häusliche Gewalt
Rekordzahl an Femiziden führt in der Schweiz zu neuen Notfallmassnahmen
Die Schweizer Gesundheitsministerin kündigt nach einem alarmierenden Anstieg der Femizide eine neue Notfallhotline und eine Kampagne an. In diesem Jahr wurden 22 Fälle registriert, und ein jüngster Dreifachmord unterstreicht den dringenden Handlungsbedarf.

Die Schweiz sieht sich mit einer düsteren und sich verschärfenden Krise konfrontiert: Allein in diesem Jahr verzeichnet das Land die erschreckende Rekordzahl von 22 Femiziden. Dabei handelt es sich nicht um eine statistische Ausnahme, sondern um ein systemisches Versagen beim Schutz, das die Bundesbehörden nach Antworten suchen lässt. Der düstere Rekord wurde diese Woche nach einem entsetzlichen Dreifachmord zementiert. Er zeigt, dass Frauen und Kinder selbst in einem der sichersten Länder der Welt hinter verschlossenen Türen akut gefährdet sind.
Gesundheitsministerin Elisabeth Baume-Schneider musste einräumen, dass die vor dem Sommer ergriffenen Notfallmassnahmen völlig unzureichend waren. «Jeder Femizid ist einer zu viel», erklärte sie. Für die Familien der Opfer klingt diese Aussage hohl, wenn darauf nicht sofort ein grundlegender Wandel folgt. Die Zunahme der Gewalt hat die Illusion häuslicher Geborgenheit zerstört und eine nationale Auseinandersetzung erzwungen. Angesichts der steigenden Zahl von Todesopfern bewältigen die Schweizer Behörden nicht mehr bloss ein gesellschaftliches Problem. Sie stehen einer tödlichen Epidemie gegenüber, die auf allen staatlichen Ebenen eine entschlossene und koordinierte Reaktion verlangt.
Notfallmassnahmen: Bern bemüht sich um eine Reaktion
Bern kommt endlich in Bewegung, doch Kritikerinnen und Kritiker bemängeln, dass die Regierungsmaschinerie zu langsam läuft. Als direkte Reaktion auf die steigende Zahl der Todesopfer kündigte Ministerin Baume-Schneider die Einrichtung einer speziellen Notfallhotline an. Sie wird jedoch erst nächstes Jahr in Betrieb genommen. Die Regierung verspricht für diesen November eine umfassende Informationskampagne, die Betroffenen den Weg zu Hilfe weisen soll. Dass die nötige Infrastruktur nicht sofort bereitsteht, wirft jedoch ernsthafte Fragen zur Reaktionsfähigkeit des Bundes auf.
Unterdessen nimmt die Gesetzgebungsarbeit Fahrt auf. Der Bundesrat will die Revision des Bundesgesetzes über die Hilfe an Opfer von Straftaten beschleunigen und die Botschaft noch in diesem Herbst statt wie ursprünglich geplant später vorlegen. Dieser Schritt zeigt, dass die geltenden Gesetze nicht ausreichen, um Schutzbedürftige zu schützen. Baume-Schneider räumt jedoch selbst ein, dass Gesetze allein ein stumpfes Instrument sind. «Ein Gesetz reicht nicht», warnte sie und betonte, die Lösung liege darin, die gravierenden Lücken bei den Aufnahmezentren zu schliessen und mehr Fachleute für Prävention einzusetzen. Die Strategie setzt stark darauf, die Zusammenarbeit zwischen Bund, Kantonen und Gemeinden rasch zu verbessern, bevor sich eine weitere Tragödie ereignet.
Zerstörte Leben: Die Tragödie von Corcelles
Hinter den Statistiken stehen Menschen mit Namen, und diese Woche wurden drei von ihnen in Corcelles auf brutale Weise aus dem Leben gerissen. Eine 52-jährige Frau und ihre beiden zehn und drei Jahre alten Töchter wurden von ihrem Ex-Mann ermordet. Die schockierende Gewalttat erschütterte den Kanton Neuenburg. Dieser Dreifachmord ist nicht bloss eine Kriminalmeldung, sondern ein vernichtendes Urteil über die Schutzlücken, die für Frauen bestehen, wenn sie sich von gewalttätigen Partnern trennen.
Die Tragödie ereignete sich an einem Dienstagabend und verdeutlicht, wie tödlich unberechenbar häusliche Krisen sein können. Der Verlust einer Mutter und ihrer beiden Kinder hat jede verbliebene Sorglosigkeit in Bezug auf die öffentliche Sicherheit beseitigt. Der Fall zeigt die erschreckende Realität, dass der gefährlichste Ort für eine Frau in der Schweiz oft das eigene Zuhause ist. Dieser konkrete Vorfall gab den Ausschlag und veranlasste die Gesundheitsministerin, öffentlich Stellung zu nehmen und anzuerkennen, dass das Sicherheitsnetz für Frauen und Kinder zerrissen ist. Die Brutalität des Falls von Corcelles ist eine eindringliche Mahnung: Wenn Prävention versagt, wird der Preis in unschuldigen Menschenleben bezahlt.
Das Schweigen ist gebrochen: Die Öffentlichkeit fordert Massnahmen
Die Geduld der Öffentlichkeit ist erschöpft. Während Politikerinnen und Politiker über Zeitpläne und Budgets debattieren, gehen die Menschen auf die Strasse. In Neuenburg verwandelte sich die Erschütterung über die Morde von Corcelles in stille, gemeinsame Trauer: 80 Menschen versammelten sich schweigend am Brunnen der Gerechtigkeit. Es war nicht nur eine Gedenkveranstaltung, sondern auch ein Protest gegen ein System, das seine Bürgerinnen und Bürger weiterhin im Stich lässt.
Die von der Bewegung Frauenstreik organisierte Kundgebung durchbrach das Schweigen mit eindringlichen visuellen Botschaften. Auf Plakaten stand: «Feminismus stört, das Patriarchat tötet.» Sie spiegelten die wachsende Wut über die gesellschaftlichen Ursachen dieser Gewalt wider. Die Bewegung nutzt die Tragödie nun, um konkrete politische Massnahmen zu fordern, und ruft Parlamentarierinnen und Parlamentarier dazu auf, eine dringliche Interpellation für strengere Schutzmassnahmen einzureichen. Die Botschaft von der Strasse ist klar: Die Zeit für schrittweise Veränderungen ist vorbei. Die Schweizer Zivilgesellschaft mobilisiert sich und fordert, dass die Regierung ebenso dringlich handelt und das Blutvergiessen stoppt, bevor die Zahl 23 erreicht ist.