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Swiss Observer

Neue nationale Hotline für Betroffene häuslicher Gewalt startet nach Verzögerungen

Eine neue nationale, rund um die Uhr erreichbare Hotline (142) für Betroffene häuslicher Gewalt soll in Betrieb genommen werden. Sie bietet in allen Kantonen sofortigen und dauerhaften Zugang zu Unterstützung, während die Besorgnis über Gewaltdelikte zunimmt.

Neue nationale Hotline für Betroffene häuslicher Gewalt startet nach Verzögerungen
AISWI swissinfo.ch

Die Schweiz reagiert endlich auf den Hilferuf. Diesen Freitag schaltet das Land erstmals eine nationale, rund um die Uhr erreichbare Hotline für häusliche Gewalt auf. Sie ist über die Kurzwahlnummer 142 erreichbar. Jahrelang mussten Betroffene sich in einer fragmentierten Landschaft kantonaler Angebote zurechtfinden. Nun ist der sofortige und dauerhafte Zugang zu professioneller Unterstützung unabhängig vom Wohnort gewährleistet. Justizminister Beat Jans und Vertreterinnen und Vertreter der Kantone bestätigten, dass das Personal umfassend geschult wurde, um sicherzustellen, dass die Mindeststandards von Genf bis St. Gallen eingehalten werden. Der Start erfolgt zu einem kritischen Zeitpunkt, nachdem eine Reihe technischer Verzögerungen scharfe Kritik von Unterstützungsorganisationen ausgelöst hatte. Der Dienst unter der Nummer 142 ist mehr als nur eine Telefonleitung: Er ist ein Versprechen des Bundes, dass kein Opfer Gewalt allein ausgesetzt bleibt. Obwohl die Hotline auf kantonaler Ebene betrieben wird, beseitigt die einheitliche Nummer die Verwirrung, die Betroffene oft davon abhält, in den verletzlichsten Momenten ihres Lebens lebensrettende Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Rasant steigende Zahlen erfordern entschlossenes Eingreifen

Allein 2025 wurden erschreckende 22'066 Gewaltdelikte registriert. Das entspricht einem deutlichen Anstieg von 4,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Matthias Reynard, Präsident der Konferenz der kantonalen Sozialdirektorinnen und Sozialdirektoren, bezeichnet diesen Trend als Weckruf. Die Realität ist düster: Mehr als die Hälfte aller Tötungsdelikte in der Schweiz ereignen sich im häuslichen Umfeld. Die ersten beiden Monate des Jahres 2024 waren von fünf Femiziden überschattet, die in Städten wie Bellinzona massive Proteste auslösten. Das sind nicht einfach Zahlen, sondern Ausdruck eines systemischen Versagens, dem der Bund nun hektisch entgegenzuwirken versucht. Der Anstieg der gemeldeten Fälle um 4,4 Prozent könnte teilweise darauf zurückzuführen sein, dass mehr Betroffene den Mut haben, sich zu melden. Zugleich macht er aber auch eine zunehmende Aggressionskultur sichtbar, die mit den bestehenden Massnahmen nicht eingedämmt werden konnte. Die Dringlichkeit ist spürbar: Die Behörden räumen ein, dass die aktuelle Entwicklung für ein Land, das stolz auf seine Sicherheit und soziale Stabilität ist, nicht tragbar ist.

Krise bei Schutzunterkünften offenbart Ungleichheit zwischen den Kantonen

Erschreckende 40 Prozent der Frauen und Kinder in den Zürcher Frauenhäusern sind aus anderen Kantonen geflüchtet. Diese von der Zürcher Justizdirektorin Jacqueline Fehr bekannt gemachte Zahl offenbart ein grosses Ungleichgewicht in der sozialen Infrastruktur der Schweiz. Die nationale Hotline bietet zwar einen digitalen Zugang zu Hilfe, doch die Realität vor Ort ist von einem gravierenden Mangel geprägt. Notunterkünfte sind weiterhin gefährlich knapp, und die Qualität der Unterstützung unterscheidet sich zwischen den Kantonen «viel zu stark». Reynard warnt, die bestehenden Strukturen stünden unter beispiellosem Druck. Einige Regionen wälzten die Verantwortung faktisch auf besser ausgestattete Nachbarkantone wie Zürich ab. Fehr hat sich wiederholt kritisch geäussert und erklärt, ohne eine «sehr konsequente Haltung» neigten die Behörden dazu, häusliche Gewalt zugunsten weniger komplexer Fälle tiefer zu priorisieren. Die Einführung der Nummer 142 muss deshalb der erste Schritt zu einem umfassenderen Ausbau der Schutzangebote vor Ort sein. Denn ein Anruf hilft nur dann, wenn am anderen Ende der Leitung ein sicherer Schlafplatz wartet.

Verantwortung durch digitale Überwachung durchsetzen

Der Kampf gegen häusliche Gewalt hält mit der Stärkung der elektronischen Überwachung von Tätern Einzug ins digitale Zeitalter. Vassilis Venizelos aus dem Kanton Waadt hat ein neues «Starterkit» für die Kantone angekündigt, das die Überwachung von Hochrisikotätern vereinfachen soll. Damit zeichnet sich ein Wandel ab: weg von reaktiver Unterstützung, hin zu proaktiver Prävention. Mit technischen Mitteln sollen Kontakt- und Rayonverbote durchgesetzt und die Lücke zwischen dem Hilferuf einer betroffenen Person und der unmittelbaren Bedrohung vor Ort geschlossen werden. Justizminister Beat Jans mahnt jedoch, die Ergebnisse jüngster Initiativen seien zwar «gut», aber längst nicht ausreichend. Von künftigen Reformen wird erwartet, dass sie rechtliche Schlupflöcher schliessen, dank derer Wiederholungstäter in der Nähe ihrer Opfer bleiben können. Ob die Schweiz die Welle häuslicher Gewalt tatsächlich eindämmen kann, wird davon abhängen, ob sie die Hotline 142 mit einer konsequenten elektronischen Überwachung und mehr Schutzunterkünften verbindet. Die Botschaft aus Bern ist klar: Die Zeit administrativer Verzögerungen ist vorbei, die Zeit der Rechenschaftspflicht hat begonnen.