Schweiz
Schmelzender Schweizer Gletscher gibt Wrackteile eines Absturzes von 1963 frei
Durch das Abschmelzen des Gletschers sind rund 250 Kilogramm Wrackteile eines Flugzeugs zum Vorschein gekommen, das 1963 im Kanton Uri abstürzte. Die Trümmer wurden mit Unterstützung der Schweizerischen Sicherheitsuntersuchungsstelle (SUST) identifiziert und werden nun fachgerecht entsorgt.

Auf dem Hüfifirn im Kanton Uri sind rund 250 Kilogramm Flugzeugtrümmer zum Vorschein gekommen, mehr als sechs Jahrzehnte nach einem Flugunfall in den Alpen. Ein Bergsteiger alarmierte die Kantonspolizei Uri, nachdem der Rückzug des Gletschers die Metallteile nahe dem Claridenpass an der Grenze zwischen Uri und Glarus freigelegt hatte.
Der Fund brachte ein lange in Vergessenheit geratenes Kapitel der Schweizer Luftfahrtgeschichte wieder ans Licht. Ermittler, die mit der Schweizerischen Sicherheitsuntersuchungsstelle (SUST) zusammenarbeiteten, kamen zum Schluss, dass das Material höchstwahrscheinlich von einem Flugzeug stammt, das 1963 in der Gegend abstürzte.
Der Zeitpunkt des Fundes steht in direktem Zusammenhang mit dem anhaltenden Abschmelzen der Gletscher. Das Eis, das die Trümmer mehr als 60 Jahre lang verborgen hatte, ist so weit zurückgewichen, dass Teile des Flugzeugs an der Oberfläche sichtbar wurden. Die Kantonspolizei Uri teilte mit, dass die Trümmer nach dem damaligen Unfall nicht geborgen worden waren. Das war zu jener Zeit nicht ungewöhnlich, da den Einsatzkräften weniger technische Möglichkeiten zur Verfügung standen, um sicher in steilem, schneebedecktem Gelände zu arbeiten.
Das geborgene Material wird nun im Rahmen einer organisierten Entsorgung vom Berg abtransportiert, statt als Gefahr für Bergsteigerinnen und Bergsteiger oder Wandernde zurückzubleiben.
Der Rückzug des Eises verändert die Geschichte der Berge
Die Trümmer wurden sichtbar, weil sich der Gletscher bewegte, schmolz und den Boden freilegte, der seit 1963 unter dem Eis eingeschlossen war. Der Hüfifirn ist einer von vielen Alpengletschern, die sich anhaltend zurückziehen. Dadurch verändert sich, was in hochalpinen Gebieten gefunden und erreicht werden kann.
In diesem Fall meldete ein Bergsteiger den Fund der Kantonspolizei Uri. Dieser erste Hinweis löste eine Reihe von Arbeiten aus, an denen Ermittler, Polizei, Luftfahrtspezialisten und Bergungsunternehmen beteiligt waren. Die Behörden mussten das Material identifizieren, die Bergung planen und den Abtransport aus dem schwierigen Gelände organisieren.
Der Fund fügt sich auch in ein grösseres Muster in der ganzen Schweiz ein. Während die Gletscher schrumpfen, kommen Gegenstände und menschliche Überreste zum Vorschein, die vor Jahrzehnten verschwunden sind. Schweizer Behörden und Berggemeinden müssen sich zunehmend mit Trümmern, instabilem Gelände und neu zugänglichen Routen befassen. Die Risiken unterscheiden sich je nach Fundort, doch alte Flugzeugteile können besondere Probleme verursachen, weil scharfes Metall, Treibstoffrückstände oder andere Materialien in abgelegenen Gebieten zurückbleiben können.
Der Gletscher hat einen materiellen Beleg für einen Unfall bewahrt, den die damalige offizielle Technologie nicht vollständig aufklären konnte. Sein Rückzug hat diesen Beleg nun zugänglich gemacht und verpflichtet die heutigen Behörden zugleich, sich um die Folgen zu kümmern.
Eine Reihe von Flugunfällen hinterliess Trümmer
Im Mai 1963 ereigneten sich in der Nähe des Hüfifirns mehrere Flugunfälle, was die historische Untersuchung des Fundorts erschwert. Laut den Aufzeichnungen der SUST stürzten am 9. Mai ein Pilot und ein Passagier mit einem leichten Flugzeug des Typs Champion ab. Beide überlebten.
Am folgenden Tag stürzte ein weiteres Flugzeug, eine Piper Super Cub, bei einem Versuch ab, die Champion zu bergen. Auch bei diesem zweiten Unfall wurde niemand verletzt. Weitere Bergungsversuche am 21. und 22. Mai erfolgten mit einem Helikopter und hatten zum Ziel, die beiden Flugzeuge vom Gletscher zu entfernen.
Die Champion wurde am 22. Mai 1963 schliesslich zum Flugplatz Mollis transportiert. Die Bergung der Piper erwies sich als schwieriger. Beim ersten Versuch blieb das Wrack im Schnee stecken, überschlug sich und prallte gegen den rechten Flügel des Helikopters. Am nächsten Tag begann die Last beim Start des Helikopters heftig zu schwingen. Der Pilot liess sie los, und das Wrack stürzte mehrere hundert Meter in die Tiefe.
Die neu geborgenen Trümmer stammen höchstwahrscheinlich von dem Flugzeug, das nach den gescheiterten Bergungsversuchen auf dem Berg zurückblieb. Die Einschätzung der SUST grenzt die Identifizierung ein, während die historischen Aufzeichnungen erklären, weshalb Teile über Generationen hinweg im Gletscher begraben und verstreut bleiben konnten.
Moderne Einsatzkräfte schliessen eine unvollendete Bergung ab
Bei der Bergung am 3. September kamen zivile und militärische Mittel zum Einsatz, um die Trümmer sicher aus dem hochalpinen Gelände zu entfernen. Die SUST organisierte den Einsatz mit Unterstützung der Kantonspolizei Uri, eines privaten Helikopterunternehmens, eines weiteren privaten Transportunternehmens und der Gebirgsabteilung der Schweizer Luftwaffe.
Die Zusammenarbeit zeigt, welche praktischen Anforderungen die Bergung von Material aus einem Gletscher mit sich bringt. Die Einsatzkräfte müssen instabiles Eis, wechselhaftes Wetter, begrenzte Landemöglichkeiten und das Gewicht der Last berücksichtigen. Zudem braucht es eine klare Beweismittelkette, wenn Ermittler feststellen wollen, ob Fragmente mit einem historischen Unfall in Verbindung stehen.
Nach der Bergung übertrugen die Behörden die Verantwortung für die endgültige Behandlung des Materials einem Recyclingunternehmen. Durch die fachgerechte Entsorgung wird verhindert, dass alte Trümmer weiter auf dem Gletscher verstreut liegen, während das Eis zurückweicht. Sie beseitigt zudem eine mögliche Gefahr für Menschen, die das Gebiet durchqueren, und stellt sicher, dass wiederverwertbares Material einem etablierten Verfahren zugeführt wird.
Die Polizei meldete keine Verletzten im Zusammenhang mit der Bergung im Jahr 2026. Der Einsatz schloss eine logistische Lücke, die 1963 entstanden war, als die Bergung der Piper scheiterte und das Wrack wieder auf den Berg stürzte. Mehr als 60 Jahre später machten der verbesserte Zugang, die Zusammenarbeit von Spezialisten und das Abschmelzen des Gletschers die Bergung möglich.
Die Schweiz stellt sich auf weitere Gletscherfunde ein
Der Fund am Hüfifirn zeigt, wie der Rückzug der Gletscher die Arbeit der Schweizer Behörden, Ermittler und Bergnutzer verändert. Gegenstände, die in den Hochalpen verloren gehen, können jahrzehntelang verborgen bleiben und dann plötzlich auftauchen, wenn das Eis zurückweicht. Die Funde können historischen Wert haben, zugleich aber auch Sicherheits-, Umwelt- und Logistikaufgaben mit sich bringen.
Für Uri ist das Flugzeugwrack Teil einer umfassenderen Geschichte der Alpen. Gletscher haben seit Langem Spuren von Unfällen, Bergsteigerexpeditionen und vermissten Menschen verborgen. Ihr Rückzug legt diese Spuren in der ganzen Schweiz frei, darunter auch Überreste, die mit lange ungelösten Fällen in Verbindung stehen. Jede Bergung erfordert eine eigene Beurteilung, da sich Lage, Zustand und Zugänglichkeit von Gletscher zu Gletscher unterscheiden.
Das Flugzeugmaterial vom Hüfifirn wird recycelt, statt auf dem Berg zurückgelassen zu werden. Damit findet der Fund nach der Untersuchung durch die SUST und der Bergungsaktion im September einen klaren Abschluss. Zugleich wird so ein Ereignis dokumentiert, das sonst möglicherweise im Eis begraben geblieben wäre.
Für künftige Besucherinnen und Besucher der Region am Claridenpass werden weniger Überreste des Unfalls von 1963 in der Landschaft liegen. Der Gletscher selbst wird sich weiter verändern, neuen Boden freilegen und den Verantwortlichen für das hochalpine Gelände der Schweiz neue Aufgaben stellen.