Wirtschaft
Migros verkauft Hotelplan an deutsche Reisekonzerne
Der Schweizer Detailhandelsriese Migros verkauft die Hotelplan Group an Dertour aus Deutschland, während die Tochtergesellschaft Interhome für bis zu 235 Millionen Franken an Hometogo geht.

Die Schweizer Detailhandelslandschaft erlebt einen tiefgreifenden Wandel: Migros verkauft offiziell ihr Reisegeschäft an deutsche Branchenriesen. Mit einem entscheidenden Schritt, der die europäische Tourismuslandschaft neu gestaltet, hat der Detailhandelsriese den grössten Teil der Hotelplan Group an den deutschen Reiseveranstalter Dertour verkauft. Gleichzeitig hat Hometogo mit Sitz in Berlin die lukrative Tochtergesellschaft Interhome übernommen, die Ferienunterkünfte vermittelt. Es handelt sich nicht einfach um einen Verkauf, sondern um eine vollständige Neuausrichtung der Eigentumsverhältnisse im Schweizer Tourismus.
Migros hat ihre Absichten unmissverständlich klargemacht: Die Zeit der Diversifizierung ist vorbei. Mit dem Verkauf dieser bedeutenden Vermögenswerte zieht sich der Detailhändler konsequent auf sein Kerngeschäft zurück und verschlankt sich, um sich in einem turbulenten wirtschaftlichen Umfeld zu behaupten. Seit Monaten war darüber spekuliert worden, nun ist es offiziell: Zwei der bekanntesten Schweizer Reisemarken stehen künftig unter deutscher Kontrolle. Der Verkauf markiert das Ende einer Ära für Migros als Reisekonzern und den Beginn einer neuen, stärker gebündelten europäischen Vorherrschaft auf dem Schweizer Markt.
Interhome-Übernahme für bis zu 235 Millionen Franken
Die Zahlen liegen vor und sind beträchtlich. Hometogo hat sich mit Interhome das Herzstück der Hotelplan Group gesichert. Der mögliche Kaufpreis beläuft sich auf 235 Millionen Franken. Der Berliner Spezialist für Ferienwohnungen verpflichtet sich zu einer Vorauszahlung von 150 Millionen Franken in bar. Damit sind die finanziellen Vereinbarungen aber noch nicht abgeschlossen: Weitere 85 Millionen Franken könnten bis 2029 als erfolgsabhängige Zahlungen hinzukommen.
Interhome ist keine unbedeutende Übernahme. Als unbestrittenes Herzstück der Hotelplan Group erzielte das Unternehmen allein im letzten Geschäftsjahr einen beachtlichen Umsatz von 389,6 Millionen Franken. Für Hometogo, das bereits an der Frankfurter Börse kotiert ist, ist die Übernahme ein bedeutender strategischer Schritt, der Umsatz und Rentabilität kräftig steigern soll. Um die aggressive Expansion zu finanzieren, plant Hometogo eine Kapitalerhöhung. Damit signalisiert das Unternehmen dem Markt, dass es bereit ist, den Schweizer Branchenriesen zu übernehmen und als eigenständiges Schwergewicht weiterzuführen.
Dertour baut seine Marktstellung aus
Das Machtgefüge im Schweizer Tourismus ist erschüttert. Mit der Übernahme von Hotelplan hat Dertour, die Reisesparte des Grosskonzerns Rewe Group, den Markt praktisch unter ihre Kontrolle gebracht. Dertour betreibt bereits über 130 Unternehmen und beschäftigt 10'000 Personen. In der Schweiz war die Gruppe bisher mit den Marken Kuoni und Helvetic Tours vertreten. Mit der Übernahme von Hotelplan hat sie nun einen wichtigen Konkurrenten ausgeschaltet und ihren Vorsprung gegenüber dem Mitbewerber Tui deutlich ausgebaut.
Die Auswirkungen auf den Wettbewerb sind erheblich. Die Hotelplan Group, die 2024 einen Umsatz von 1,78 Milliarden Franken erzielte und in 20 Ländern tätig ist, wird künftig Teil des Dertour-Konzerns sein. Der Kaufpreis bleibt geheim, der strategische Wert der Übernahme ist jedoch unbestritten. Dertour kauft nicht einfach ein Unternehmen, sondern sichert sich eine dominante Stellung. Der deutsche Konzern erhält Zugang zu einem weitreichenden Partnernetzwerk und will die Marken von Hotelplan eigenständig führen. Damit festigt er eine deutsche Vorherrschaft im Schweizer Ausreiseverkehr.
Übernahme der Belegschaft gesichert
Während der Umstrukturierung stand die Zukunft von 2500 Mitarbeitenden auf dem Spiel, bis jetzt. Migros hat bestätigt, dass die gesamte Belegschaft der Hotelplan Group zu den neuen deutschen Eigentümern wechselt. Es kommt nicht unmittelbar zu einem umfassenden Stellenabbau: Die Vereinbarung sieht vor, alle Mitarbeitenden zu übernehmen und so die Kontinuität in einer Branche zu gewährleisten, die stark auf Fachwissen und Erfahrung angewiesen ist.
Für die Kundinnen und Kunden soll der Übergang kaum spürbar sein. Migros versichert, dass Angebote und Buchungen unverändert bleiben. Hometogo hat ausdrücklich erklärt, die lokalen Servicestellen von Interhome beizubehalten. Diese Stabilität ist entscheidend. Zwar wechselt die Eigentümerschaft ins Ausland, das operative Zentrum des Unternehmens bleibt jedoch in der Schweiz. Die Botschaft an die Mitarbeitenden ist klar: Die Ausweise mögen sich ändern, die Arbeitsplätze sind aber vorerst sicher. Die neuen Eigentümer, die Migros als «etablierte Tourismusunternehmen» bezeichnet, setzen auf das bestehende Fachwissen, um das künftige Wachstum voranzutreiben.
Migros setzt ihren radikalen Rückzug fort
Dieser Verkauf ist das jüngste und bisher einschneidendste Kapitel in der Umstrukturierung von Migros im Jahr 2024. Der Detailhandelsriese trennt sich konsequent von Geschäftsbereichen ausserhalb des Kerngeschäfts. So hat er bereits den Industriebetrieb Mibelle und Fachmärkte zum Verkauf vorgesehen. Trotz eines Rekordumsatzes von 32,5 Milliarden Franken im Jahr 2024, einem Wachstum von 1,6 Prozent, muss der Konzern seine Geschäftstätigkeit straffen und sich stärker auf seine Stellung im Supermarktgeschäft konzentrieren.
«Wir wollten uns auf unser Kerngeschäft konzentrieren», erklärte Migros. Dieser Leitsatz hat ein Jahr voller Umbrüche geprägt. Mit dem Verkauf der Hotelplan Group löst sich Migros aus dem volatilen Tourismussektor und übergibt die Führung spezialisierten deutschen Grossunternehmen, die besser für den globalen Reisemarkt gerüstet sind. Für die Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten wird das Migros-Universum kleiner und stärker fokussiert, aber weniger allgegenwärtig. Wenn sich der Staub gelegt hat, steht eines fest: Die Migros von morgen wird ganz anders aussehen als das weit verzweigte Imperium von gestern.