Wirtschaft
Nestlé wegen Wasseraufbereitung unter Beobachtung
Nestlé Waters verteidigt die Qualität seines Mineralwassers nach Enthüllungen über verbotene Aufbereitungsverfahren. Dies wirft Fragen zu den Praktiken der Branche und zur Sicherheit der Konsumentinnen und Konsumenten auf.

Nestlé Waters verteidigt sein Imperium mit Nachdruck und erklärt unmissverständlich: «All unsere Wässer sind heute an der Quelle rein.» Diese selbstbewusste Aussage stammt von Muriel Lienau, General Manager von Nestlé Waters. Sie wehrt sich derzeit gegen eine Welle medialer Vorwürfe zu verbotenen Aufbereitungsverfahren. Der Schweizer Konzern sieht sich mit einer Darstellung konfrontiert, die Lienau als «beunruhigend» für die Konsumentinnen und Konsumenten sowie die 1500 Mitarbeitenden des Unternehmens in Frankreich bezeichnet. Im Zentrum des Konflikts steht die Enthüllung, dass Nestlé bis 2023 verbotene Methoden, insbesondere Kohlefilter und UV-Behandlungen, einsetzte, um die Qualität seiner Prestigeprodukte zu sichern.
Für den multinationalen Konzern mit Sitz in Vevey steht viel auf dem Spiel. Das Unternehmen beharrt darauf, dass sich die Mineralzusammensetzung seiner Wässer nicht verändert habe und es «nie Druck auf einen öffentlichen Entscheidungsträger ausgeübt» habe. Die Vorwürfe legen jedoch etwas anderes nahe. Medienberichten zufolge könnte die französische Regierung dem Druck der Unternehmen nachgegeben und zugelassen haben, dass nicht konformes Wasser auf den Markt gelangte. Lienau bleibt unbeirrt und betont, die Sicherheit der Konsumentinnen und Konsumenten habe «nie auf dem Spiel» gestanden. Das Ausmass der Kritik zeigt jedoch, dass es sich um mehr als eine PR-Krise handelt: Die Integrität der Bezeichnung «natürliches Mineralwasser» steht grundsätzlich infrage.
Der Streit um die Mikrofiltration: Vorschriften und Realität
Ein mikroskopisch kleiner Streit um die Definition von Reinheit ist entbrannt, bei dem es um einen Unterschied von gerade einmal 0,6 Mikrometern geht. Während die europäischen Vorschriften nicht eindeutig festlegen, ab welchem Schwellenwert Filtration als verbotene Desinfektion gilt, setzte eine Stellungnahme der Afssa (heute Anses) aus dem Jahr 2001 eine strenge Grenze von 0,8 Mikrometern. Nestlé verwendet jedoch offen Filterkartuschen mit einer Porengrösse von 0,2 Mikrometern. Lienau verteidigt diese Praxis als strategische Notwendigkeit und nicht als Verstoss. «Wir empfehlen niemandem in der Branche, auf diese Mikrofiltration zu verzichten», erklärte sie und forderte eine dringende Klärung der Vorschriften.
Der Unterschied ist entscheidend. Die regionale Gesundheitsbehörde Okzitanien soll zum Schluss gekommen sein, dass Nestlés feinere Filtration eine «nachgewiesene desinfizierende Wirkung» hat. Nach den geltenden Auslegungen würde das Wasser dadurch technisch gesehen seinen Status als «natürliches Mineralwasser» verlieren. Nestlé entgegnet, das Verfahren diene lediglich als Sicherheitsmassnahme, um die Bildung von Biofilmen zwischen Quelle und Flasche zu kontrollieren. Dieser technische Streit birgt erhebliche Risiken: Sollte das 0,2-Mikrometer-Verfahren rechtlich als Desinfektion eingestuft werden, könnte der Premiumstatus von Marken wie Vittel und Perrier unwiderruflich zerstört werden. Damit müsste eines der wertvollsten Exportgüter der Schweiz neu eingestuft werden.
Enthüllte Akten: Alarm wegen der Gesundheitsrisiken
Die Kontroverse nahm eine dunklere Wendung, als ein wichtiges Regierungsdokument vom 20. Januar 2023 öffentlich wurde. In diesem Dokument, aus dem Le Monde und Radio France zitierten, empfahl der Generaldirektor für Gesundheit, Jérôme Salomon, die Bewilligungen für Nestlés Vorzeigestandorte in den Vogesen, wo Hépar, Contrex und Vittel produziert werden, sowie für den Perrier-Standort in der Region Gard «mit sofortiger Wirkung auszusetzen». Dabei handelte es sich nicht um einen bürokratischen Vorschlag, sondern um eine Warnung auf Grundlage eines Berichts der Anses. Dieser kam zum Schluss, dass das Wasser, das die Brunnen verlasse, «mikrobiologisch nicht einwandfrei» sei.
Diese Enthüllungen stehen in direktem Widerspruch zum Bild makelloser alpiner Reinheit. Der Bericht hob den Einsatz von Mikrofiltern hervor, deren Poren kleiner als der erlaubte Grenzwert waren. Das deutet darauf hin, dass das Wasser ohne diese verbotenen Barrieren ein echtes Gesundheitsrisiko darstellen würde. Nestlé betont zwar, «vereinzelte Abweichungen» würden durch strenge Kontrollen gehandhabt. Die Empfehlung auf höchster Ebene, den Betrieb einzustellen, zeichnet jedoch das Bild eines Unternehmens, das mit systematischen Verunreinigungsproblemen an der Quelle zu kämpfen hat. Die Kluft zwischen der Vermarktung unberührter Natur und der Realität industrieller Aufbereitung war noch nie so gross.
Produktionsstillstand: Die Kosten der Verunreinigung
Die finanziellen und betrieblichen Folgen der Schwierigkeiten bei der Qualitätskontrolle sind bereits sichtbar. Ein schwerer Schlag für die Produktion: Im April musste Perrier nach dem Nachweis von Bakterien «fäkalen Ursprungs» infolge heftiger Regenfälle zwei Millionen Flaschen vernichten. Dabei handelte es sich nicht um ein theoretisches Risiko, sondern um einen konkreten Verunreinigungsfall, der die Bohrarbeiten stoppte und die Vernichtung von Lagerbeständen erzwang. Bei einer Jahresproduktion von bis zu 1,7 Milliarden Flaschen von Perrier und Maison Perrier wird die Bewältigung dieser «vereinzelten Abweichungen» zu einem massiven logistischen Problem.
Nestlé passt seine Strategie bereits an diese Umweltbedingungen an. Die Lancierung von «Maison Perrier», einer Marke für Getränke aus aufbereitetem Wasser, die ohne die restriktive Bezeichnung «Mineralwasser» verkauft werden, signalisiert ein stillschweigendes Eingeständnis: Den Status als reines Mineralwasser zu erhalten, wird immer schwieriger. Da der Klimawandel zu häufigeren Starkregenereignissen und den damit verbundenen Verunreinigungsrisiken führt, muss der Schweizer Konzern sein Geschäftsmodell neu erfinden. Die Ära, in der man Natur einfach abfüllt, geht zu Ende. Begonnen hat die Ära, in der Natur mit Hightech und möglicherweise umstrittenen Eingriffen bewirtschaftet wird.