Gesellschaft
Kampagne «Eine Million Sterne» erhellt den Bundesplatz
Die Caritas entzündet in Bern Tausende Kerzen, um auf Armut aufmerksam zu machen, während die Armutsquote in der Schweiz seit 2014 weiter steigt.

Tausende flackernde Flammen durchbrachen an diesem Samstag die winterliche Dunkelheit auf dem Bundesplatz und verwandelten das politische Herz der Schweiz in ein strahlendes Zeichen der Solidarität. Mit einer eindrücklichen visuellen Aktion lancierte die Hilfsorganisation Caritas ihre Kampagne «Eine Million Sterne» und lockte fast 800 Menschen auf die Treppe des Bundeshauses. Dies war nicht bloss eine festliche Inszenierung, sondern ein trotziger Akt, um jene sichtbar zu machen, die sonst unsichtbar bleiben.
In Bern lag ein spürbarer Tatendrang in der Luft, als die Teilnehmenden Kerzen anzündeten. Jede Flamme stand als Symbol der Hoffnung gegen den immer grösser werdenden Schatten finanzieller Not. Während das Bundeshaus ein Monument für die Stabilität der Schweiz ist, erzählte das Lichtermeer vor seinen Türen eine andere Geschichte: die von dringendem Bedarf und einer widerstandsfähigen Gemeinschaft. Indem Caritas und die Menschen in Bern den Platz einnahmen, stellten sie den Sitz der Macht der Lebensrealität der notleidenden Bevölkerung gegenüber. So sorgten sie dafür, dass die Not der besonders verletzlichen Menschen von den führenden Köpfen des Landes nicht ignoriert werden konnte.
Der zunehmenden Armut begegnen
Eine erschreckende Zahl von 702'000 Menschen in der Schweiz kämpft derzeit mit der erdrückenden Last der Armut. Dabei handelt es sich nicht um einen vorübergehenden Rückgang, sondern um eine systemische Krise. Daten des Bundesamts für Statistik zeigen einen alarmierenden Trend: Die Armutsquote steigt seit 2014 kontinuierlich und widerspricht damit dem Ruf des Landes als immens wohlhabend. Noch beunruhigender ist, dass eine fast ebenso grosse Zahl von Einwohnerinnen und Einwohnern am Existenzminimum lebt und nur einen Lohn entfernt vom finanziellen Ruin ist.
Die steigenden Lebenshaltungskosten setzen die Schweizer Haushalte mit beispielloser Wucht unter Druck. Während die Wirtschaft Stärke ausstrahlt, wird das soziale Gefüge unter dem Druck der Inflation und steigender Kosten brüchig. Das sind nicht einfach Zahlen auf einer Seite. Sie stehen für Hunderttausende Menschen, Familien, Pensionierte und Erwerbstätige, die von einem System zurückgelassen werden, das seine verletzlichsten Mitglieder nicht schützt. Die Kampagne «Eine Million Sterne» ist ein wichtiger Weckruf. Sie zeigt, dass wirtschaftliche Ungleichheit kein Problem anderer Länder, sondern eine dringende Herausforderung im eigenen Land ist, die sofortige Aufmerksamkeit verlangt.
Solidarität im ganzen Land mobilisieren
Die Solidarität breitete sich weit über die Hauptstadt hinaus aus und löste im ganzen Land eine Kettenreaktion aus. Caritas organisierte gleichzeitig Veranstaltungen an über 100 Orten in der ganzen Schweiz und zeigte damit, dass die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit keine Kantonsgrenzen kennt. Von Genf bis St. Gallen mobilisierten sich Gemeinschaften, um den Menschen am Rand der Gesellschaft Seite an Seite beizustehen.
Diese gross angelegte, koordinierte Aktion unterstreicht eine zentrale Erkenntnis: Armut ist ein nationales Problem, das eine nationale Antwort erfordert. Indem Caritas die Veranstaltung dezentral durchführte, stellte sie sicher, dass die Botschaft sowohl auf lokalen Plätzen als auch in Stadtzentren ankam. So liess sich das Thema nicht auf eine bestimmte Region abschieben. Diese jährliche Mobilisierung zeigt, dass der Schweizer Geist der Freiwilligenarbeit und der gegenseitigen Unterstützung trotz düsterer Statistiken eine starke Kraft bleibt. Das Ausmass der Aktion spiegelt die wachsende Erkenntnis in der Bevölkerung wider, dass der Status quo inakzeptabel ist und gemeinsames Handeln der einzige Weg nach vorn ist.
Das Schweigen über die Isolation brechen
Armut in der Schweiz ist oft ein stiller Kampf, der durch Scham und soziale Isolation zusätzlich erschwert wird. Silja Wenk, Co-Geschäftsleiterin der Caritas Bern, durchbrach dieses Schweigen mit einer klaren Botschaft: «Mit dieser Kampagne wollen wir zeigen, dass niemand allein ist.» Diese Aussage trifft den Kern der psychischen Belastung durch finanzielle Unsicherheit: das Gefühl, in einem Land des Überflusses unsichtbar zu sein.
Die Kampagne stellt das Stigma infrage, das arme Menschen in den Schatten drängt. Indem Caritas das Thema buchstäblich und im übertragenen Sinn auf den öffentlichen Platz bringt, baut sie die Hürden ab, die einen offenen Dialog über die Vermögensverteilung und die sozialen Sicherungssysteme verhindern. Wenn die Kerzen erlöschen und das Wachs auf dem Kopfsteinpflaster erstarrt, bleibt der Schweiz eine Herausforderung: das symbolische Licht in konkrete Politik und dauerhafte Unterstützung für die 702'000 Einwohnerinnen und Einwohner zu übersetzen, die schon viel zu lange auf einen neuen Morgen warten.