Gesellschaft
Studie zeigt geschlechtsspezifische Verzerrungen bei der Berufswahl in der Schweiz
Neue Forschungsergebnisse der Universität Bern zeigen: Technische Fähigkeiten und die Inhalte der Arbeit, nicht die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, prägen die Geschlechtersegregation in Schweizer Berufen.

Eine wegweisende Studie der Universität Bern stellt verbreitete Annahmen über geschlechtsspezifische Berufswahl in der Schweiz infrage. Die Forschung zeigt, dass entgegen der weit verbreiteten Meinung Faktoren wie die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben sowie der Lohn nicht die Hauptgründe für die Geschlechtersegregation bei der Berufswahl sind. Stattdessen spielen die Art der Arbeitsinhalte und die erforderlichen technischen Fähigkeiten eine entscheidendere Rolle bei der Berufswahl der Geschlechter.
Methodik und Umfang der Forschung
An der umfassenden Studie, die im Socio-Economic Review veröffentlicht wurde, nahmen über 2000 Schülerinnen und Schüler der achten Klasse in der Schweiz teil, die kurz vor der Wahl einer Berufslehre standen. Das Forschungsteam konzipierte ein innovatives Experiment, bei dem die Teilnehmenden fiktive Stellenbeschreibungen mit acht unterschiedlichen Merkmalen bewerteten. Fünf dieser Merkmale bezogen sich auf erforderliche Fähigkeiten wie technisches Wissen, Kreativität und soziale Interaktion, während drei herkömmliche Eigenschaften der Arbeit betrafen, darunter Lohn, Teilzeitmöglichkeiten und gesellschaftliche Relevanz.
Geschlechtsspezifische Unterschiede bei den Berufspräferenzen
Die Ergebnisse der Studie zeigten ausgeprägte Muster bei den geschlechtsspezifischen Präferenzen. Junge Frauen und Männer hatten zwar ähnliche Erwartungen in Bezug auf Lohn, Arbeitszeiten und die Sinnhaftigkeit der Arbeit, doch bei den fähigkeitsbezogenen Bereichen unterschieden sich ihre Präferenzen deutlich. Schülerinnen zeigten durchgehend weniger Interesse an Berufen, die einen starken technischen Fokus erfordern, während Schüler solche Tätigkeiten besonders attraktiv fanden. Umgekehrt stiessen Stellen mit Schwerpunkt auf kreativen und sozialen Aufgaben bei den weiblichen Teilnehmenden auf grösseres Interesse. Diese Präferenzen scheinen sich bereits früh in der Jugend herauszubilden, was auf den Einfluss tief verwurzelter Geschlechterstereotype in der Schweizer Gesellschaft hindeutet.
Auswirkungen auf die Schweizer Arbeitswelt
Die Forschungsergebnisse haben erhebliche Auswirkungen auf die zunehmend digitalisierte Schweizer Arbeitswelt. Da technische Fähigkeiten für den beruflichen Aufstieg und das Einkommenspotenzial immer wichtiger werden, könnte die geringere Präferenz junger Frauen für technologieintensive Berufe bestehende Ungleichheiten auf dem Schweizer Arbeitsmarkt verschärfen. Die Forschenden betonen, dass Geschlechterstereotype dringend hinterfragt und angegangen werden müssen, insbesondere weil sich diese Muster bei der Berufswahl bereits während der Jugend festigen. Die Situation erfordert gezielte Massnahmen im Schweizer Bildungssystem und umfassendere gesellschaftliche Initiativen, um eine ausgewogenere Vertretung der Geschlechter in allen Berufsfeldern zu fördern.