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Swiss Observer

Nestlés neuer CEO plant strategische Neuausrichtung zur Wiederbelebung des Wachstums

Nach einer turbulenten Phase plant Nestlés neuer CEO Philipp Navratil eine umfassende strategische Neuausrichtung, um das Wachstum anzukurbeln. Dazu will er den multinationalen Konzern rund um vier zentrale Säulen neu organisieren: Kaffee, Heimtiernahrung, Ernährung und Gesundheit sowie Lebensmittel und Snacks.

Nestlés neuer CEO plant strategische Neuausrichtung zur Wiederbelebung des Wachstums
AISWI swissinfo.ch

Nestlé krempelt sein althergebrachtes Konzept um. Mit einem entschlossenen Schritt will der neue CEO Philipp Navratil den schlafenden Riesen wiederbeleben und baut dafür die traditionellen geografischen Machtbereiche des Unternehmens ab. Der in Vevey ansässige Konzern richtet sich mit Nachdruck auf eine Struktur aus, die von vier globalen Schwergewichten geprägt ist: Kaffee, Heimtiernahrung, Ernährung und Gesundheit sowie Lebensmittel und Snacks. Dabei handelt es sich nicht bloss um eine Umstrukturierung, sondern um eine grundlegende Neuausrichtung der Unternehmens-DNA, die seit Langem regionale Eigenständigkeit über globale Beweglichkeit stellt.

Navratil, der im September das Ruder übernommen hat, setzt darauf, dass diese radikale Vereinfachung interne Silos aufbricht und Innovation beschleunigt. Das Ziel ist klar: sich blitzschnell an veränderte Konsumtrends anpassen. Die Umsetzung in den lokalen Märkten bleibt zwar entscheidend, doch das Machtgleichgewicht verschiebt sich. Die Ära der regionalen Barone geht zu Ende. An ihre Stelle tritt eine schlankere Führungsstruktur, die Nestlés gewaltige Marktkapitalisierung von 196 Milliarden Franken wirksamer nutzen soll. Analysten betrachten dies als notwendige Modernisierung eines Portfolios, in dem lokale Marken weiterhin dominieren, während globale Effizienz zur neuen Währung wird.

Der Kahlschlag von 16 000 Stellen

Die Kosten dieser Transformation sind enorm. Navratil hat ein einschneidendes Restrukturierungsprogramm eingeleitet, bei dem in den kommenden 18 Monaten 16 000 Stellen abgebaut werden. Das ist ein schwerer Schlag für die Belegschaft und signalisiert, dass die neue Führung schlanke Abläufe höher gewichtet als den Erhalt von Stellen. Die Kürzungen erfolgen, während das Unternehmen dringend den Rückgang des Umsatzwachstums seit den Höchstständen nach der Covid-Pandemie umkehren muss.

Der Handlungsdruck ist spürbar. Navratil steht unter enormem Druck, zu beweisen, dass er das Unternehmen durch wirtschaftlich schwierige Zeiten steuern kann. Mit der Verschlankung der Organisation will er Überkapazitäten in einer komplexen Struktur abbauen, die derzeit drei geografische Zonen und mehrere unabhängig geführte Geschäfte wie Nespresso umfasst. Der aggressive Stellenabbau sendet eine klare Botschaft an die Aktionäre: Effizienz hat oberste Priorität, und keine Abteilung ist von einer Überprüfung ausgenommen, während Nestlé um die Wiedererlangung seiner Wettbewerbsfähigkeit kämpft.

Ein Erbe aus Skandalen und Schulden

Navratil übernimmt ein noch immer erschüttertes Unternehmen. Die abrupte Entlassung seines Vorgängers Laurent Freixe nach einer nicht offengelegten Liebesbeziehung mit einer unterstellten Person stürzte das Unternehmen in eine Führungskrise. Doch die Turbulenzen reichen über die Chefetage hinaus. Der Ruf des Unternehmens wurde durch den beunruhigenden Rückruf von Säuglingsnahrung beschädigt, nachdem Ende November 2025 Cereulid nachgewiesen worden war. Vertrauen, die Währung der Lebensmittelbranche, ist für den Schweizer multinationalen Konzern derzeit Mangelware.

Zu diesen operativen Problemen kommt eine finanzielle Zeitbombe hinzu. Nestlé wird von einem Schuldenberg erdrückt, der bis Juni 2025 auf enorme 60 Milliarden Franken angewachsen war, fast doppelt so viel wie 2020. Diese finanzielle Belastung schränkt den Handlungsspielraum des Unternehmens ein und erhöht den Einsatz bei jeder strategischen Entscheidung Navratils. Er organisiert nicht nur für Wachstum um, sondern kämpft darum, ein Schiff zu stabilisieren, das gefährlich viel Wasser aufgenommen hat.

Die Finanzmärkte verlangen weitere Opfer

Die Anleger sind noch nicht zufrieden. Während Navratil die geplanten Veräusserungen der Wassersparte und des Geschäfts mit Vitaminen für den Massenmarkt vorantreibt, verlangen die Finanzzentren immer lauter, Nestlé solle noch grössere Teile seines Imperiums verkaufen, um die Schulden abzubauen. Zu den Vorschlägen gehören der Verkauf des traditionsreichen Süsswarengeschäfts oder der US-amerikanischen Tiefkühlsparte. Schritte, die vor zehn Jahren undenkbar gewesen wären.

Der Druck, die Margen zu steigern, ist unerbittlich. Konsumgüterkonzerne in ganz Europa sind gezwungen, ihre Strukturen zu verschlanken, und Nestlé bildet keine Ausnahme. Während sich das Unternehmen auf die Ankündigung seiner nächsten Schritte vorbereitet, bleibt die Frage: Wird die Strategie mit vier Säulen ausreichen, um die Märkte zufriedenzustellen, oder wird Navratil gezwungen sein, den Konzern noch weiter aufzuteilen? Die kommenden Monate werden zeigen, ob dieses Schweizer Traditionsunternehmen intakt bleiben kann oder ob ihm eine Zukunft der Zersplitterung bevorsteht.