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Swiss Observer

Psychische Erkrankungen sind häufigster Grund für Unterstützung durch die Invalidenversicherung, besonders bei jungen Menschen

Ein neuer Bericht des Bundesamts für Sozialversicherungen (BSV) zeigt, dass psychische Erkrankungen 2025 der häufigste Grund für Anmeldungen bei der Invalidenversicherung waren, wobei die Zahl bei jungen Menschen deutlich zunahm. Die beruflichen Eingliederungsmassnahmen haben sich seit 2008 mehr als verdreifacht.

Psychische Erkrankungen sind häufigster Grund für Unterstützung durch die Invalidenversicherung, besonders bei jungen Menschen
AISWI swissinfo.ch

Psychische Erkrankungen sind mittlerweile unbestritten die wichtigste Ursache für Invalidität in der Schweiz. In einem tiefgreifenden Wandel der sozialen Landschaft bestätigt das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV), dass psychische Belastungen 2025 weiterhin der häufigste Grund für Unterstützung durch die Invalidenversicherung waren. Das ist keine geringfügige Zunahme, sondern ein systemischer Wandel. Die Neuanmeldungen bei der Invalidenversicherung sind seit 2008 um nahezu 59 Prozent gestiegen und erreichten allein im vergangenen Jahr die enorme Zahl von 64 000. Die Schweiz ringt mit einer unsichtbaren Epidemie, die alle sozialen Schichten und Berufe betrifft und zeigt, dass selbst die stabilste Volkswirtschaft der Welt nicht vor der Verletzlichkeit der menschlichen Psyche gefeit ist. Während die Schweizer Erwerbsbevölkerung mit beispiellosen Belastungen der modernen Zeit konfrontiert ist, wird das traditionelle soziale Auffangnetz bis an seine Grenzen strapaziert, um die zunehmende Zahl psychiatrischer Diagnosen aufzufangen, die körperliche Verletzungen und angeborene Erkrankungen zusammengenommen inzwischen deutlich übersteigt.

Alarmierendes Ausmass der psychischen Belastung bei jungen Menschen

Erstaunliche 64 Prozent aller beruflichen Eingliederungsmassnahmen für junge Erwachsene sind inzwischen auf psychische Erkrankungen zurückzuführen. Während die Bevölkerung insgesamt mit Schwierigkeiten kämpft, stehen die Jugendlichen und jungen Erwachsenen der Schweiz an vorderster Front dieser Krise. Bei den unter 35-Jährigen hat sich die Zahl der Anmeldungen für Unterstützung durch die Invalidenversicherung seit 2008 mehr als verdoppelt. Diese beunruhigende Statistik weist auf einen Notstand hin, der eine ganze Generation betrifft. Diese Bevölkerungsgruppe sucht nicht einfach eine Rente, sondern kämpft um einen Einstieg in die Berufswelt. Die Daten des BSV zeigen, dass Jugendliche und junge Erwachsene überproportional betroffen sind, verglichen mit dem Durchschnitt von 55 Prozent über alle Altersgruppen hinweg. Dieser Anstieg erfordert eine sofortige Auseinandersetzung mit den Belastungen, denen die nächste Generation Schweizer Fachkräfte ausgesetzt ist, vom digitalen Dauerstress bis zu den hohen Erwartungen des heimischen Arbeitsmarkts. Die Zukunft der Schweizer Wirtschaft hängt davon ab, diesen Trend umzukehren, bevor eine Generation durch chronische Arbeitsunfähigkeit verloren geht.

Die milliardenschweren Kosten der Eingliederung

Die Ausgaben für berufliche Eingliederungsmassnahmen sind auf 979 Millionen Franken in die Höhe geschnellt, ein Anstieg von nahezu 10 Prozent innert nur eines Jahres. Die Schweiz lässt ihren Worten Taten folgen und finanziert den Grundsatz «Eingliederung vor Rente» mit Nachdruck. Ergänzt wird diese Investition von knapp einer Milliarde Franken durch weitere 780 Millionen Franken, die als Taggelder der Invalidenversicherung an 37 000 Menschen ausbezahlt wurden. Die finanzielle Belastung ist immens, doch die Alternative, eine lebenslange Abhängigkeit von einer Rente, wäre weit kostspieliger. Seit 2008 hat sich die Zahl der Personen, die berufliche Unterstützung erhalten, mehr als verdreifacht und erreichte 2025 insgesamt 61 000. Diese massive Mittelzuteilung spiegelt eine ambitionierte nationale Strategie wider: heute viel investieren, damit die Menschen später wieder erwerbstätig sein können. Da die Kosten jedoch weiter steigen, wird die Nachhaltigkeit dieses Modells zweifellos zu einem zentralen Thema der politischen Debatte in der Schweiz werden.

Erfolgreiche Eingliederung statt Rentenbezug

Der Erfolg zeigt sich konkret: 47 Prozent der Personen, die 2025 eine Eingliederungsmassnahme abgeschlossen haben, fanden erfolgreich eine Stelle auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. In einer Welt, in der psychische Erkrankungen häufig zum dauerhaften Ausschluss aus dem Erwerbsleben führen, zeigt der proaktive Ansatz der Schweiz konkrete Wirkung. Von den 41 000 Personen, die ihre Programme abgeschlossen haben, sind nahezu 19 200 wieder erwerbstätig. Noch beeindruckender sind die längerfristigen Zahlen: 58 Prozent der Personen, die ihre Eingliederungsmassnahme 2023 abgeschlossen hatten, waren ein Jahr später erwerbstätig und bezogen keine Invalidenrente. Diese Zahlen zeigen eine leichte, aber bedeutsame Verbesserung gegenüber den Vorjahren und bestätigen die Gesetzesreformen von 2008, 2012 und 2022. Zwar haben weiterhin 34 Prozent der Teilnehmenden aus verschiedenen Gründen Mühe mit der Wiedereingliederung, doch die Entwicklung geht in Richtung Selbstbestimmung statt dauerhafter Invalidität. Das Schweizer Modell zeigt, dass eine Diagnose im Bereich der psychischen Gesundheit mit der richtigen Unterstützung nicht das Ende einer beruflichen Laufbahn bedeuten muss.

Eine widerstandsfähige Zukunft gestalten

Der weitere Weg der Schweiz erfordert mehr als Versicherungsleistungen: Es braucht einen kulturellen Wandel darin, wie wir psychische Widerstandskraft bewerten. Wie die Berichte des BSV zeigen, nimmt der Anstieg der Anmeldungen wegen psychischer Erkrankungen nicht ab. Die Strukturen der Schweizer Invalidenversicherung müssen sich weiterentwickeln und über reaktive Massnahmen hinaus auch die Prävention am Arbeitsplatz fördern. Der Erfolg des geltenden Grundsatzes «Eingliederung vor Rente» bietet eine Orientierung, doch die grosse Zahl der Anmeldungen junger Menschen deutet darauf hin, dass die Ursachen des Anstiegs psychischer Erkrankungen weiterhin nicht angegangen werden. Die Schweiz steht an einem Scheideweg: Sie kann weiterhin die Behandlung finanzieren oder damit beginnen, die gesellschaftlichen Belastungsfaktoren zu untersuchen, von einem leistungsorientierten Bildungssystem bis zur Isolation des digitalen Lebens, die Menschen in Richtung Invalidität treiben. Die Daten sind eindeutig: Jetzt ist der Zeitpunkt für eine landesweite Diskussion über psychische Gesundheit als Grundpfeiler wirtschaftlicher Stabilität.