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Swiss Observer

Schlechtes Wetter führt zur zweitschlechtesten Schweizer Weinernte seit 50 Jahren

Die Schweizer Weinproduktion sank 2024 aufgrund von Frost, Hagel und Krankheiten um 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Besonders betroffen waren die Deutschschweizer Regionen.

Schlechtes Wetter führt zur zweitschlechtesten Schweizer Weinernte seit 50 Jahren
AISWI swissinfo.ch

Die Schweizer Weinbranche ist erschüttert: Die Ernte 2024 fiel auf den zweitschlechtesten Stand seit einem halben Jahrhundert. In einem drastischen Einbruch, der die Branche aufgerüttelt hat, sank die gesamte Weinproduktion auf lediglich 75 Millionen Liter. Das steht in starkem Gegensatz zum soliden Durchschnitt von 92 Millionen Litern, der in den vergangenen zehn Jahren verzeichnet wurde, und bedeutet einen kritischen Rückgang, der den Inlandmarkt aus dem Gleichgewicht zu bringen droht. Das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) bestätigt, dass die Produktion gegenüber dem Vorjahr um rund 25 Prozent eingebrochen ist. Dies ist ein Rückschlag, mit dem nur wenige Weingüter gerechnet haben dürften.

Die Zahlen zeichnen das düstere Bild einer Branche, die unter Druck steht. Schweizer Winzerinnen und Winzer sind zwar an die Launen der Natur gewöhnt, doch ein Rückgang von 18,5 Prozent gegenüber dem Zehnjahresdurchschnitt signalisiert eine alarmierende Abweichung von der Norm. Das ist nicht einfach ein «schlechtes Jahr», sondern ein historischer Einbruch. Während die Keller ungewöhnlich leer bleiben, wächst der Druck auf die Produzenten, ihre Lagerbestände sorgfältig zu bewirtschaften. Dies in einem Markt, in dem die Nachfrage nach einheimischen Jahrgängen weiterhin eine Frage des nationalen Stolzes ist.

Dreifache Bedrohung durch die Natur setzt den Reben zu

Eine unerbittliche Abfolge von Frost, Hagel und Krankheiten hat die diesjährige Ernte dezimiert und für Schweizer Landwirtschaftsbetriebe einen «perfekten Sturm» geschaffen. Die Wetterbedingungen im Jahr 2024 waren ausgesprochen ungünstig. Spätfröste setzten den möglichen Erträgen früh zu, während heftige Hagelstürme die Reben später in der Saison regelrecht zerfetzten. Doch damit war der Angriff der Natur nicht vorbei. Eine aggressive Ausbreitung des Falschen Mehltaus, der unter den feuchten und unberechenbaren Bedingungen besonders gut gedieh, breitete sich in den Rebbergen aus und hemmte die Produktion, bevor die Trauben vollständig reifen konnten.

Diese biologische und meteorologische Belastung liess keinen Raum für Erholung. Das BLW nennt diese drei Faktoren ausdrücklich als Hauptursachen für den katastrophalen Ernteertrag. Anders als in typischen Jahren, in denen ein einzelner Faktor die Qualität oder Menge leicht beeinträchtigen kann, erwies sich das Zusammenwirken aller drei als verheerend. Die Landwirtschaftsbetriebe mussten hilflos zusehen, wie die Natur ein Viertel ihrer Arbeit zunichtemachte. Die Widerstandskraft des Schweizer Weinbaus ist legendär, doch 2024 wurden die Grenzen der landwirtschaftlichen Bewirtschaftung angesichts eines zunehmend unbeständigen Klimas auf die Probe gestellt.

Deutschschweizer Regionen schwer getroffen

Nirgends ist der Schaden deutlicher zu spüren als in der Deutschschweiz, wo die Erntezahlen geradezu katastrophal ausfallen. In dieser Region sank die Produktion um massive 36,9 Prozent und damit deutlich stärker als im Landesdurchschnitt. In diesen Kantonen wurden nur 10,4 Millionen Liter geerntet, ein Bruchteil dessen, was zur Deckung der lokalen Nachfrage nötig ist. Der Unterschied zwischen den Deutschschweizer Regionen und dem Rest des Landes verdeutlicht, wie stark die Wetterlagen den Norden und Osten getroffen haben.

Für die Produzenten in diesen Gebieten sind die finanziellen Folgen unmittelbar und schwerwiegend. Ein Rückgang von nahezu 40 Prozent ist nicht bloss eine Statistik, sondern bedeutet für familiengeführte Weingüter und grössere Genossenschaften gleichermassen erhebliche Umsatzeinbussen. Das ganze Land war betroffen, doch die besonderen Mikroklimata der Deutschschweiz setzten die Reben den schlimmsten Frost- und Mehltauschäden besonders stark aus. Dieses ausgeprägte regionale Ungleichgewicht lässt darauf schliessen, dass Konsumentinnen und Konsumenten im kommenden Jahr den Mangel an bestimmten Deutschschweizer Rebsorten deutlich zu spüren bekommen werden.

Romandie und Tessin spüren die Folgen

Der Westen und Süden der Schweiz blieben von den starken Einbussen im Norden ebenfalls nicht verschont. Die Romandie, das Zentrum der Schweizer Weinproduktion, verzeichnete einen deutlichen Rückgang von 23,8 Prozent und erntete 60,6 Millionen Liter. Zwar konnte diese Region den grössten Teil der landesweiten Ernte sichern, doch der Verlust von nahezu einem Viertel der Produktion ist ein schwerer Schlag für die berühmten Rebberge in der Waadt und im Wallis. Südlich der Alpen verzeichnete die italienischsprachige Schweiz einen Rückgang von 15,6 Prozent. Sie blieb damit von den schlimmsten Schäden verschont, lag aber dennoch deutlich unter den historischen Vergleichswerten.

Diese Zahlen bestätigen, dass die Krise von 2024 das ganze Land erfasst hat. Selbst im Tessin, wo sich das Klima üblicherweise stark von jenem im Norden unterscheidet, zeigt der Rückgang der Ernte die landesweite Ausbreitung der widrigen Bedingungen in diesem Jahr. Mit Blick auf das Jahr 2025 muss die Schweizer Weinbranche ihre Aufmerksamkeit nun stärker auf die Widerstandsfähigkeit richten. Da die Produktionsmengen in allen Sprachregionen zurückgegangen sind, wird das Angebot knapper werden. Dies dürfte sich auf Preise und Verfügbarkeit auswirken und die Treue der Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten zu einheimischen Marken angesichts der Knappheit auf die Probe stellen.