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Swiss Observer

Hohe Wohnkosten treiben Einwohnerinnen und Einwohner der Romandie nach Frankreich

Eine neue Umfrage zeigt, dass eine beträchtliche Zahl von Einwohnerinnen und Einwohnern der französischsprachigen Schweiz erwägt, nach Frankreich auszuwandern. Hauptgrund sind die hohen Kosten für Wohnraum und Immobilien in Kantonen wie Genf.

Hohe Wohnkosten treiben Einwohnerinnen und Einwohner der Romandie nach Frankreich
AISWI swissinfo.ch

Unglaubliche 92'400 Einwohnerinnen und Einwohner der französischsprachigen Schweiz suchen derzeit jenseits der Grenze in Frankreich nach einer Wohnung oder einem Haus. Das ist keine geringfügige Veränderung, sondern ein regelrechtes demografisches Beben. Angesichts der anhaltenden Wohnungsnot können sich mittlerweile fast ein Drittel der Erwachsenen in der Romandie vorstellen, die Schweiz zugunsten der günstigeren Lebensverhältnisse in der Französischen Republik zu verlassen. Die Anziehungskraft ist unbestreitbar: 38% derjenigen, die einen Umzug über die Grenze in Betracht ziehen, erwarten deutlich tiefere Mieten oder Kaufpreise. Ein Jahr zuvor waren es noch 34%. Während die Schweiz darüber debattiert, wie sie die Zuwanderung eindämmen kann, erlebt das Land einen stillen inneren Aderlass, denn die eigenen Bürgerinnen und Bürger suchen nach einem Ausweg. Der wirtschaftliche Druck hat einen Siedepunkt erreicht und macht den Traum vom Eigenheim für Tausende von Familien aus der Mittelschicht, die sich das Wohnen in ihrer eigenen Gemeinde nicht mehr leisten können, zu einer grenzüberschreitenden Notwendigkeit.

Genf kämpft mit lähmenden Wohnkosten

Im Kanton Genf hat der Wohnungsmarkt einen absoluten Notstand erreicht: Ganze 50% der Einwohnerinnen und Einwohner bezeichnen die Kosten als «sehr teuer». Das steht in starkem Gegensatz zu Kantonen wie Bern, Jura und Wallis, wo nur 10% bis 12% der Bevölkerung von ähnlich grosser finanzieller Belastung berichten. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Jede vierte Person in der Romandie gibt mittlerweile mehr als 36% des gesamten Haushaltsbudgets allein dafür aus, ein Dach über dem Kopf zu haben. Bei beachtlichen 8% der Bevölkerung verschlingen die Wohnkosten mehr als die Hälfte des monatlichen Einkommens. Diese finanzielle Belastung ist in den städtischen Arbeitszentren am stärksten, wo die Nachfrage nach Wohnraum das Angebot bei Weitem übersteigt. Während Genf zum Tummelplatz der Superreichen wird, wird die unverzichtbare Arbeitnehmerschaft immer weiter an den Stadtrand gedrängt. Das gefährdet das soziale Gefüge des Stadtkantons. Das Ergebnis ist eine polarisierte Landschaft, in der die Nähe zum Arbeitsplatz einzig vom Inhalt des Portemonnaies abhängt.

Hindernisse beim Pendeln durchkreuzen Umzugspläne

Trotz der Verlockung günstigerer französischer Villen sind beachtliche 40% der Einwohnerinnen und Einwohner nicht bereit, für tiefere Kosten einen längeren Arbeitsweg in Kauf zu nehmen. Das Leben über der Grenze ist logistisch kompliziert und schreckt viele ab. Neben den Staus an der Grenze wiegen auch die «sozialen Kosten» einer Auswanderung schwer. Die Befragten nennen die Entfernung von Familie und Freunden als grösstes Hindernis für einen Umzug. Darauf folgen die administrativen Schwierigkeiten rund um die Besteuerung in zwei Ländern, die Krankenversicherung und die Kinderbetreuung. Zwar kennen bereits 68% der Einheimischen jemanden, der in Frankreich lebt und in der Schweiz arbeitet, doch bleibt der Schritt für viele eine grosse Herausforderung. Nur 14,1% derjenigen, die einen Umzug «in Betracht ziehen», unternehmen tatsächlich konkrete Schritte, um eine Wohnung oder ein Haus zu finden. Diese Diskrepanz zwischen Frustration und Handeln deutet darauf hin, dass der Wunsch nach bezahlbarem Wohnraum zwar weit verbreitet ist, die Bereitschaft, dafür Lebensqualität und soziale Kontakte zu opfern, jedoch nicht. Frankreich dient als Sicherheitsventil, doch für viele ist der administrative Aufwand ein zu hoher Preis.

Strukturelle Mängel behindern die Mobilität im Inland

Der Schweizer Mietwohnungsmarkt ist grundlegend aus dem Gleichgewicht geraten: Er begünstigt diejenigen, die bleiben, und benachteiligt alle, die eine neue Wohnung suchen. Erstaunliche 70% der Einwohnerinnen und Einwohner über 56 Jahren wohnen seit mehr als zehn Jahren in derselben Immobilie. Sie profitieren von alten Mietzinsen, die deutlich unter den heutigen Marktpreisen liegen. Das führt zu einem «Lock-in-Effekt»: Haushalte bleiben in Wohnungen, die nicht mehr ihren Bedürfnissen entsprechen, etwa wenn Eltern, deren Kinder ausgezogen sind, in grossen Wohnungen leben, weil ein Umzug einen massiven Mietanstieg zur Folge hätte. Diese Stagnation erschwert es jüngeren Familien, in der Schweiz eine passende Wohnung zu finden, und verstärkt den Drang, über die französische Grenze zu ziehen. Das gegenwärtige System behindert die Mobilität, verzerrt wirtschaftliche Entscheidungen und zwingt Menschen dazu, zwischen dem Verbleib in einer ungeeigneten Schweizer Wohnung und der Auswanderung auf der Suche nach mehr Platz zu wählen. Fachleute warnen, dass Frankreich kein Ersatz für ein solides inländisches Wohnungsbauprogramm ist. Die Schweiz muss die Versäumnisse auf der Angebotsseite angehen, sonst wird sie zusehen müssen, wie ihre Arbeitnehmerschaft weiterhin über die Grenze abwandert.