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Swiss Observer

Ein Drittel der Schweizer Unternehmen meldet Fehlverhalten

Ein neuer Whistleblowing-Bericht zeigt, dass 35 % der Schweizer Unternehmen von illegalem oder unethischem Verhalten betroffen sind. Die Quote liegt jedoch weiterhin unter dem globalen Durchschnitt.

Ein Drittel der Schweizer Unternehmen meldet Fehlverhalten
AISWI swissinfo.ch

Mehr als ein Drittel der Schweizer Unternehmen hat derzeit mit illegalem oder unethischem Verhalten zu kämpfen. Diese Zahl zerstört die Illusion einer uneingeschränkt korrekten Unternehmensführung. Der heute von der EQS Group und der Fachhochschule Graubünden veröffentlichte Bericht Whistleblowing 2025 legt ein kritisches Grundrauschen in der Schweizer Wirtschaft offen: 35 % der Unternehmen meldeten im vergangenen Jahr Unregelmässigkeiten im eigenen Betrieb oder in ihren Lieferketten. Das ist kein geringfügiges administratives Problem, sondern eine systemische Herausforderung, die sofortige Aufmerksamkeit erfordert.

Die Schweizer Marke steht zwar für Präzision und Zuverlässigkeit, doch die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Unternehmensführung hinter verschlossenen Türen auf die Probe gestellt wird. Der Bericht zeigt, dass die Schweiz zwar weltweit nicht zu den grössten Übeltätern gehört, die Verbreitung von Fehlverhalten aber dennoch alarmierend ist. Führungskräfte können nicht länger die Augen davor verschliessen, dass sich mehr als jedes dritte Unternehmen mit einer Ethikkrise auseinandersetzen muss. Die Daten sind eindeutig: Die Zeit, in der man sich auf eine stillschweigende Einhaltung der Regeln verlassen konnte, ist vorbei. Unternehmen müssen diese Unregelmässigkeiten direkt angehen, sonst riskieren sie in einem zunehmend transparenten Markt schwere Reputationsschäden.

Das Schweizer Paradox: Weniger Fälle, höhere Kosten

Die finanziellen Folgen von Fehlverhalten in Schweizer Unternehmen sind enorm und übertreffen trotz einer geringeren Häufigkeit von Vorfällen den globalen Durchschnitt. Christian Hauser von der FH Graubünden macht auf einen beunruhigenden Trend aufmerksam: Schweizer Unternehmen melden möglicherweise weniger Fälle als ihre internationalen Pendants, doch der materielle Schaden, den sie erleiden, ist überproportional hoch. In erschreckenden 20 % der Fälle beliefen sich die finanziellen Folgen illegalen oder unethischen Verhaltens auf mehr als CHF 95'000.

Diese Daten weisen auf ein Problem nach dem Motto «Qualität vor Quantität» bei der Wirtschaftskriminalität in der Schweiz hin: Wenn hier etwas schiefläuft, wird es teuer. Die hohen Schäden deuten darauf hin, dass es sich bei den Unregelmässigkeiten nicht um geringfügige Verstösse, sondern um erhebliche Verletzungen von Vertrauen und Vorschriften handelt. Die wirtschaftlichen Folgen dieser ethischen Verfehlungen sind beträchtlich und zehren an Ressourcen, die sonst Innovationen zugutekommen könnten. Für Schweizer Aktionärinnen und Aktionäre sowie andere Anspruchsgruppen ist dies ein Weckruf: Eine niedrigere Zahl von Vorfällen bietet keinerlei Trost, wenn ein einziger Fall verheerende Kosten verursachen kann. Der Fokus muss sich davon wegbewegen, lediglich Fälle zu zählen, und stattdessen darauf richten, Risiken mit hohen Schadenssummen einzudämmen, die das finanzielle Fundament eines Unternehmens bedrohen.

Im internationalen Vergleich: Die Schweiz und die Welt

Während sich die Schweiz mit ihren eigenen ethischen Herausforderungen auseinandersetzt, zeichnet sich weltweit ein chaotisches Bild. In den Vereinigten Staaten nehmen die Unregelmässigkeiten derzeit überhand: Mehr als die Hälfte der untersuchten Unternehmen meldete Fehlverhalten. Damit erscheint die Lage in der Schweiz vergleichsweise stabil. Selbstzufriedenheit ist jedoch keine Option. Der Bericht stellt einen deutlichen Vergleich mit Ländern in unmittelbarer Nähe an: Frankreich und Italien weisen beide tiefere Quoten an Unternehmensunregelmässigkeiten auf als die Schweiz.

Damit befindet sich die Schweiz in einer heiklen Mittellage. «Besser als die USA» ist ein niedriger Massstab, wenn europäische Nachbarländer eine bessere Unternehmensintegrität zeigen. Der Bericht Whistleblowing 2025, für den 2200 Unternehmen in sieben grossen Volkswirtschaften, darunter Deutschland, das Vereinigte Königreich und Spanien, untersucht wurden, unterstreicht, dass ethische Unternehmensführung ein Wettbewerbsvorteil ist. Wenn Schweizer Unternehmen ihren Ruf als sicherer Hafen für Geschäfte bewahren wollen, dürfen sie gegenüber ihren französischen und italienischen Pendants nicht zurückfallen. Die Daten legen nahe, dass sich die Schweiz bei Massstäben für die Integrität von Unternehmen eher an ihren europäischen Nachbarländern als jenseits des Atlantiks orientieren sollte.

Einblick in die Meldungen: Unternehmenskultur und Betrug

Die Art der Meldungen gibt einen aufschlussreichen Einblick in die zwei unterschiedlichen Herausforderungen, denen Schweizer Unternehmen heute gegenüberstehen. Interne Hinweisgeberinnen und Hinweisgeber, also die Mitarbeitenden vor Ort, konzentrieren sich vor allem auf menschliche Aspekte. In ihren Meldungen häufen sich Bedenken zu Diversität, Respekt am Arbeitsplatz, Menschenrechten und Arbeitssicherheit. Dieser interne Druckkessel zeigt, dass die Belegschaft zunehmend weniger bereit ist, toxische Unternehmenskulturen und unsichere Arbeitsumgebungen hinzunehmen.

Im deutlichen Gegensatz dazu richten sich Meldungen von ausserhalb des Unternehmens, etwa von Lieferanten, Kundinnen und Kunden sowie Partnern, auf die Bücher. Externe Beschwerden konzentrieren sich auf harte Finanzkennzahlen: Unregelmässigkeiten in der Buchhaltung, Mängel bei der Revision und irreführende Finanzberichterstattung. Diese Zweiteilung stellt das Management vor eine komplexe Herausforderung. Es muss an zwei Fronten kämpfen: für die Unternehmenskultur und für die finanzielle Integrität. Die «weichen» Themen Respekt und Diversität lassen sich nicht länger ignorieren, denn sie machen inzwischen den Grossteil der internen Spannungen aus, während externe Beobachterinnen und Beobachter weiterhin vor allem auf das Geschäftsergebnis achten.

Der Schutz durch Hinweisgeber: Wirksame Systeme

Trotz der ernüchternden Statistiken bewährt sich die Infrastruktur zur Aufdeckung von Fehlverhalten. Meldestellen sind nicht bloss passive Briefkästen, sondern aktive Schutzschilde gegen finanzielle Verluste. In 40 % der Fälle ermöglichten diese Mechanismen den Unternehmen, mehr als zwei Drittel des gesamten finanziellen Schadens aufzudecken. Das zeigt, dass Früherkennung die wirksamste Form der Schadensbegrenzung ist.

Die Befürchtung, Meldungen könnten böswillig erfolgen, scheint weitgehend unbegründet. Die Studie bestätigt, dass nur jeder zehnte Fall missbräuchliche Beschwerden betraf, die darauf abzielten, Einzelpersonen oder Unternehmen zu diskreditieren. Diese Quote von 10 % böswilliger Meldungen verblasst gegenüber dem Nutzen, den berechtigte Meldungen bringen. Derzeit betreiben 57 % der 320 befragten Schweizer Unternehmen interne Whistleblowing-Stellen, während 64 % externe Kanäle nutzen. Mit zunehmender Komplexität globaler Lieferketten werden diese Meldewege zum zentralen Nervensystem der Unternehmensführung. Diese Kanäle auszubauen und zu schützen, ist nicht nur eine ethische Pflicht, sondern auch eine finanzielle Notwendigkeit für jedes Schweizer Unternehmen, das die kommenden zehn Jahre zunehmender Kontrolle überstehen will.