Aussenpolitik
Von der Zapfsäule bis zur Aussenpolitik: Wie sich der Konflikt im Nahen Osten auf die Schweiz auswirkt
Der eskalierende Konflikt im Nahen Osten hat spürbare Auswirkungen auf die Schweiz: von der vorübergehenden Schliessung der Schweizer Botschaft in Teheran und steigenden Dieselpreisen bis hin zu Verzögerungen bei der Lieferung von in den USA hergestellten Patriot-Luftabwehrsystemen.

Die Schockwellen des Konflikts im Nahen Osten treffen die Schweiz mit unübersehbarer Wucht, und nirgends wird dies deutlicher als an der Zapfsäule. In einem markanten Preisanstieg, der viele Autofahrerinnen und Autofahrer überrascht hat, ist der durchschnittliche Dieselpreis innert nur zehn Tagen um 8,6 Prozent in die Höhe geschnellt. Laut dem Touring Club Schweiz (TCS) stiegen die Preise vom 28. Februar bis zum 9. März von CHF 1.75 auf schmerzhafte CHF 1.90.
Der Preis für bleifreies Benzin 95 stieg zwar mit 3,7 Prozent weniger stark, doch der kräftige Anstieg der Dieselpreise ist ein Zeichen für die tiefere industrielle Verunsicherung, die den Markt erfasst hat. Der TCS berichtet, dass sein Preisradar bis zu zehnmal stärker genutzt wird als üblich, während Schweizer Autofahrerinnen und Autofahrer versuchen, günstigeren Treibstoff zu finden. Das ist nicht bloss eine Schwankung, sondern eine direkte wirtschaftliche Folge des Kriegs im Iran, der das Vertrauen in die globale Energieversorgung erschüttert. Da die industrielle Nachfrage die Dieselpreise nach oben treibt, sehen sich Schweizer Unternehmen und Pendlerinnen und Pendler unmittelbar mit einer kostspieligen Realität konfrontiert.
Verteidigungsstrategie erschüttert: Die Verzögerung des Patriot-Systems
Die Schweizer Luftverteidigungsstrategie hat einen schweren Rückschlag erlitten. Die Lieferung der wichtigen Patriot-Boden-Luft-Raketensysteme, die ursprünglich noch in diesem Jahr beginnen sollte, wurde um fünf Jahre verschoben. Der Grund? Die amerikanischen Lagerbestände werden durch den eskalierenden Konflikt mit Iran und den anhaltend intensiven Einsatz der Systeme durch die Vereinigten Arabischen Emirate und die Ukraine stark beansprucht.
Durch diese Verzögerung entsteht eine erhebliche Lücke in der Schweizer Verteidigungsplanung. Der Bund hat bereits CHF 650 Millionen für die Beschaffung aufgewendet. Das Gesamtpaket dürfte mehr als CHF 2 Milliarden kosten. Da die USA jährlich nur 1'500 bis 2'000 Abfangraketen herstellen und eine einzelne Rakete rund CHF 3 Millionen kostet, übersteigt die weltweite Nachfrage das Angebot bei Weitem. Verteidigungsminister Martin Pfister sucht nun fieberhaft nach Alternativen und prüft Berichten zufolge das französisch-italienische SAMP/T-System. Angesichts knapper Mittel und bereits geleisteter Zahlungen an die USA befinden sich die Schweizer Streitkräfte jedoch in einer heiklen Warteschleife, während die globalen Bedrohungen zunehmen.
Diplomatische Funkstille: Schliessung der Botschaft in Teheran
Mit einem entschlossenen Schritt, der den Ernst der Lage unterstreicht, hat Bern seine diplomatische Präsenz vor Ort im Iran eingestellt. Die Schweizer Botschaft in Teheran ist nun vorübergehend geschlossen. Der Botschafter und die fünf verbliebenen Mitarbeitenden wurden auf dem Landweg in Sicherheit gebracht. Zuvor waren bereits vier weitere Mitarbeitende ausgereist. Damit steht die Einrichtung leer, während sich der Konflikt verschärft.
Diese Evakuierung ist mehr als eine reine Sicherheitsmassnahme: Sie erschwert die zentrale Rolle der Schweiz als Schutzmacht der Vereinigten Staaten im Iran. Seit Jahrzehnten sind Schweizer Diplomatinnen und Diplomaten eine wichtige Verbindung zwischen Washington und Teheran. Das EDA betont zwar, dass die Kommunikationskanäle offen bleiben, doch ohne Mitarbeitende vor Ort wird es deutlich schwieriger, sich auf dem ohnehin schmalen diplomatischen Grat zu bewegen. Während Explosionen Teheran erschüttern und die Einsätze der USA und Israels andauern, steht die Fähigkeit der Schweiz, zu vermitteln und US-Bürgerinnen und -Bürgern in der Region zu helfen, vor ihrer grössten Bewährungsprobe seit Jahren.
Der Balanceakt der Neutralität: Eine geopolitische Bewährungsprobe
Die Schweiz steht erneut vor dem Paradox der Neutralität in einer polarisierten Welt. Die gemeinsamen Präventivschläge Israels und der USA gegen Iran haben europäische Staaten gezwungen, sich zu positionieren: Spanien untersagt den USA die militärische Nutzung seiner Stützpunkte, während das Vereinigte Königreich begrenzte Unterstützung anbietet. Bern muss hingegen deutlich vorsichtiger vorgehen. Die Regierung fordert eine Deeskalation, doch der Druck aus Washington ist spürbar.
Die wirtschaftlichen und diplomatischen Beziehungen zu den USA sind wichtig, doch die Grundsätze der Schweizer Neutralität verlangen Unparteilichkeit. Den Schweizer Luftraum für US-Militärflugzeuge zu sperren, wie es während des Irakkriegs geschah, bleibt eine theoretische Möglichkeit. Sie könnte jedoch einen diplomatischen Bruch mit der Trump-Regierung auslösen. Da der Patriot-Raketendeal bereits gefährdet ist und das Schutzmachtmandat unter Druck steht, muss der Bundesrat einen heiklen Balanceakt meistern. Die Entscheidungen, die in den kommenden Wochen in Bern getroffen werden, werden nicht nur die Schweizer Aussenpolitik prägen, sondern auch das Ansehen des Landes auf der Weltbühne für Jahre bestimmen.