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Swiss Observer

Roger Elsener wird neuer Direktor des Schweizer Radio und Fernsehens SRF

Roger Elsener, derzeit CEO des Internet-TV-Anbieters Zattoo, ist zum neuen Direktor des Schweizer Radio und Fernsehens SRF ernannt worden. Er folgt auf Nathalie Wappler. Der Wechsel an der Spitze ist für die nationale Medienorganisation bedeutend.

Roger Elsener wird neuer Direktor des Schweizer Radio und Fernsehens SRF
AISWI swissinfo.ch

Die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) hat die nationale Medienlandschaft aufgeschreckt, indem sie Roger Elsener einstimmig zum neuen Direktor des SRF ernannt hat. In einem deutlichen Schritt, der einen radikalen Bruch mit der Tradition signalisiert, hat der Verwaltungsrat den 47-jährigen CEO des Internet-TV-Giganten Zattoo mit der Führung des öffentlichen Senders in eine unbeständige Zukunft betraut. Elsener übernimmt das Ruder von Nathalie Wappler, deren Rücktritt im vergangenen September eine Lücke an der Spitze der einflussreichsten Medienorganisation der Schweiz hinterliess.

Das ist nicht einfach eine Nachfolge, sondern ein klares Bekenntnis. Mit der Wahl eines führenden Kopfes, der fest in der Streaming- und Digitalbranche verankert ist, räumt die SRG ein, dass die traditionellen Formen des Rundfunks rasch an Bedeutung verlieren. Elseners Ernennung erfolgt an einem kritischen Wendepunkt, nach intensiver politischer Prüfung und den jüngsten Auseinandersetzungen um die Medienabgaben. Die einstimmige Unterstützung durch den Regionalvorstand der Deutschschweiz unterstreicht die Dringlichkeit der Lage: Das SRF braucht eine Führungsperson, die die Sprache der Digital Natives spricht, und zwar sofort.

Ein Aussenstehender mit weitreichendem Veränderungsauftrag

Elsener unterscheidet sich deutlich von einem traditionellen Funktionär des Service public. Als amtierender CEO von Zattoo war er jahrelang an vorderster Front im Streaming-Wettbewerb tätig und kämpfte in einem umkämpften digitalen Markt um die Aufmerksamkeit des Publikums. Sein Lebenslauf umfasst eine Tätigkeit als Geschäftsführer von CH Media Entertainment. Seit 2018 gehört er zudem der Geschäftsleitung des Radio- und TV-Bereichs von CH Media an. Er kennt die wirtschaftlichen Realitäten des modernen Medienkonsums.

Die Verpflichtung eines Aussenstehenden von Elseners Format ist ein kalkuliertes Risiko, mit dem der Status quo aufgebrochen werden soll. Während interne Kandidatinnen und Kandidaten oft für Kontinuität stehen, soll Elseners externe Perspektive die tiefgreifenden Veränderungen vorantreiben, die für das Überleben nötig sind. Er soll ein grosses, oft schwerfälliges Unternehmen durch die turbulenten Gewässer des digitalen Wandels steuern. Die Botschaft an die mehr als 6000 Mitarbeitenden der SRG ist unmissverständlich: Die Ära des traditionellen Rundfunks ist vorbei, und die Ausrichtung auf eine digitale Denkweise ist nicht mehr freiwillig, sondern zwingend.

Umfassender Umbau der Führungsspitze

Der Umbruch reicht weit über den Direktorenposten hinaus. Im Rahmen einer umfassenden Neubelebung der Führungsstruktur hat der Verwaltungsrat der SRG gleichzeitig Nicolas Pernet zum Direktor Inhalt und Moritz Stadler zum Direktor Betrieb ernannt. Diese drei Ernennungen bedeuten eine vollständige Erneuerung der SRF-Führungsspitze. Damit sollen Silos aufgebrochen und Entscheidungen beschleunigt werden.

Diese koordinierte Erneuerung der Führung deutet auf eine umfassende Strategie hin, mit der das Herzstück des Senders umgebaut werden soll. Pernet und Stadler werden entscheidend dazu beitragen, Elseners Vision umzusetzen und sicherzustellen, dass die Inhalte und die betrieblichen Abläufe genau auf die neue digitale Ausrichtung abgestimmt sind. Mit neuen Kräften in diesen Schlüsselpositionen versucht die SRG, sich gegen bürokratische Trägheit zu wappnen. Das neue Führungsteam steht vor der schwierigen Aufgabe, einem skeptischen Schweizer Publikum die Bedeutung und das Budget des öffentlichen Senders zu begründen. Gefordert sind sofortige und konkrete Ergebnisse.

Die Transformationsstrategie «Enavant»

Hinter den Ernennungen steht das ambitionierte Transformationsprojekt «Enavant», das Ende 2024 lanciert wurde. Der Auftrag ist klar: Das SRF soll zu einem «digitaleren, schlankeren und agileren Medienunternehmen» werden. Das ist nicht bloss eine Ansammlung von Unternehmensschlagwörtern, sondern eine Überlebensstrategie. Die Organisation muss ihre Abläufe straffen und gleichzeitig in vier Landessprachen hochwertige Inhalte anbieten.

«Enavant», auf Deutsch «vorwärts», verlangt eine konsequente Neuausrichtung der Produktion und Verbreitung von Nachrichten und Unterhaltung. Unter Elsener ist eine klare Priorisierung digitaler Plattformen gegenüber dem linearen Fernsehprogramm zu erwarten. Ziel ist es, jüngere Zielgruppen zu erreichen, die dem traditionellen Fernsehen grösstenteils den Rücken gekehrt haben. Die Transformation dürfte schmerzhafte Einschnitte und eine grundlegende Neubeurteilung der Ressourcenverteilung mit sich bringen. Der Verwaltungsrat hat jedoch signalisiert, dass er bereit ist, dafür auch schwierige Entscheidungen zu treffen.

Hoher Einsatz für die Schweizer Medien

Elsener übernimmt die Führung zu einem Zeitpunkt beispiellosen Drucks auf die SRG. Die Organisation hat gerade eine heftige Auseinandersetzung um die Medienabgaben hinter sich. Dieser politische Konflikt hat tiefe Gräben in der Schweizer Bevölkerung darüber offengelegt, wie sie öffentlich finanzierte Medien beurteilt. Die unmittelbare Gefahr mag gebannt sein, doch die kritische Beobachtung hält an. Kritikerinnen und Kritiker achten auf jedes Anzeichen von Ineffizienz oder Einseitigkeit, und die politische Unterstützung für die Finanzierung öffentlicher Medien ist bestenfalls unsicher.

Für die Schweizer Bevölkerung werden Elseners Erfolg oder Scheitern die Qualität und Verfügbarkeit unabhängiger Informationen in einer Demokratie, die auf direkte Mitwirkung angewiesen ist, unmittelbar beeinflussen. Gelingt es ihm, könnte das SRF zum Vorbild für moderne öffentlich-rechtliche Medien in Europa werden. Scheitert er, werden die Forderungen nach drastischen Kürzungen und einer Privatisierung der Angebote lauter denn je zurückkehren. Die Zeit drängt, und alle Augen richten sich auf Zürich: Kann der Streaming-CEO dem traditionellen öffentlichen Sender neue Wege zeigen?