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Swiss Observer

Konflikt im Nahen Osten: Über 4’000 Schweizer Reisende sitzen fest, Wirtschaft und Diplomatie auf dem Prüfstand

Der eskalierende Konflikt im Nahen Osten hat mehr als 4’000 Schweizer Reisende stranden lassen. Flüge sind eingestellt, eine Rückführung ist vorerst ausgeschlossen. Die Krise wirkt sich auch auf die Schweizer Wirtschaft aus: Die Börse stürzt ab. Zudem stellt sie die diplomatische Rolle der Schweiz als Schutzmacht der USA im Iran auf die Probe.

Konflikt im Nahen Osten: Über 4’000 Schweizer Reisende sitzen fest, Wirtschaft und Diplomatie auf dem Prüfstand
AIThe Local Switzerland

Über dem Nahen Osten herrscht Chaos am Himmel. Ganze 4’000 Schweizer Reisende sind im geopolitischen Kreuzfeuer gefangen. Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) hat bestätigt, dass die Luftraumsperrungen am Golf die kommerziellen Fluchtwege faktisch abgeschnitten haben. Die grosse Mehrheit der gestrandeten Schweizerinnen und Schweizer sitzt in den Vereinigten Arabischen Emiraten fest. Die Lage verschärfte sich dramatisch, nachdem die Swiss International Air Lines (SWISS) alle Flüge nach Dubai bis zum 4. März und nach Tel Aviv bis zum 8. März eingestellt hatte. Die Fluggesellschaft weigert sich, über einen ausgedehnten Konfliktkorridor mit Iran, Irak und Jordanien zu fliegen.

Für die Feriengäste ist das Paradies zur Hölle geworden. «Aus den Ferien ist ein ständiger Stress geworden», berichtet eine Schweizer Touristin in Abu Dhabi und schildert, wie beängstigend es sei, Explosionen in der Nähe ihres Hotels zu hören. Das EDA hat mehr als 1’000 verzweifelte Anrufe auf seiner Helpline entgegengenommen, musste aber eine bittere Wahrheit mitteilen: Eine Rückführung ist derzeit ausgeschlossen. Die Regierung bemüht sich fieberhaft um die Koordination mit Partnerstaaten. Vorerst sitzen die Schweizer Bürgerinnen und Bürger jedoch fest und müssen mitansehen, wie 40 Prozent des gesamten regionalen Flugverkehrs von den Anzeigetafeln verschwinden.

Börsenturbulenzen: Schweizer Aktien unter Druck

Die Schockwellen vom Golf haben die Schweizer Wirtschaft unmittelbar getroffen und den Swiss Market Index (SMI) um 2,0 Prozent auf 13’730 Punkte einbrechen lassen. Die Anlegerinnen und Anleger ziehen sich aus risikoreichen Anlagen zurück. Die Folgen sind ungleich verteilt, aber heftig. Luxusgüterkonzerne tragen die Hauptlast der Panik: Richemont verlor 4,9 Prozent, Swatch 5,0 Prozent. Befürchtungen eines globalen Abschwungs und die Instabilität in der Region verunsichern den Markt für Luxusgüter. Auch der Finanzsektor bleibt nicht verschont. Schwergewichte wie UBS und Julius Bär verloren an einem einzigen Morgen mehr als 4 Prozent ihres Werts.

Bei einer klassischen Flucht in sichere Anlagen verzeichnen der Schweizer Franken und Gold hingegen eine stark steigende Nachfrage. Das unterstreicht den Status der Schweiz als finanzieller sicherer Hafen in globalen Krisen. Nestlé zeigt sich weiterhin widerstandsfähig und wirkt als defensiver Anker. Logistikunternehmen wie Kühne+Nagel schlagen sogar gegen den Trend aus und legen um 1,1 Prozent zu. Grund dafür sind Spekulationen, dass der Konflikt die Frachtkosten in die Höhe treiben wird. Die Botschaft vom Börsenparkett ist klar: Die Volatilität ist zurück, und die Schweizer Wirtschaft stellt sich auf eine längere Phase der Unsicherheit ein.

Diplomatischer Drahtseilakt: Iran-Mandat unter Beschuss

Die viel gerühmte Neutralität der Schweiz steht vor ihrer härtesten Bewährungsprobe seit Jahrzehnten. Seit 1980 nimmt Bern im Iran die Schutzmachtmandate der USA wahr. Diese diplomatische Lebensader droht unter dem Druck des offenen Kriegs zu reissen. Im Inland ist eine heftige Debatte darüber entbrannt, ob dieses Mandat noch tragfähig ist. Gerhard Pfister von der Mitte hat die Rolle scharf kritisiert, sie als «überflüssig» bezeichnet und argumentiert, dass diese «Guten Dienste» dem iranischen Volk in Wirklichkeit schadeten. Die Sozialdemokratin Franziska Roth äusserte sich ähnlich und warf der Regierung vor, gegenüber dem Regime «zu nachsichtig» zu sein.

Andere warnen jedoch, dass ein Verzicht auf diese Rolle zum jetzigen Zeitpunkt katastrophal wäre. Elisabeth Schneider-Schneiter betont, die Schweiz müsse ihre einzigartige Stellung verstärkt nutzen, um eine Deeskalation zu ermöglichen. Mehr steht kaum auf dem Spiel: Jüngste indirekte Gespräche in Genf konnten die jetzige Gewaltexplosion nicht verhindern. Die Schweizer Diplomatinnen und Diplomaten bewegen sich damit auf einem schmalen Grat zwischen der humanitären Tradition des Landes und der brutalen Realität eines Konflikts, der den Obersten Führer Irans das Leben gekostet hat.

Pulverfass Nahost: Sorge vor einem «Irak-Szenario»

Der Tod des iranischen Obersten Führers Ali Khamenei bei einem gemeinsamen US-israelischen Angriff hat die Region in unbekanntes Terrain gestürzt und in Bern ernste Warnungen ausgelöst. Bundesrat Ignazio Cassis hat ausdrücklich seine Sorge über ein «Szenario ähnlich dem Irak vor 30 Jahren» geäussert. Damit signalisiert er grossen Pessimismus hinsichtlich der Wirksamkeit militärischer Lösungen. «Ich glaube nicht, dass militärische Aktionen alles in Ordnung bringen können», sagte Cassis. Seine Worte spiegeln die ernüchternde Erkenntnis wider, dass sich das diplomatische Fenster womöglich geschlossen hat.

Bundespräsident Guy Parmelin telefoniert dringend mit verschiedenen Staats- und Regierungsvertretern. Er sprach direkt mit dem Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate und dem Kronprinzen von Kuwait, um eine vollständige Destabilisierung der Region abzuwenden. Die Schweiz hat bisher keine Opfer unter ihren Bürgerinnen und Bürgern gemeldet, doch die Regierung ist in höchster Alarmbereitschaft. Die rasche Eskalation, vom diplomatischen Stillstand über Enthauptungsschläge bis hin zu ballistischen Vergeltungsangriffen, legt nahe, dass die 4’000 gestrandeten Schweizerinnen und Schweizer nur die ersten Kollateralopfer eines Konflikts sind, der den Nahen Osten für eine Generation umzuformen droht.