Politik
Tausende demonstrieren für den öffentlichen Rundfunk, während Abstimmung über drastische Gebührensenkung bevorsteht
Bei der nationalen Abstimmung vom 8. März, die die Finanzierung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) drastisch kürzen könnte, haben Tausende im Tessin für den öffentlichen Rundfunk demonstriert. Gleichzeitig warnen grosse Filmfestivals, die Kürzungen würden das Schweizer Kulturschaffen und dessen internationale Ausstrahlung schwer beeinträchtigen.

Ein ohrenbetäubendes Echo des Widerstands hallte dieses Wochenende durch die Strassen von Bellinzona, als Tausende von Demonstrierenden mobilisiert wurden, um die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) zu verteidigen. Angesichts der entscheidenden Abstimmung vom 8. März waren die Einsätze noch nie so hoch. Laut den Organisatoren drängten sich unglaubliche 6000 Demonstrierende im Stadtzentrum, während die Polizei die Menge auf immer noch beachtliche 2000 schätzte. Dies ist nicht einfach eine Kundgebung, sondern ein verzweifelter Widerstand der italienischsprachigen Schweiz gegen eine Bedrohung, die sie als existenziell für ihre Stimme betrachten.
Die Demonstration findet in einer Phase statt, in der die nationale Debatte ihren Siedepunkt erreicht hat. Die Demonstrierenden argumentieren, die Initiative zur Kürzung der Finanzierung sei ein direkter Angriff auf den nationalen Zusammenhalt. «Der öffentliche Rundfunk spielt in unserem Gebiet eine grundlegende Rolle», erklärten die Organisatoren und warnten, die Identität der Region wäre «beeinträchtigt», falls die Kürzungen angenommen würden. Die grosse Zahl der Teilnehmenden im Tessin zeigt, dass es bei dieser Abstimmung für die Sprachminderheiten nicht darum geht, ein paar Franken zu sparen, sondern ums Überleben.
Die Guillotine: Kürzung der Abgabe auf 200 Franken
Die Initiative «200 Franken sind genug!» schlägt eine drastische finanzielle Amputation vor: Die obligatorische Haushaltsabgabe soll von 335 auf 200 Franken gesenkt und Unternehmen ganz davon befreit werden. Die Befürworter argumentieren, Schweizer Haushalte, die bereits mit explodierenden Mieten und Krankenkassenprämien zu kämpfen hätten, würden durch die weltweit höchsten Radio- und Fernsehgebühren finanziell ausgeblutet. Sie verlangen, dass sich die SRG auf ihren «Kernauftrag» zurückbesinnt und ihre Aktivitäten im Bereich der digitalen Unterhaltung nicht weiter ausbaut.
Die Gegner warnen jedoch, dies wäre eine Guillotine für den Service public und keine blosse Kürzung. Die Reduktion würde den Sender zwingen, Programme radikal abzubauen, die die vier Sprachregionen des Landes verbinden. Das Initiativkomitee beharrt darauf, dass eine Entlastung nötig sei. Die Gegnerschaft hält dagegen, der Preis dafür wäre die Demontage der Schweizer Medienlandschaft. Je näher der 8. März rückt, desto deutlicher steht die Stimmbevölkerung vor einer schwierigen Wahl: sofortige finanzielle Entlastung oder der Erhalt einer starken nationalen Medieninfrastruktur.
Kultureller Blackout: Festivals schlagen Alarm
Die grossen Namen der Schweizer Kultur melden sich zu Wort. Die «Conférence des Festivals», ein Dachverband, der 14 grosse Veranstaltungen einschliesslich der Filmfestivals von Locarno und Zürich vertritt, hat eine eindringliche Warnung ausgesprochen: Die Kürzungen würden «die kulturelle Vielfalt erheblich schwächen». Die Organisation betont, die Sichtbarkeit des Schweizer Films sei «untrennbar» mit einem starken öffentlichen Sender verbunden.
Ohne die Koproduktions- und Vertriebskraft der SRG drohe das Schweizer audiovisuelle Ökosystem zusammenzubrechen. Die Festivals argumentieren, die Initiative gefährde ihre Fähigkeit, das lokale Filmschaffen einem internationalen Publikum zu präsentieren. Es geht nicht nur um Filme, sondern um den Schweizer Kulturexport und die internationale Ausstrahlung. Versiegen die Mittel, bleiben die Leinwände dunkel und die einzigartige Schweizer Perspektive auf der Weltbühne könnte verschwinden. Die Botschaft aus dem Kulturbereich ist klar: Wer für die Kürzung stimmt, stimmt für einen kulturellen Blackout.
Wirtschaftliche Schockwelle: Die Krise in der italienischsprachigen Schweiz
Für das Tessin ist die Bedrohung nicht nur kultureller, sondern auch äusserst wirtschaftlicher Natur. Daten von BAK Economics zeigen, dass die italienischsprachige Region überproportional verwundbar ist. Die SRG trägt entscheidende 0,4 Prozent zur Tessiner Wirtschaft bei, viermal so viel wie der Durchschnitt von 0,1 Prozent in der übrigen Schweiz. Zudem entfallen 0,8 Prozent aller Arbeitsplätze in der Region auf den Sender.
Eine Budgetkürzung dieses Ausmasses würde eine Schockwelle durch den Kanton schicken, die Löhne massiv drücken und die Arbeitslosigkeit in einer Region erhöhen, die oft Mühe hat, Fachkräfte zu halten. Während die Deutsch- und Westschweiz den Schlag vielleicht abfedern könnten, droht dem Tessin eine wirtschaftliche Rezession in seiner Medienbranche. Die Zahlen bestätigen, was die Demonstrierenden in Bellinzona bereits wissen: Die Initiative «200 Franken sind genug!» trifft ihre Lebensgrundlage und ihre regionale Autonomie direkt.
Patt: Ein äusserst knappes Rennen bis zum 8. März
Während der 8. März näher rückt, ist die Nation gespalten. Umfragen von Mitte Januar deuten auf ein statistisches Patt hin: 52 Prozent der Stimmberechtigten lehnen die Initiative derzeit ab, ein so knapper Vorsprung, dass er klar innerhalb der Fehlertoleranz liegt. Die Fronten verlaufen ideologisch zwischen politischer Linker und Rechter. Eine überraschende Wendung gibt es jedoch: Jüngere Stimmberechtigte stehen dem öffentlichen Sender laut Umfragen skeptischer gegenüber als die ältere Generation.
Mit mehr als 8,75 Millionen Franken, die für die Kampagnen zu den vier Abstimmungsvorlagen zusammengekommen sind, sind die Ätherwellen gesättigt. Während andere Vorschläge, etwa die Individualbesteuerung, bereits entschieden scheinen, steht das Schicksal der SRG auf der Kippe. Bei diesem äusserst knappen Rennen zählt jede Stimme. Die Schweiz steht am Abgrund, und der Entscheid an der Urne wird die Medienlandschaft für Jahrzehnte unwiderruflich verändern.