Sport
Referendum könnte Schweizer Olympia-Kandidatur für 2038 gefährden
Die privilegierte Schweizer Kandidatur für die Olympischen Spiele 2038 könnte einen Rückschlag erleiden, da die Möglichkeit eines Referendums den engen Zeitplan des IOC gefährdet.

Die Schweiz steht kurz vor einem historischen sportlichen Erfolg: Sie hat eine «privilegierte Kandidatur» für die Olympischen Winterspiele 2038, wie es sie in der Geschichte des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) noch nie gegeben hat. Doch dieses goldene Ticket droht durch die Mechanismen der Schweizer direkten Demokratie unmittelbar zerrissen zu werden. Ruth Metzler-Arnold, Präsidentin von Swiss Olympic, hat eindringlich gewarnt: Schon die Möglichkeit eines Referendums könnte die gesamte Kandidatur zu Fall bringen, bevor sie überhaupt die Ziellinie erreicht.
Das IOC hat der Schweiz zwar den einzigartigen Vorteil eingeräumt, nicht gegen andere Länder antreten zu müssen, doch dieser Status ist kein Freipass, sondern eine Effizienzprüfung. Das Land befindet sich nun in einem Wettlauf gegen die Zeit, bei dem politische Beratungen mit starren internationalen Fristen zu kollidieren drohen. Die Botschaft von Swiss Olympic ist unmissverständlich: Die Tür für 2038 steht offen, aber eine Volksabstimmung würde sie zuschlagen. Die Schweiz befindet sich in einer paradoxen Lage: Ihre grösste politische Stärke, die Stimme des Volkes, könnte genau jenes Hindernis sein, das ihr den Zugang zur Weltbühne verwehrt.
Der unerbittliche Zeitplan
Die Zeit drängt bei einem Zeitplan, der keinerlei Verzögerungen zulässt. Das IOC hat der Schweiz ein enges Zeitfenster von nur dreieinhalb Jahren eingeräumt, um ihre Kandidatur abzuschliessen. Für langwierige Kampagnen, wie sie bei nationalen Referenden üblich sind, bleibt dabei kein Raum. Der kritische Zeitplan ist unerbittlich: Der Bundesrat muss das Vorhaben bis Juni 2026 genehmigen, danach muss das Parlament bis Ende 2026 endgültig entscheiden. Das vollständige Dossier muss dem IOC bis Februar 2027 vorliegen.
Der Drahtseilakt mündet voraussichtlich im April oder Mai 2027 in einen Entscheid des IOC. Jede Abweichung von diesem Weg wäre verhängnisvoll. Metzler-Arnold betont, dass der Status des «privilegierten Dialogs» von Schnelligkeit und Verlässlichkeit abhängt. Wenn sich der politische Prozess in die Länge zieht oder die Bevölkerung eine Abstimmung verlangt, schliesst sich das Zeitfenster sofort. Der straffe Zeitplan macht einen zentralen Konflikt deutlich: Das IOC verlangt jetzt Gewissheit, während das Schweizer politische System auf langsame Beratungen ausgelegt ist.
Das Machtspiel des Parlaments
Das Schicksal der Spiele 2038 liegt nun ganz in den Händen der Politik im Bundeshaus in Bern. Der Bundesrat hat das Projekt mit einem «Planungsbeschluss» unterstützt, einem bürokratischen Instrument, das den Prozess vereinfachen soll. Die letztliche Macht liegt jedoch beim Parlament. Bis Ende 2026 müssen die Parlamentarierinnen und Parlamentarier nicht nur entscheiden, ob sie die Kandidatur genehmigen, sondern auch, wie sie diesen Beschluss einstufen. Diese Formalität könnte das gesamte Vorhaben zu Fall bringen.
Wenn das Parlament den Beschluss als «von grosser Tragweite» einstuft, eröffnet es damit rechtlich die Möglichkeit eines Referendums. Metzler-Arnold spricht Klartext über die Folgen: «Wenn das Parlament sagt, dass wir diesen Anlass durchführen möchten, aber den Weg für ein mögliches Referendum öffnet, gefährdet es letztlich die Kandidatur.» Dieses Szenario gleicht einem legislativen Minenfeld. Die Parlamentarierinnen und Parlamentarier müssen ihre Unterstützung für einen prestigeträchtigen internationalen Anlass gegen das demokratische Gebot abwägen, der Bevölkerung ein Mitspracherecht zu geben. Eine Demokratisierung des Entscheids würde ihn faktisch zu Fall bringen und die Gesetzgeber in eine unangenehme Lage zwingen.
Demokratie gegen die Frist
Das Urteil ist klar und unmissverständlich: «Unsere Kandidatur ist dann nicht mehr möglich», falls ein Referendum durchgeführt wird. Dieses Eingeständnis der Präsidentin von Swiss Olympic zeigt, wie fragil die Kandidatur für 2038 ist. Es geht nicht nur um die Frage, ob die Schweizer Bevölkerung die Spiele unterstützt, sondern auch darum, ob das System die nötige Zeit für eine Befragung der Bevölkerung aufbringen kann. Bei diesem rasanten Prozess sind die logistischen Anforderungen einer nationalen Abstimmung mit der Frist des IOC unvereinbar.
Diese Situation zwingt die Schweiz, sich einer schwierigen Realität zu stellen. Die geschätzte Tradition der direkten Demokratie ist derzeit die grösste Bedrohung für die sportlichen Ambitionen des Landes. Während der Entscheid 2027 näher rückt, muss das Land abwägen, ob das Prestige, die Olympischen Winterspiele auszurichten, es wert ist, auf eine Volksabstimmung zu verzichten, oder ob der demokratische Prozess Vorrang hat, selbst wenn dadurch eine einmalige Gelegenheit verloren geht. Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Schweiz diesen Balanceakt schafft oder ob der Traum von 2038 unter einer Lawine von Stimmzetteln begraben wird.