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Swiss Observer

Kontroverse um olympisches Breaking: Schweizer Verband wegen Misswirtschaft in der Kritik

Eine Recherche deckt Machtkämpfe und fragwürdige Finanzgeschäfte im olympischen Breaking-Programm des in der Schweiz ansässigen Weltverbands World DanceSport Federation auf.

Kontroverse um olympisches Breaking: Schweizer Verband wegen Misswirtschaft in der Kritik
AISWI swissinfo.ch

Während die Welt zusah, wie sich die B-Boys und B-Girls in Paris drehten und in Freeze-Positionen verharrten, entfaltete sich hinter den Kulissen in der Schweiz ein kalkuliertes Machtspiel. Eine brisante Recherche des öffentlich-rechtlichen Senders SRF hat die in Lausanne ansässige World DanceSport Federation (WDSF) damit konfrontiert, den Tanzsport Breaking angeblich zu nichts weiter als einer Spielfigur gemacht zu haben. Der Vorwurf wiegt schwer: Die WDSF habe die Strassenkultur des Breaking ausschliesslich ausgenutzt, um ihre eigenen traditionellen Standard- und Lateintänze in die olympische Arena zu schmuggeln.

Das olympische Debüt von Breaking bei Paris 2024 wurde öffentlich als Modernisierung der Spiele gefeiert. Insider enthüllen nun jedoch, dass die WDSF, eine Organisation ohne historische Verbindungen zur Hip-Hop-Kultur, den Schritt aus eigennützigen Motiven vorangetrieben hat. Statt sich für die B-Boys und B-Girls einzusetzen, steht der Verband im Verdacht, sein eigenes Überleben und seine Bedeutung priorisiert zu haben. Die Recherche zeichnet eine Spur undurchsichtiger Geldflüsse und strategischer Manipulation nach und legt nahe, dass die Athletinnen und Athleten, die auf der Weltbühne tanzten, lediglich als Druckmittel in einem Spiel mit hohem Einsatz dienten, das Führungskräfte in Schweizer Sitzungszimmern austrugen.

Der eindeutige Beweis: Tays durchgesickerte E-Mails

Die Belege gegen die WDSF beruhen nicht bloss auf Hörensagen, sie stehen schwarz auf weiss. In einer erstaunlichen Enthüllung erhielt SRF Investigativ exklusiv E-Mails von WDSF-Präsident Shawn Tay aus der Zeit vor den Spielen. Tays Korrespondenz mit dem geschäftsführenden Präsidium legt eine zynische Strategie offen: «Breaking könnte unser Ticket zu den Olympischen Spielen sein ... Wir müssen Breaking als unsere Chance nutzen, damit Standard oder Latein aufgenommen werden.»

Das ist ein eindeutiger Beweis. Tay, der 2018 die Führung übernahm, setzte sich ausdrücklich dafür ein, Breaking «vor dem Zugriff anderer zu schützen», ein Euphemismus dafür, die absolute Kontrolle zu behalten und sicherzustellen, dass die WDSF davon profitierte. Die Verteidigung des Verbands, er habe stark in den Tanzsport investiert, wirkt angesichts des internen Eingeständnisses, Breaking sei bloss der Köder gewesen, wenig überzeugend. Dieses kalkulierte Vorgehen zeugt von einem tiefen Verrat an den Athletinnen und Athleten, die glaubten, ihr Tanzsport werde respektiert und nicht als Sprungbrett für Walzer und Tangos benutzt.

Kulturkonflikt: Beton gegen Kristall

Die Kluft zwischen dem Dachverband und den Athletinnen und Athleten ist vollständig. Breaking entstand in den 1970er-Jahren auf den rauen Strassen New Yorks und entwickelte sich in von Banden geprägten Quartieren, wo Tanzen zu einem Mittel für Frieden, Liebe und Einheit wurde. Im krassen Gegensatz dazu ist die WDSF in vornehmen Ballräumen mit Spiegelwänden zu Hause und leitet Tänzerinnen und Tänzer in Frack und Pailletten. Hier prallen Welten aufeinander, die nie zusammenpassen sollten.

Während sich B-Girls und B-Boys in Cyphers mit roher Energie und dem Respekt ihrer Gemeinschaft messen, bewegen sich WDSF-Funktionäre durch formelle Säle, die von starren Traditionen geprägt sind. Weshalb ist ein Verband, der auf Haltung und Abendkleider fixiert ist, für Headspins und Freezes zuständig? Die Recherche zeigt, dass Breaking bis zur Übernahme durch die WDSF im Untergrund blieb und von Gemeinschaften organisiert wurde. Die deutsche Spitzen-B-Girl Jilou bringt es auf den Punkt: «Der Verband ist nicht das A und O.» Die kulturelle Aneignung einer afroamerikanischen Kunstform durch eine in der Schweiz ansässige Bürokratie zeugt von einem grundlegenden Missverständnis der Seele dieses Tanzsports.

Die Legenden zum Schweigen bringen

Die WDSF verwaltete nicht bloss die Kultur schlecht, sondern unterdrückte aktiv deren Pioniere. Niels «Storm» Robitzky, eine legendäre Figur in der weltweiten Breaking-Gemeinschaft, wurde vom Verband zunächst umworben, um der olympischen Bewerbung Glaubwürdigkeit zu verleihen. Heute gehört er zu den schärfsten Kritikern des Verbands. Storm wirft der WDSF vor, nach der Sicherung ihrer Position kritische Stimmen systematisch zum Schweigen gebracht und die vollständige Kontrolle an sich gerissen zu haben.

Das war keine Partnerschaft, sondern eine Übernahme. Dem Verband wird vorgeworfen, die Anliegen jener Menschen ignoriert zu haben, die die Szene überhaupt aufgebaut hatten, und sie als Hindernisse statt als Fachleute behandelt zu haben. Indem die WDSF Legenden wie Storm an den Rand drängte, entfremdete sie die Kerngemeinschaft, die sie zu vertreten vorgab. Das Ergebnis war eine geglättete, bürokratisierte Version von Breaking, durch die sich viele Athletinnen und Athleten ausgebeutet fühlten. An die Stelle von «Peace, Love and Unity» im Cypher trat das kühle politische Taktieren der Sportverwaltung.

Ein gescheitertes Spiel

Letztlich scheiterte der machiavellistische Plan der WDSF. Der grosse Plan, Breaking zu nutzen, um Standard- und Lateintänze in die olympische Familie zu bringen, ging spektakulär schief. Weder Standard noch Latein wurden für künftige Spiele aufgenommen, und auch die olympische Zukunft von Breaking ist nach Paris ungewiss. Der Verband setzte seinen Ruf und das Vertrauen einer weltweiten Gemeinschaft aufs Spiel, mit einer Strategie, die nichts als Kontroversen hervorbrachte.

Für die Schweiz, Heimat der WDSF und des IOC, wirft der Skandal einen Schatten auf die Integrität der internationalen Sportführung mit Zentrum in Lausanne. Die Recherche erzählt von Selbstüberschätzung, vom Glauben, eine Unternehmensstruktur könne eine organisch gewachsene Kultur folgenlos vereinnahmen und ausnutzen. Wenn sich der Staub legt, bleiben der WDSF ein beschädigtes Image, eine aufgebrachte Breaking-Gemeinschaft und die Erkenntnis, dass sich Authentizität nicht in einem Sitzungszimmer herstellen lässt.