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Swiss Observer

Bericht über sexuellen Missbrauch in Schweizer Abtei legt systemisches Versagen offen

Eine unabhängige Untersuchung stellt jahrzehntelanges Missmanagement im Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs in der Abtei Saint-Maurice fest und macht Fragen der institutionellen Verantwortung sichtbar.

Bericht über sexuellen Missbrauch in Schweizer Abtei legt systemisches Versagen offen
AISWI swissinfo.ch

Die Abtei Saint-Maurice, eine Säule der Schweizer Religionsgeschichte, steht im Verdacht, über Jahrzehnte hinweg den Schutz schutzbedürftiger Menschen versäumt zu haben. Eine unabhängige Untersuchung unter der Leitung des Neuenburger Generalstaatsanwalts Pierre Aubert hat den Mantel des Schweigens gelüftet und offengelegt, dass die Institution ihren Ruf über siebzig Jahre lang über die Sicherheit von Kindern stellte. Der diesen Freitag veröffentlichte Bericht nimmt kein Blatt vor den Mund: Der Umgang der Abtei mit Fällen sexuellen Missbrauchs sei «mangelhaft» gewesen und von einer defensiven Haltung geprägt, die darauf abzielte, die Wahrheit zu vertuschen, statt sich ihr zu stellen.

Es handelt sich nicht um einzelne Vorfälle, sondern um ein systemisches Versagen bei der Wahrnehmung der moralischen Pflicht. Die Untersuchung weist auf eine «beträchtliche Zahl» von Fällen sexueller Gewalt hin, die zwischen 1950 und 2022 verübt wurden, und zeichnet eine Leidensgeschichte nach, die sich über Generationen erstreckt. Während die Leitung der Abtei versuchte, diese Schrecken zu «verharmlosen» oder «herunterzuspielen», blieben die Opfer, von denen viele minderjährig waren, ohne Unterstützung. Dieser Bericht markiert einen entscheidenden Wendepunkt für die katholische Kirche in der Schweiz und zwingt sie, sich einer Vergangenheit zu stellen, die sich nicht länger in den Archiven verbergen lässt.

Die Zahlen: eine erschütternde Bilanz

Die Zahlen aus Saint-Maurice sind erschütternd. Die Arbeitsgruppe hat 67 verschiedene Fälle sexueller Gewalt mit mindestens 68 Opfern ermittelt. Besonders alarmierend ist, dass 57 dieser Opfer zum Zeitpunkt des Missbrauchs minderjährig waren. Die Taten wurden von 30 Männern begangen, Chorherren und Laien, die fest in die Strukturen der Abtei eingebunden waren. Diese Zahlen umfassen jedoch nur die bestätigten Fälle. Die Datengrundlage ist begrenzt durch das, was die Ermittlerinnen und Ermittler als «Schweigen der Quellen» bezeichnen.

Die Ermittler warnen, dass diese Zahlen wahrscheinlich nur die Spitze des Eisbergs darstellen. Da wichtige Archive fehlen und viele Zeugen schweigen, ist es «sehr wahrscheinlich», dass zahlreiche Missbrauchsfälle unentdeckt geblieben sind. Diese statistische Lücke deutet auf eine düstere Realität hin, in der sich das tatsächliche Ausmass des Leidens möglicherweise nie vollständig beziffern lässt. Die 30 ermittelten Täter handelten in einem Umfeld, in dem Rückfälle nicht nur möglich waren, sondern durch mangelnde Aufsicht begünstigt wurden. Dies ist eine vernichtende Anklage gegen eine Institution, die es Tätern jahrzehntelang ermöglichte, nahezu ungestraft zu handeln.

Vertuschung durch die Institution aufgedeckt

Der Bericht beschreibt eine gezielte Strategie der Ausweichmanöver, die von der Leitung der Abtei verfolgt wurde. Statt Täter der Justiz zu übergeben, betrieb die Institution häufig ein Verschiebespiel: Belastete Chorherren wurden an andere Orte versetzt, um die Tatsachen zu «vertuschen». Diese «defensive Haltung» diente ausdrücklich dazu, das öffentliche Ansehen der Abtei zu bewahren. Dafür wurde die Sicherheit der Gemeinschaft geopfert. Die Untersuchung verurteilt dieses Vorgehen als schwerwiegendes organisatorisches Versagen, das den Missbrauch weiter gedeihen liess.

Zudem nennt der Bericht «Nachlässigkeit» bei der Aufsicht und «unzureichende Anleitung» als wichtige Faktoren, die dieses Verhalten ermöglichten. Weil die Abtei keine angemessene Aufsicht gewährleistete, schuf sie ein Klima, das «inakzeptables Verhalten» begünstigte und bekannten Tätern weitere Übergriffe ermöglichte. Das war nicht bloss Fahrlässigkeit, sondern ein aktives Versagen der Führung. Die Tendenz der Hierarchie, schwerwiegende Vorwürfe zu verharmlosen, deutet auf eine tiefe Kluft zwischen dem erklärten geistlichen Auftrag der Abtei und ihrer tatsächlichen Praxis hin. Der systematische Schutz der Täter statt der Opfer offenbart einen tiefgreifenden moralischen Zerfall, der erst durch ein Eingreifen von aussen vollständig ans Licht gebracht werden konnte.

Die Realität der Gewalt

Die im Bericht beschriebenen Übergriffe sind in ihrer Vielfalt und Schwere erschütternd. Die meisten Fälle betrafen sexuelle Anspielungen, Berührungen und exhibitionistische Handlungen. Die Untersuchung deckte aber auch brutale sexuelle Übergriffe, Vergewaltigungen und erzwungene Abtreibungen auf. Es handelte sich nicht um abstrakte Verbrechen: Sie ereigneten sich an Orten, die eigentlich Sicherheit und Entwicklung bieten sollten, in Internaten, bei pastoralen Aktivitäten und in Ferienlagern. Der Machtmissbrauch war umfassend und nutzte das Vertrauen aus, das Familien und Gemeinschaft der Abtei entgegenbrachten.

Trotz der Schwere dieser Verbrechen bleibt die Gerechtigkeit weitgehend ausser Reichweite. Die Arbeitsgruppe hält fest, dass die meisten Fälle inzwischen verjährt sind oder mangels Beweisen eingestellt wurden. Seit den 1970er-Jahren kam es lediglich zu fünf Verurteilungen, eine erbärmliche Zahl im Vergleich zu den 67 ermittelten Fällen. Derzeit ist nur noch ein Fall hängig, der einen Laien und keinen Chorherrn betrifft. Diese rechtliche Sackgasse hinterlässt ein bitteres Erbe: Die Wahrheit ist endlich ans Licht gekommen, doch die Möglichkeit, die Verantwortlichen rechtlich zur Rechenschaft zu ziehen, ist weitgehend verstrichen. Den Opfern bleibt die Bestätigung ihres Erlebten, aber die herkömmliche Form der Gerechtigkeit bleibt ihnen verwehrt.