Beobachter, sondern Beteiligter.
Forderung nach einer forensischen Prüfung militärischer Verbindungen
Über die Rhetorik hinaus fordern die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler konkrete, sofortige Massnahmen: eine forensische Prüfung aller laufenden Hochschulprojekte, um Verbindungen zum israelischen Militär aufzudecken. Die Unterzeichnenden verlangen vom SBFI, jede Zusammenarbeit genau zu überprüfen, damit Schweizer Innovationen nicht die Kriegsmaschinerie befeuern. Diese Forderung nach einer Prüfung trifft den Kern des Dual-Use-Charakters moderner Forschung, bei der wissenschaftliche Durchbrüche häufig direkt militärisch genutzt werden können.
Eine solche Prüfung hätte weitreichende Folgen für die Schweizer Hochschullandschaft. Sie würde eine detaillierte Überprüfung der Finanzierungsströme, des Datenaustauschs und des Technologietransfers erfordern. Die Unterzeichnenden fordern die Regierung damit faktisch auf, die eigenen wissenschaftlichen Ergebnisse zu kontrollieren und so die Dynamik des Abkommens von 2022 umzukehren, das auf eine «Intensivierung» der Innovation zwischen den beiden Ländern abzielte. Für diese Forschenden hängt die Integrität der Schweizer Bildung davon ab, nachzuweisen, dass ihre Labors keine Erweiterungen eines ausländischen Schlachtfelds sind.
Schweigen der Regierung angesichts wachsenden Drucks
Während die Empörung zunimmt, bleibt die Reaktion aus Bern auffällig zurückhaltend. Das Eidgenössische Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung hat es abgelehnt, sofort Stellung zu beziehen, und lediglich erklärt, es warte auf eine Antwort, die derzeit vom SBFI vorbereitet werde. Dieses bürokratische Zögern verdeutlicht den diplomatischen Balanceakt, den die Schweizer Regierung vollführt: Sie steht zwischen einer lautstarken akademischen Lobby im Inland und den diplomatischen Regeln internationaler Abkommen.
Dieses Schweigen dürfte nicht von Dauer sein. Da der offene Brief in grossen französischsprachigen Zeitungen wie 24 Heures und der Tribune de Genève zunehmend Beachtung findet, wächst der Druck auf die Bundesräte, sich zu positionieren. Die spätere Antwort der Regierung wird die Zukunft der Schweizer Wissenschaftsdiplomatie bestimmen: Wird sie die Verbindlichkeit internationaler Verträge wahren oder den moralischen Forderungen der eigenen akademischen Elite nachgeben? Der Ball liegt vorerst beim SBFI, und die Zeit drängt.