Wirtschaft
OECD fordert Reformen in der Schweiz, während sich die Wachstumsaussichten verbessern
Die OECD hat ihre Wachstumsaussichten für die Schweiz angehoben, warnt aber, dass Wohnungsknappheit, die alternde Bevölkerung, die Steuerstruktur und die Pensionskosten die langfristige Wettbewerbsfähigkeit gefährden. Der Artikel macht aus dem Bericht einen klaren Leitfaden zu den Reformen, die voraussichtlich politischen Widerstand hervorrufen werden.

Die OECD rechnet nun damit, dass die Schweizer Wirtschaft 2026 um 2% wächst, eine deutliche Erhöhung gegenüber der Juni-Prognose von 1.1%. Die Anpassung folgt auf ein stärker als erwartetes zweites Quartal und verschafft der Regierung mehr Spielraum, schwierige Reformen anzugehen, solange die wirtschaftlichen Bedingungen günstig sind.
Die in Paris ansässige Organisation äusserte ihre Warnung am 15. September 2026 zusammen mit den optimistischeren Aussichten. Der Wohlstand der Schweiz bleibt Handelshemmnissen, einem stärkeren Franken und einer nachlassenden Nachfrage auf ausländischen Märkten ausgesetzt. In einem Land, in dem die Exporte rund 78% des BIP ausmachen, haben Wechselkurse und der Marktzugang Folgen, die weit über die Industrie hinausreichen.
Die OECD sagte, die Schuldenbremse und die umfassendere makroökonomische Steuerung hätten der Schweiz geholfen, wiederholte Schocks abzufedern. Sie betonte zudem, dass die bisherige Leistung strukturelle Veränderungen nicht ersetzen könne. Wohnungsknappheit schränkt Arbeitnehmende und Arbeitgebende ein. Eine alternde Bevölkerung erhöht den Druck auf die Renten und die öffentlichen Ausgaben. Steuerregeln können eine effiziente Nutzung von Liegenschaften verhindern und die künftigen Einnahmen begrenzen.
Die Empfehlungen werden die Schweizer Vorliebe für schrittweise, umfassend ausgehandelte Veränderungen auf die Probe stellen. Rentenalter, Liegenschaftsbesteuerung und die Beziehungen zur Europäischen Union betreffen allesamt die Haushaltsfinanzen der Stimmberechtigten oder die nationale Souveränität. Die verbesserte Prognose macht den Zeitpunkt günstiger, doch der politische Widerstand bleibt bestehen.
Das Rentensystem erneuern
Die Rentenreform steht im Zentrum der finanzpolitischen Warnung der OECD. Die Organisation empfiehlt, das Rentenalter an die steigende Lebenserwartung zu koppeln. Diese Massnahme hat sie auch für Frankreich befürwortet. Dadurch würden die Rentenregeln automatisch auf den demografischen Wandel reagieren, statt wiederholte politische Auseinandersetzungen zu erfordern.
Die Bevölkerung der Schweiz altert, und die höhere Lebenserwartung belastet die Finanzierung der Renten und die öffentlichen Haushalte dauerhaft. Die OECD stellte die Empfehlung nicht als alleinige Lösung dar. Sie ordnete die Rentenreform neben einer besseren Erhebung von Einnahmen, einem breiter abgestützten Produktivitätswachstum und einer besseren Kontrolle der langfristigen Ausgaben ein.
Jeder Versuch, das Rentenalter an die Lebenserwartung zu koppeln, würde auf Widerstand von Gewerkschaften, linken Parteien und Arbeitnehmenden in körperlich anspruchsvollen Berufen stossen. Befürworter würden argumentieren, eine vorhersehbare Formel könne die Kosten eines längeren Lebens gleichmässiger auf die Generationen verteilen. Die Debatte würde das Parlament auch dazu zwingen, Unterschiede bei den Arbeitsbedingungen, der beruflichen Vorsorge und den Möglichkeiten älterer Angestellter, im Arbeitsmarkt zu bleiben, anzugehen.
Die Empfehlung folgt auf Jahre mit Schweizer Rentenabstimmungen und ausgehandelten Reformpaketen. Sie dürfte die Auseinandersetzungen über Gerechtigkeit, Flexibilität und die Rolle des Staates neu entfachen. Die Botschaft der OECD ist klar: Der demografische Druck hält an, auch wenn das jährliche Wachstum steigt.
Mehr Wohnraum erschliessen
Die OECD will, dass die Schweiz mit ihrer Steuerpolitik Wohnraum freisetzt und die öffentlichen Finanzen stärkt. In ihrem Bericht hob sie die Liegenschaftsbesteuerung hervor und empfahl Anreize für ältere und wohlhabendere Haushalte, aus grossen Wohnungen auszuziehen, die ihren Bedürfnissen nicht mehr entsprechen.
Der Vorschlag zielt auf ein strukturelles Problem. Wohnungsknappheit treibt die Kosten für Familien in die Höhe und erschwert es Unternehmen, in wirtschaftlich produktiven Zentren Personal zu rekrutieren. Eine stärkere Nutzung des bestehenden Wohnungsbestands könnte schneller zusätzliches Angebot schaffen, als wenn man sich allein auf Neubauten verlässt. Die Massnahme würde auch den politischen Schutz von Wohneigentümerinnen und Wohneigentümern infrage stellen, insbesondere in einem Land, in dem Liegenschaftssteuern und Wohnungsregeln je nach Kanton und Gemeinde unterschiedlich sind.
Die OECD verknüpfte die Empfehlung zum Wohnungsmarkt mit dem umfassenderen Bedarf, die Steuereinnahmen zu erhöhen, während die Bevölkerung altert und der Ausgabendruck zunimmt. Sie schlug damit kein einzelnes nationales Steuerpaket vor. Aufgrund der föderalen Struktur der Schweiz müssten Änderungen mehrere politische Ebenen durchlaufen, wobei die Stimmberechtigten bei vielen finanzpolitischen Entscheidungen direkt mitbestimmen können.
Eine Reform der Liegenschaftsbesteuerung kann deshalb zu einer Auseinandersetzung über die Generationengerechtigkeit werden. Jüngere Haushalte sehen sich mit hohen Mieten und begrenzten Möglichkeiten für Wohneigentum konfrontiert. Ältere Eigentümerinnen und Eigentümer könnten höhere Kosten oder den Druck zum Umzug erleben. Ob die Politik öffentliche Unterstützung findet, hängt davon ab, wie Ausnahmen, Steuersätze und Unterstützung für Haushalte mit tiefem Einkommen ausgestaltet werden.
Handelsbeziehungen sichern
Fast 40% der Schweizer Lieferungen gehen in die Europäische Union, mehr als 20% in die Vereinigten Staaten. Die OECD forderte Bern deshalb auf, den Zugang zum europäischen Binnenmarkt zu sichern und zugleich die Handelspartner zu diversifizieren.
Die Warnung erfolgt vor einer Abstimmung über neue Abkommen mit der EU. Schweizer Exporteure sind auf stabile Regeln für Waren, Dienstleistungen, Arbeit und Investitionen angewiesen, während viele Stimmberechtigte engeren institutionellen Beziehungen zu Brüssel weiterhin skeptisch gegenüberstehen. Mit ihrer Empfehlung rückt die OECD den Marktzugang direkt ins Zentrum der wirtschaftspolitischen Reformdebatte. Ein Verlust der Planungssicherheit in Europa würde Unternehmen zusätzlich belasten, die bereits mit Handelshemmnissen und einer erneuten Aufwertung des Frankens konfrontiert sind.
Eine Diversifizierung kann die Abhängigkeit von einzelnen Märkten verringern, braucht aber Zeit und kann die geografischen und wirtschaftlichen Verbindungen der Schweiz zur EU nicht ersetzen. Hersteller, Pharmaunternehmen und Dienstleistungsanbieter wären durch Verzögerungen, eine abweichende Regulierung oder höhere Transaktionskosten unterschiedlich gefährdet.
Der Bericht unterstützte zudem die strikte Haltung der Schweizer Regierung zu den neuen Eigenkapitalanforderungen für die UBS. Damit stellte sich die OECD auf die Seite des IWF und der Schweizer Aufsichtsbehörden. Zusammengenommen weisen die Empfehlungen auf eine Strategie hin, die auf Widerstandsfähigkeit setzt: zentrale Marktzugänge sichern, Handelsbeziehungen ausbauen und das Finanzsystem in die Lage versetzen, Schocks abzufedern.
Politische Entscheidungsprozesse öffnen
Die OECD will ausserdem, dass die Schweiz das Lobbying transparenter macht. Ihr Bericht forderte einen Verhaltenskodex und ein Register für Lobbyistinnen und Lobbyisten und ergänzte damit die wirtschaftspolitischen Empfehlungen um eine Reform der Regierungsführung.
Der Vorschlag würde beeinflussen, wie Interessengruppen sich gegenüber dem Parlament und der Verwaltung präsentieren. Das politische System der Schweiz ermöglicht Verbänden, Unternehmen, Gewerkschaften und Berufsgruppen einen erheblichen Zugang zu Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern. Ein öffentliches Register könnte diese Kontakte leichter nachvollziehbar machen und verdeutlichen, wer welche Interessen vertritt. Im Ausgangsbericht legte die OECD kein detailliertes Modell fest. Das Parlament müsste somit über den Umfang des Registers, die Durchsetzung und die Offenlegungsvorschriften entscheiden.
Die umfassendere Reformagenda betrifft nun die Haushaltsfinanzen, die Bedingungen für Unternehmen und die politischen Institutionen. Änderungen der Rentenregeln könnten den Zeitpunkt des Übergangs von der Arbeit in den Ruhestand beeinflussen. Liegenschaftssteuern könnten sich darauf auswirken, wo Menschen leben. Abkommen mit der EU könnten das Geschäftsumfeld für Exporteure prägen. Regeln zum Lobbying würden das Vertrauen in das Verfahren stärken, mit dem diese Entscheidungen getroffen werden.
Mathias Cormann, OECD-Generalsekretär, sagte, die Schweiz müsse die Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen sichern, das Produktivitätswachstum auf mehr Unternehmen und Branchen ausweiten und das Wohnungsangebot erschliessen. Die Regierung kann auf die höhere Wachstumsprognose als Beleg für die Widerstandsfähigkeit verweisen. Um die Empfehlungen des Berichts in politische Massnahmen umzusetzen, braucht sie dennoch Mehrheiten im Parlament, die Zusammenarbeit der Kantone und die Zustimmung der Bevölkerung.