Wissenschaft
Seltene Polarlichter verzaubern die Schweiz nach stärkstem Sonnensturm seit 20 Jahren
Ein starker geomagnetischer Sturm der Stufe G4 brachte Polarlichter an den Schweizer Nachthimmel. Das seltene Naturschauspiel war besonders in höheren Lagen sichtbar, barg aber auch mögliche Risiken für Stromnetze und Satelliten.

Die Schweiz hat soeben ein Lichtspektakel erlebt, das in die Geschichtsbücher eingehen dürfte. In einer seltenen und eindrücklichen Demonstration kosmischer Kraft tauchten Polarlichter den Schweizer Nachthimmel am Dienstagabend in leuchtendes Neongrün. Für die Region war das ein Himmelsereignis von beispielloser Klarheit. Polarlichter sind zwar typisch für den Polarkreis, ihr Auftreten in Mitteleuropa deutet jedoch auf ein geomagnetisches Ereignis von enormem Ausmass hin. Die aussergewöhnliche Intensität dieses Sonnensturms liess das Phänomen die Lichtverschmutzung durchdringen, die die Alpen normalerweise vor solchen kosmischen Lichtspielen abschirmt.
Wer freie Sicht hatte, konnte tanzende Lichtwellen beobachten, ein starker Kontrast zur sonst statischen Dunkelheit einer Januarnacht. Das ist nicht bloss ein schönes Bild, sondern macht unmittelbar sichtbar, wie das Magnetfeld der Erde unter dem Druck eines gewaltigen Sonneneruption nachgibt. Aus allen Kantonen gehen Meldungen ein. Damit ist klar: Es handelte sich nicht um ein flüchtiges Aufleuchten, sondern um einen anhaltenden Beschuss mit Sonnenpartikeln, der die Schweizer Atmosphäre in eine Leinwand voller leuchtender Farben verwandelte.
Sonnensturm erreicht Ausmass des historischen Ereignisses von 2003
Derzeit erleben wir den stärksten geomagnetischen Sturm seit mehr als 20 Jahren. Laut Shawn Dahl vom US-amerikanischen Space Weather Prediction Center (SWPC) übertrifft dieses Ereignis fast jeden Sonnensturm seit dem berüchtigten «Halloween-Sturm» von 2003. Zwar gab es 2024 ein Ereignis der Stufe 5, doch Fachleute bestätigen, dass die spezifischen Parameter und die anhaltende Intensität des Sturms dieser Woche ihm historische Bedeutung verleihen und ihn mit den Ereignissen Anfang der 2000er-Jahre vergleichbar machen. Der Sturm von 2003 war so verheerend, dass er in Schweden weitreichende Stromausfälle auslöste und die Energieinfrastruktur bis ins entfernte Südafrika lahmlegte.
Der aktuelle Sturm wurde durch eine heftige Sonneneruption ausgelöst, traf am Montag auf das Magnetfeld der Erde und hielt seine Stärke bis am Dienstag aufrecht. Das ist keine gewöhnliche Schwankung, sondern ein bedeutendes Weltraumwetterereignis. Der Vergleich mit 2003 ist nicht leichtfertig gezogen. Er erinnert eindringlich an die Unberechenbarkeit unseres Sterns. Während der Sturm anhält, verschiebt er die Grenzen dessen, was Meteorologinnen und Meteorologen während des Sonnenzyklus erwarten, und zwingt dazu, die Einordnung und Vorbereitung auf solche Ausbrüche neu zu bewerten.
Der Höhenunterschied: dem Nebel entkommen
Während die oberen Schichten der Atmosphäre in Farben leuchteten, lag das Mittelland weiterhin unter einer hartnäckigen grauen Decke. Ein markanter Höhenunterschied prägte die Sichtverhältnisse in der ganzen Schweiz: Nur wer sich auf über 700 bis 800 Metern befand, konnte das Spektakel sehen. Unterhalb dieser kritischen Grenze verhinderte eine dichte Hochnebeldecke die Sicht. So lagen grosse Bevölkerungszentren unter einem grauen Schleier, während die Berge darüber im kosmischen Lichtspektakel badeten.
MeteoNews bestätigt, dass die «Nebelobergrenze» als strenge Schranke wirkte. In Regionen wie dem Mittelland bemerkten die Bewohnerinnen und Bewohner nichts von der Lichtershow direkt über ihren Köpfen. In den Voralpen und höheren Alpenregionen hingegen war der Himmel völlig klar. Dieser dramatische Kontrast verdeutlicht die besondere Topografie der Schweiz: Schon einige hundert Höhenmeter können den Unterschied ausmachen zwischen einer tristen Winternacht und einem Platz in der ersten Reihe bei einem der flüchtigsten Naturschauspiele.
Stromnetze unter Druck: die unsichtbare Gefahr
Hinter der faszinierenden Schönheit verbirgt sich eine ernsthafte Gefahr für unseren modernen Alltag. Dieser Sturm der Stufe G4 stellt eine konkrete Bedrohung für Stromnetze, Satellitennavigation und Funkverbindungen dar. Shawn Dahl warnt, dass der Teilchenbeschuss, der unser Magnetfeld stört, weit mehr bewirkt als schöne Lichter. Er induziert elektrische Ströme in langen Leitern am Boden. Dadurch können Probleme bei der Spannungsregelung entstehen und Schutzsysteme ausgelöst werden, was ganze Regionen in Dunkelheit stürzen könnte.
Satelliten, das Rückgrat unserer GPS- und Kommunikationsnetze, haben derzeit mit erhöhter Reibung und Risiken durch elektrische Aufladung zu kämpfen. In einer Welt, die auf sofortige Verbindung angewiesen ist, wird ein G4-Sturm zur Belastungsprobe für unsere technologische Infrastruktur. Die sichtbare Intensität dürfte im Tagesverlauf nachlassen, doch die unsichtbaren elektromagnetischen Turbulenzen setzen unseren Systemen weiter zu. Die stark elektrifizierten Schweizer Bahn- und Stromnetze bleiben in Alarmbereitschaft. Das zeigt: Auch 2026 sind wir der unberechenbaren Kraft der Sonne ausgeliefert.