Umwelt
Mikroplastik in Schweizer Wildtieren nachgewiesen, Umweltbedenken nehmen zu
Eine neue Studie zeigt eine weitverbreitete Belastung verschiedener Schweizer Wildtiere mit Mikroplastik. Bei einigen Tieren wurden in ihrem Verdauungssystem über 600 Partikel pro Gramm festgestellt.

Der Mythos von der unberührten Schweizer Wildnis ist zerstört. Ein wegweisender Bericht, den Greenpeace am Dienstag veröffentlichte, bestätigt, dass die Plastikverschmutzung bis in die entlegensten Winkel unseres Ökosystems vorgedrungen ist und sich in den Verdauungssystemen unserer bekanntesten Wildtiere findet. Dies ist kein Einzelfall, sondern ein systemisches Versagen beim Schutz der Umwelt.
Von den geschickten Gämsen, die sich durch die Alpen bewegen, bis zu den scheuen Wölfen in Graubünden scheint keine Art verschont zu bleiben. Die Studie wies Mikroplastik im Kot einer erstaunlichen Vielfalt von Tieren nach: Rehen, Hirschen, Wildschweinen, Hasen, Füchsen, Mardern und Dachsen. Diese weitverbreitete Belastung zeigt, dass die Schweizer Umwelt massiv beeinträchtigt ist. Sie beweist, dass die Plastikkrise längst nicht mehr auf städtische Zentren oder Gewässer beschränkt ist: Sie wird nun von den Wildtieren aufgenommen, die unser Naturerbe prägen.
Wildschweine besonders stark belastet
Im Kot von Wildschweinen wurde eine aussergewöhnlich hohe Konzentration von über 600 Mikroplastikpartikeln pro Gramm festgestellt. Dies ist die alarmierendste Zahl im gesamten Bericht. Die Proben aus den Kantonen Wallis und Bern zeigen eine Aufnahme, die jene der anderen untersuchten Arten bei Weitem übertrifft.
Dieser deutliche Anstieg der Belastung lässt vermuten, dass Wildschweine aufgrund ihrer Nahrungssuche besonders anfällig dafür sind, synthetische Abfälle im Boden und Unterholz aufzunehmen. Plastikverschmutzung wird oft mit Meeresgebieten in Verbindung gebracht. Diese Zahlen sind jedoch ein Weckruf: Auch unsere Landsäugetiere nehmen synthetische Stoffe in bislang beispiellosem Ausmass auf. Die grosse Menge an Partikeln in den Proben zeigt, dass Plastik für einige Schweizer Wildtiere zu einem beunruhigenden, festen Bestandteil ihrer Nahrung geworden ist.
Unterschiedliche Belastung je nach Kanton und Tierart
Die Belastung ist zwar weitverbreitet, doch das Ausmass der Exposition unterscheidet sich deutlich zwischen den Schweizer Regionen. Im Gegensatz zu den hohen Werten bei Wildschweinen wies ein in Graubünden beobachteter Wolf eine Konzentration von nur sieben Plastikpartikeln pro Gramm auf. Ein im Kanton Zürich untersuchter Hirsch enthielt ebenfalls lediglich vier Partikel pro Gramm.
Diese Unterschiede machen deutlich, wie komplex die Verteilung der Verschmutzung ist. Niedrige Werte dürfen jedoch nicht mit Unbedenklichkeit verwechselt werden. Dass bei Spitzenprädatoren wie Wölfen oder Pflanzenfressern im Kanton Zürich überhaupt Mikroplastik nachgewiesen wurde, zeigt, dass der Schadstoff in jede Ebene des Nahrungsnetzes gelangt ist. Ob in den abgelegenen Tälern Graubündens oder in den stadtnahen Wäldern Zürichs: Mikroplastik ist überall präsent. Nur das Ausmass unterscheidet sich.
EPFL-Forschung macht die unsichtbare Gefahr sichtbar
Hinter diesen alarmierenden Zahlen steckt sorgfältige wissenschaftliche Arbeit der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL). Forschende untersuchten 15 Kotproben gründlich, um die unsichtbare Gefahr sichtbar zu machen. Dazu wurden die Proben getrocknet und die organischen Stoffe in Wasserstoffperoxid aufgelöst. Bei diesem Verfahren wird das natürliche Material entfernt, sodass die zurückbleibenden synthetischen Partikel sichtbar werden.
Indem das EPFL-Team die verbleibende Mischung durch feine Filter siebte, konnte es die Plastikpartikel isolieren und zählen, die sonst unbemerkt geblieben wären. Diese präzise chemische Analyse liefert belastbare Daten, um das Ausmass des Problems zu erfassen. Sie macht aus Indizien wissenschaftlich belegte Tatsachen: Unsere Wildtiere nehmen unsere Abfälle auf.
Forderung nach sofortigem politischen Handeln
Die Daten sind eindeutig, und die Zeit des passiven Beobachtens ist vorbei. Greenpeace betont, das Ausmass der in diesem Bericht aufgezeigten Umweltverschmutzung erfordere «sofortige und wirksame politische Massnahmen auf nationaler und internationaler Ebene». Die Organisation argumentiert, freiwillige Reduktionen reichten nicht aus, um eine Krise dieses Ausmasses zu bewältigen.
Damit fordert Greenpeace die Schweizer Politik direkt heraus. Der Bericht kommt zum Schluss, dass gesetzgeberische Eingriffe der «einzige Weg sind, die Menge an Mikroplastik kurzfristig zu reduzieren». Die Entdeckung zwingt die Schweiz, die stolz auf ihren Einsatz für die Umwelt ist, ihre grüne Reputation mit der ernüchternden Realität der Verschmutzung in Einklang zu bringen. Ohne rasche und entschlossene Massnahmen zur Eindämmung der Plastikproduktion und zur Verbesserung der Abfallbewirtschaftung dürfte die Belastung unserer Wildtiere nicht nur anhalten, sondern zunehmen.