Landwirtschaft
Rätsel gelöst: Neues Virus bei erkrankten Schweizer Rindern identifiziert
Schweizer Virologen haben ein neues Orthobunyavirus identifiziert, das von Gnitzen übertragen wird und die Ursache einer rätselhaften Erkrankung bei Rindern ist. Das Institut teilt mit, dass das Virus für Menschen kein erhebliches Ansteckungsrisiko darstellt.

Die landwirtschaftlich geprägte Schweiz ist mit einem biologischen Eindringling konfrontiert, der innerhalb ihrer Grenzen noch nie zuvor aufgetreten ist. Das Rätsel, das die Schweizer Milchwirtschaft seit Mitte Juli beschäftigt, ist endlich gelöst: Das Institut für Virologie und Immunologie (IVI) hat offiziell ein neues Orthobunyavirus der Simbu-Serogruppe identifiziert. Dieser Erreger, der typischerweise in den tropischen Regionen Afrikas, Asiens und Australiens vorkommt, hat die Alpen überwunden und in der Veterinärgemeinschaft für grosse Besorgnis gesorgt. Die Entdeckung folgt auf einen dramatischen Anstieg gemeldeter Erkrankungen in mehreren Kantonen, wo zuvor gesunde Rinder plötzlich von einer Reihe schwerer Symptome befallen wurden. Das Virus ist zwar neu in der Schweiz, weist aber eine enge Verwandtschaft mit dem Schmallenberg-Virus auf, das 2012 bei Nutztieren schwere Missbildungen bei neugeborenen Tieren verursachte. Die Behörden handeln mit beispielloser Geschwindigkeit und setzen Gentests ein, um den genauen Virusstamm zu bestimmen, während sie sich mit dieser neu auftretenden Gefahr auseinandersetzen. Die Erkenntnisse des IVI decken sich vollständig mit jüngsten Meldungen aus Frankreich und Deutschland und deuten auf eine weite Verbreitung in Europa hin, die sofortige Aufmerksamkeit erfordert.
Gnitzen nutzen die Hitzewelle gegen Milchviehherden
Ein hohes Fieber von über 40 °C ist das erste Anzeichen dafür, dass sich das Virus festgesetzt hat. Die Krankheit wird nicht durch Atemluft oder Berührung von Kuh zu Kuh übertragen, sondern durch den Stich von Gnitzen. Diese winzigen, blutsaugenden Fliegen sind die Hauptüberträger und verwandeln eine friedliche sommerliche Weidesaison in ein biologisches Minenfeld. Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Während die Schweiz unter einer anhaltenden Hitzewelle leidet, hat die Belastung für leistungsstarke Milchkühe einen kritischen Punkt erreicht. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) stellt zwar keinen eindeutigen Zusammenhang fest, doch die Korrelation ist kaum zu übersehen: Extreme Temperaturen schwächen das Immunsystem der Tiere und machen sie zu leichten Zielen für den von Gnitzen übertragenen Erreger. Der Krankheitsverlauf ist kurz und heftig und dauert auf betroffenen Höfen zwischen 14 und 21 Tagen. In dieser Zeit leiden die Kühe an akutem Durchfall und vollständigem Appetitverlust. Die Landwirte müssen hilflos zusehen, wie ihre wertvollen Herden unter der Sommersonne abbauen. Da derzeit kein Impfstoff verfügbar ist, besteht der einzige Schutz in erhöhter Wachsamkeit und der Hoffnung, dass kühlere Temperaturen die Gnitzenpopulation schliesslich eindämmen.
Wirtschaftliche Folgen nehmen zu, während die Milchproduktion stark sinkt
In den betroffenen Regionen sinkt die Milchproduktion stark, was der Schweizer Milchwirtschaft einen empfindlichen wirtschaftlichen Schlag versetzt. Landwirte berichten von einem drastischen Rückgang der Erträge, der fast unmittelbar nach dem Auftreten des Fiebers von 40 °C einsetzt. Dabei handelt es sich nicht um einen geringfügigen Rückgang, sondern um eine erhebliche Störung der Lieferkette einer der bekanntesten Branchen der Schweiz. Das IVI weist darauf hin, dass der Krankheitsverlauf pro Hof typischerweise bis zu drei Wochen dauert. Das kann die monatlichen Einnahmen stark schmälern und die Ressourcen familiengeführter Betriebe belasten. Anders als hochansteckende Krankheiten, die obligatorische Keulungen und staatlich angeordnete Sperren nach sich ziehen, ist dieses Orthobunyavirus nicht in der Tierseuchenverordnung geregelt. Damit liegt die Verantwortung für den Umgang mit der Krankheit ganz bei den Tierhalterinnen und Tierhaltern. Das BLV hat dringend zum Handeln aufgerufen und die Landwirte aufgefordert, sich bei den ersten unspezifischen Symptomen an eine Tierärztin oder einen Tierarzt zu wenden. Die Erinnerung an den Schmallenberg-Ausbruch von 2012 ist noch präsent und zeigt der Branche, dass auch nicht regulierte Viren die Landwirtschaft und die Volkswirtschaft dauerhaft schädigen können.
Sicherheit für Menschen bestätigt, Wachsamkeit in der Landwirtschaft nimmt zu
Die öffentliche Gesundheit ist weiterhin nicht gefährdet: Die Behörden bestätigen, dass das Virus für Menschen kein erhebliches Ansteckungsrisiko darstellt. In einer klaren Stellungnahme erklärte das Institut für Virologie und Immunologie, dass Viren der Simbu-Serogruppe generell nicht als zoonotisch gelten. Diese Nachricht ist für die Schweizer Bevölkerung und für Menschen, die eng mit Nutztieren arbeiten, eine wichtige Entwarnung. Die Ankunft dieses «exotischen» Virus ist jedoch eine deutliche Warnung vor den sich verändernden Grenzen der Tiergesundheit in einem sich wandelnden Klima. Während Erreger, die bisher auf Afrika und Asien beschränkt waren, in Mitteleuropa Fuss fassen, wird die Schweizer Veterinärinfrastruktur auf eine harte Probe gestellt. Der Fokus richtet sich nun auf die langfristige Überwachung und die mögliche Entwicklung vorbeugender Massnahmen. Die Schweiz steht mit dieser Herausforderung nicht allein da: Das IVI arbeitet eng mit Fachstellen in Deutschland und Frankreich zusammen, um die Ausbreitung des Virus auf dem Kontinent zu verfolgen. Vorerst ist die Botschaft an die Schweizer Bevölkerung klar: Die Milch- und Fleischversorgung bleibt sicher, doch der Kampf zum Schutz der Schweizer Herden vor dem nächsten unsichtbaren Eindringling hat gerade erst begonnen.