Verkehr
Rekordzahl im Schweizer Register für Reisende ohne gültigen Fahrausweis
Ende 2024 waren im nationalen Register der Schweiz für Reisende ohne gültigen Fahrausweis über eine Million Personen verzeichnet. Das ist die höchste Zahl seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2019.

Eine Million Namen. Das stellt einen erschütternden Bruch des Gesellschaftsvertrags in einem Land dar, dessen Integrität weltweit geschätzt wird. Ende 2024 überschritt das Schweizer Register für Reisende ohne gültigen Fahrausweis offiziell die Millionengrenze und versetzte damit dem Klischee der gesetzestreuen Schweizer Bürgerinnen und Bürger einen schweren Schlag. Das ist nicht bloss eine statistische Schwankung, sondern ein kulturelles Beben.
Seit Jahrzehnten basiert das Schweizer Verkehrssystem auf Vertrauen. Anders als in den geschlossenen U-Bahn-Systemen von London oder Paris sind die Schweizer Bahnsteige offen zugänglich. Das System verlässt sich auf die Ehrlichkeit der Fahrgäste und wird durch gelegentliche Kontrollen ergänzt. Doch die beispiellose Zunahme der erfassten Personen deutet darauf hin, dass dieses Vertrauen in grossem Ausmass ausgenutzt wird. Die schiere Zahl der inzwischen im System erfassten Personen zwingt zu einer unbequemen Auseinandersetzung mit der Realität: Das Vertrauensprinzip knickt unter dem Gewicht opportunistischen Verhaltens ein. Die Züge mögen weiterhin pünktlich fahren, doch immer mehr Fahrgäste weigern sich, ihren Anteil zu bezahlen.
Ein historischer Anstieg beim Fahren ohne Fahrausweis
Die Daten sind eindeutig: 2024 war seit Beginn der Aufzeichnungen das Rekordjahr beim Fahren ohne gültigen Fahrausweis. Seit der Einführung des nationalen Registers im Jahr 2019, mit dem die Daten zu fehlbaren Fahrgästen zentral erfasst werden, wurden nie zuvor derart hohe Zahlen verzeichnet. Wir erleben einen drastischen Anstieg, der alle Vorjahre übertrifft und auf einen besorgniserregenden Trend hindeutet, den die Verkehrsbehörden nicht länger ignorieren können.
Die Überschreitung der Millionengrenze ist ein psychologischer und logistischer Wendepunkt. Sie zeigt, dass das Fahren ohne gültigen Fahrausweis von einem Randproblem zu einem systemischen Problem geworden ist. Diese Rekordzahl wird trotz der Effizienz des Schweizer Verkehrsnetzes erreicht. Das deutet darauf hin, dass die derzeitigen Abschreckungsmassnahmen, Bussen und Einträge ins Register, den Anstieg nicht bremsen. Der starke Anstieg gegenüber dem Ausgangswert von 2019 bis zum heutigen historischen Höchststand muss dringend untersucht werden. Ist er auf wirtschaftlichen Druck zurückzuführen oder auf einen Wandel der gesellschaftlichen Einstellung zur öffentlichen Infrastruktur? Was auch immer die Ursache ist, der Trend zeigt eindeutig nach oben, und das System schlägt Alarm.
Wie das «schwarze Buch» funktioniert
Das ist nicht einfach eine Liste, sondern ein digitaler Schandbrief für Pendlerinnen und Pendler. Das nationale Register, umgangssprachlich oft als «schwarzes Buch» bezeichnet, ist eine zentrale Datenbank, mit der wiederholt fehlbare Fahrgäste im zersplitterten Schweizer Verkehrsnetz erfasst werden sollen. Vor 2019 wurden Fälle oft regional registriert. So konnten sich Reisende ohne gültigen Fahrausweis dem Zugriff entziehen, indem sie zwischen verschiedenen Verkehrsverbünden wechselten. Diese Lücke ist geschlossen.
Ein Eintrag in dieser Liste hat erhebliche Folgen. Wird ein Fahrgast in Zürich ohne Fahrausweis erwischt, kann er oder sie bei einer erneuten Kontrolle in Genf nicht behaupten, nichts gewusst zu haben oder zum ersten Mal erwischt worden zu sein. Das System führt die Daten zusammen, damit die Strafen für Wiederholungstäterinnen und Wiederholungstäter erhöht werden können. Mit inzwischen über einer Million erfassten Personen ist die Datenbank zu einem riesigen Verzeichnis von Regelverstössen geworden. Das Register sollte abschreckend wirken, wie ein digitales Panoptikum, das über die Bahn wacht. Doch während die Datenbank auf eine Rekordgrösse anwächst, stellt sich die Frage, ob die Angst vor einem Eintrag in der Bevölkerung noch ihre abschreckende Wirkung entfaltet.
Das Ende der Gratisfahrt
Die Schweiz steht an einem Wendepunkt. Die Erkenntnis, dass über eine Million Menschen die Regeln missachten, macht Veränderungen dringend notwendig. Die Verkehrsbehörden müssen sich nun mit einer Durchsetzungskrise auseinandersetzen, welche die finanzielle Tragfähigkeit und die moralische Integrität des öffentlichen Verkehrsnetzes bedroht. Die Zeit der nachsichtigen, gelegentlichen Kontrollen könnte rasch zu Ende gehen.
Eine Gegenoffensive ist zu erwarten. Da das Register aus allen Nähten platzt, wächst der Druck auf die SBB und die regionalen Betreiber, die Kontrollen zu verschärfen. Wahrscheinlich werden die Billettkontrollen rigoroser, die Bussen höher und möglicherweise werden an bisher frei zugänglichen Orten sogar physische Zugangssperren eingeführt. Die Botschaft der Daten für 2024 ist klar: Das derzeitige Vorgehen reicht nicht aus. Für ehrliche Pendlerinnen und Pendler dürfte das mehr Unterbrechungen und strengere Kontrollen bedeuten. Für die eine Million Menschen auf der Liste ist die Fahrt ohne zu bezahlen vorbei, und die Rechnung wird fällig.