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Swiss Observer

Rachmaninoffs Schweizer Villa öffnet in historischem Schritt für die Öffentlichkeit

Der Kanton Luzern öffnet den Park der Villa Senar für die Öffentlichkeit. Dort lebte der russische Komponist Sergei Rachmaninoff von 1932 bis 1939. Damit wird das kulturelle Erbe bewahrt.

Rachmaninoffs Schweizer Villa öffnet in historischem Schritt für die Öffentlichkeit
AISWI swissinfo.ch

Der Kanton Luzern hat die Tore zu 20'000 Quadratmetern Kulturgeschichte offiziell geöffnet. Ab dem 15. Mai ist der Park rund um die Villa Senar, den geschätzten Schweizer Rückzugsort des russischen Komponisten Sergei Rachmaninoff, für die Öffentlichkeit zugänglich. Damit ist ein entscheidender Erfolg für den Denkmalschutz erzielt. Dieser Schritt ist nicht bloss eine administrative Neuerung, sondern die Erfüllung eines verbindlichen Versprechens, das der Kanton beim Kauf des Anwesens im Jahr 2022 abgegeben hatte. Der Luzerner Politiker Armin Hartmann erklärte, Luzern löse mit der Öffnung den «Verspruch» ein und mache aus einem privaten Rückzugsort einen öffentlichen Schatz.

Jahrzehntelang blieb dieses architektonische Juwel in Hertenstein ein privates Rätsel. Nun bietet sich der Öffentlichkeit die seltene Gelegenheit, über dasselbe Gelände zu gehen, auf dem einer der bedeutendsten musikalischen Köpfe des 20. Jahrhunderts Trost suchte. Die Öffnung ist eine bedeutende Investition in das touristische Angebot Luzerns und schlägt eine Brücke zwischen einer exklusiven Geschichte und öffentlichem Zugang. Während die Villa selbst weiterhin nur im Rahmen von Führungen zugänglich ist, können Besucherinnen und Besucher auf dem Parkgelände in die Atmosphäre eintauchen, die Rachmaninoffs späte Meisterwerke beflügelte. Der Kanton geht damit einen mutigen Schritt, um sicherzustellen, dass das Vermächtnis des Exilanten, der von 1932 bis 1939 hier lebte, nicht nur in Lehrbüchern bewahrt, sondern von der Bevölkerung vor Ort erlebt wird.

Ein modernistisches Meisterwerk gestalten

Rachmaninoff bewohnte die Villa Senar nicht einfach, er gestaltete sie mit Nachdruck. Der Komponist spielte bei der Planung des Anwesens eine aktive und bestimmende Rolle und verlangte eine Landschaft, die seinen hohen Ansprüchen entsprach. Er liess die Felsen am Flussufer sprengen und eine gewaltige, 180 Meter lange Promenade anlegen. So entstand ein markanter, dramatischer Übergang zwischen dem Land und dem Vierwaldstättersee. Dies war kein passiver Alterswohnsitz, sondern ein Bauprojekt, das von der Vision des Künstlers geprägt war. Das Anwesen steht seit 2018 unter Denkmalschutz.

Die Villa ist ein Zeugnis der modernistischen Architekturströmungen der 1930er-Jahre und bildet einen starken Kontrast zu den traditionellen Schweizer Chalets der Region. Jeder Winkel des Geländes, das nun öffentlich zugänglich ist, spiegelt den Wunsch des Komponisten nach Ordnung und Schönheit wider. Wer heute über das Anwesen geht, bewegt sich durch eine Landschaft, die nach Rachmaninoffs Vorstellungen gestaltet wurde. Die Erhaltung des Geländes ermöglicht es, das Zusammenspiel von massiven Eingriffen in die Landschaft und feinem ästhetischem Empfinden nachzuvollziehen. Sie gewährt einen unverstellten Einblick darin, wie der Komponist seine Umgebung gestaltete, um während seiner Jahre im Exil seine Kreativität zu fördern.

Der Weg nach Hertenstein

Der Zugang zu dieser kulturellen Festung erfordert eine bewusst geplante Anreise. Um den Erhalt des Geländes über die Bequemlichkeit zu stellen, gibt es vor Ort keinerlei Parkplätze für Autos. Besucherinnen und Besucher müssen eine langsamere, traditionellere Art der Anreise wählen: mit dem Schiff nach Weggis und anschliessend mit dem Lidobus oder zu Fuss auf einem aussichtsreichen, 20-minütigen Weg von Hertenstein. Diese logistische Einschränkung wirkt wie ein Filter. So kommen nur Menschen, die sich ernsthaft für Musik und Geschichte interessieren und bereit sind, den Weg zu diesem geschichtsträchtigen Ort auf sich zu nehmen.

Der Park ist von Donnerstag bis Sonntag jeweils von 12 bis 17 Uhr geöffnet. Dieser beschränkte Zugang unterstreicht die Empfindlichkeit des Ortes und das Engagement des Kantons, seine Ruhe zu bewahren. Es handelt sich um ein sorgfältig gestaltetes Erlebnis, nicht um eine touristische Massenattraktion. Ab Juni wird zudem sonntags ein kleines Café betrieben, das bei geeigneter Witterung Erfrischungen anbietet. Dieser Ansatz, der vom Wetter abhängig ist, betont die Verbindung zwischen dem Anwesen und den Elementen. Besucherinnen und Besucher müssen sich auf die Bedingungen des Ortes einlassen, so wie es Rachmaninoff vor beinahe einem Jahrhundert tat.

Das Vermächtnis des Maestros neu beleben

Die Villa Senar soll mehr als ein unbewegliches Denkmal werden: Sie entwickelt sich zu einem lebendigen Kulturzentrum. Der Ort wurde in das Netz der Originalschauplätze des Museums Luzern aufgenommen und signalisiert damit eine dynamische Zukunft für das Anwesen. Führungen, Konzerte und Veranstaltungen sind bereits geplant, die den Ort wieder mit Musik erfüllen sollen. Am 6. Juli findet auf dem Anwesen ein geführter Rundgang unter dem anschaulichen Motto «Musik trifft Architektur» statt. Dabei wird die bauliche Anlage ausdrücklich mit dem musikalischen Vermächtnis ihres Schöpfers verknüpft.

Diese Initiative haucht der Geschichte von Sergei Rachmaninoff neues Leben ein. Er floh 1917 vor der Russischen Revolution und fand schliesslich an diesem Schweizer Ufer Zuflucht. Indem der Ort mit kulturellen Veranstaltungen belebt wird, stellt der Kanton Luzern sicher, dass die Villa nicht zu einem stummen Relikt wird. Stattdessen dient sie als lebendige Bildungsplattform, auf der die Geschichte des 20. Jahrhunderts, modernistische Architektur und klassische Musik aufeinandertreffen. Für die Schweiz bedeutet dies, ihre Rolle als Zufluchtsort für Künstlerinnen und Künstler im Exil zu bewahren und die Erinnerung an ihre berühmtesten Bewohnerinnen und Bewohner für kommende Generationen wachzuhalten.