Wirtschaft
Novartis steigt mit einem 550-Millionen-Dollar-Geschäft in die Anti-Aging-Forschung ein
Der Schweizer Pharmakonzern Novartis steigt mit einer Partnerschaft mit BioAge Labs strategisch in die Langlebigkeitsforschung ein und tätigt damit eine bedeutende Investition in die Entwicklung von Medikamenten gegen altersbedingte Krankheiten.

Erstaunliche 550 Millionen Dollar. So viel ist Novartis bereit zu zahlen, um in die hart umkämpfte Arena der Langlebigkeitsforschung zurückzukehren. In einem mutigen strategischen Kurswechsel, der im vergangenen Dezember angekündigt wurde, sicherte sich der Pharmariese aus Basel eine Partnerschaft mit dem kalifornischen Unternehmen BioAge Labs. Damit beendete er seine Zurückhaltung im Bereich der Anti-Aging-Forschung endgültig. Es handelt sich nicht bloss um eine Investition, sondern um eine Absichtserklärung. Während die Konkurrenz mit Blockbustern wie Wegovy und Ozempic um die Vorherrschaft auf dem Markt für Adipositasmedikamente kämpfte, hielt sich Novartis zurück. Nun korrigiert der Schweizer Konzern seinen Kurs mit Nachdruck und will die nächste medizinische Grenze für sich erschliessen: die Gesundheit der alternden Weltbevölkerung zu bewahren.
Die Struktur des Geschäfts zeigt einen Wandel in der modernen pharmazeutischen Konkurrenz. Novartis kauft weder eine einzelne Wunderpille noch eine bestimmte chemische Verbindung. Stattdessen investiert das Unternehmen beinahe eine halbe Milliarde Schweizer Franken (453,5 Millionen Franken), um sich den Rohstoff für künftige Innovationen zu sichern. Mit der Partnerschaft mit einem relativ unbekannten Biotech-Unternehmen setzt Novartis darauf, dass sich das nächste Blockbuster-Medikament nicht im Reagenzglas finden lässt, sondern in den komplexen biologischen Codes der menschlichen Lebensgeschichte verborgen liegt.
Die Suche nach dem «neuen Öl» der Langlebigkeit
Daten sind das neue Öl, und Novartis hat sich soeben die Rechte an einem der grössten unerschlossenen Vorkommen der Welt gesichert. Im Zentrum des Geschäfts steht BioAge Labs’ umfangreicher, exklusiver Bestand an Gesundheitsdaten von Menschen. Dabei handelt es sich nicht um eine Momentaufnahme, sondern um eine über 50 Jahre geführte Langzeitdokumentation der menschlichen Biologie. BioAge hat sich Rechte an Genomprofilen und Krankengeschichten aus Biobanken gesichert, die Tausende von Menschen über ein halbes Jahrhundert hinweg beobachtet haben.
Diese Übernahme ermöglicht es Novartis, traditionelle und langsamere Methoden der Arzneimittelforschung zu umgehen. Mithilfe fortschrittlicher künstlicher Intelligenz können Forschende dieses «neue Öl» analysieren und genau bestimmen, welche biologischen Faktoren eine gesunde Lebensspanne von einer krankheitsgeprägten unterscheiden. Die möglichen Auswirkungen sind beträchtlich. Statt zu vermuten, welche Moleküle wirken könnten, kann Novartis nun mithilfe von KI jene Faktoren identifizieren, die für ein langes Leben entscheidend sind und sich in Jahrzehnten menschlicher Lebensdaten verbergen. Dieser datenbasierte Ansatz markiert eine entscheidende Weiterentwicklung darin, wie die Schweizer Pharmaindustrie auf der Weltbühne konkurriert: weg von der chemischen Entwicklung, hin zur Vorherrschaft im Bereich der Information.
Eine biologische Revolution gestalten
Novartis kauft nicht nur externe Daten, sondern baut seine eigene DNA um, um den Auswirkungen des Alterns entgegenzuwirken. 2023 richtete das Unternehmen unauffällig eine spezialisierte Forschungsgruppe ein: Diseases of Ageing and Regenerative Medicine (DARe, Krankheiten des Alterns und regenerative Medizin). Diese interne Spezialeinheit hat ein monumentales Ziel: den Fokus von der Behandlung von Symptomen auf die gezielte Beeinflussung der molekularen Ursachen des Alterns selbst zu verlagern. Dabei nutzt das Unternehmen seine umfassende Expertise bei Erkrankungen des Bewegungsapparats, um sich einem breiteren und ambitionierteren Forschungsgebiet zuzuwenden.
«Unser Ziel ist es, die biologischen Treiber des Alterns zu verstehen, um neuartige Behandlungen für altersbedingte Krankheiten zu entwickeln», erklärt Michaela Kneissel, die weltweite Leiterin von DARe. Ihre Aussage unterstreicht die radikale Abkehr vom Modell «ein Medikament, eine Krankheit». Kneissel betont, diese Forschung könne «die Tür dazu öffnen, nicht nur eine einzelne Krankheit zu behandeln, sondern ganze Krankheitsgruppen anzugehen». Dies ist der heilige Gral der modernen Pharmaindustrie: ein systemischer Ansatz, der den alternden Körper als Ganzes behandelt, statt einzelne Organversagen auszubessern.
Einem demografischen Tsunami begegnen
Hinter dieser Investition steht der demografische Tsunami, der bereits über die Industrieländer hereinbricht. Die Vereinten Nationen prognostizieren einen gewaltigen Wandel: Bis 2050 wird sich die Zahl der Menschen ab 60 Jahren verdoppeln und von 1 Milliarde im Jahr 2020 auf über 2,1 Milliarden steigen. Diese Altersgruppe wird bald 20 Prozent der gesamten Weltbevölkerung ausmachen. Noch alarmierender ist, dass sich die Zahl der Menschen ab 80 Jahren voraussichtlich verdreifachen wird.
Für Novartis ist dies nicht nur eine humanitäre Krise, sondern die grösste Marktchance des 21. Jahrhunderts. Mit der zunehmenden Alterung der Welt wird die Nachfrage nach Therapien, die die gesunden Lebensjahre verlängern, also die Gesundheitsspanne und nicht nur die Lebensdauer, sprunghaft steigen. Die Schweiz ist mit ihrer langen Geschichte des Gesundheitstourismus, die bis zu den Thermalbädern zurückreicht, besonders gut aufgestellt, um diese Entwicklung anzuführen. Der Druck ist jedoch gross. Da Novartis keine Umsätze mit einem Adipositasmedikament stützen kann, muss das Unternehmen sicherstellen, dass sich seine Investition von 550 Millionen Dollar in die Langlebigkeitsforschung auszahlt, bevor die demografische Welle das Gesundheitssystem überfordert.