Kunst
Malaysische Künstlerin feiert historische Schweizer Premiere im Kunstmuseum Thun
Yee I-Lanns erste grosse Ausstellung in Europa widmet sich dem Kolonialismus und dem indigenen Erbe und steht für einen bedeutenden kulturellen Austausch.

Im Berner Oberland wird Geschichte geschrieben. Am 23. August sprengt das Kunstmuseum Thun die Grenzen der europäischen Kunstszene und eröffnet die erste grosse Ausstellung der malaysischen Künstlerin Yee I-Lann in Europa. Das ist nicht einfach eine Kunstausstellung, sondern ein kritischer geopolitischer Eingriff im Herzen der Schweiz. Helen Hirsch, die visionäre Direktorin des Museums, setzte sich für dieses Vorhaben ein, nachdem sie Yee 2022 im Sektor «Unlimited» der Art Basel erlebt hatte.
Hirsch beschreibt das Werk der Künstlerin als Ausdruck eines «unabhängigen, multidisziplinären und vielschichtigen Stils», der Aufmerksamkeit verlangt. Mit dieser Premiere positioniert sich Thun nicht nur als malerische Kulisse, sondern auch als mutige Akteurin im globalen Dialog über zeitgenössische Kunst. Die bis November dauernde Ausstellung verspricht, dem Schweizer Publikum eine unverblümte, unverfälschte Perspektive aus Südostasien näherzubringen und den Status quo des europäischen Museumsbetriebs infrage zu stellen.
Koloniale Schatten konfrontieren
Yee I-Lann flüstert nicht, sie hinterfragt die Geschichte mit unerbittlicher Genauigkeit. Die Ausstellung mit dem Titel Mansau Ansau taucht kopfüber in die trüben Gewässer des Kolonialismus und die Widerstandskraft des indigenen Erbes ein. Der Titel selbst, eine indigene Redewendung mit der Bedeutung «weitermachen, ohne ein klares Ziel vor Augen zu haben», rahmt das Erlebnis nicht als passives Betrachten, sondern als mutige Reise ins Unbekannte.
Auch wenn die Vorstellung einer ziellosen Reise Angst auslösen kann, deutet Yee sie als radikale Chance zur Entdeckung um. Ihr Werk hinterfragt beharrlich die komplexe geopolitische Geschichte Südostasiens und weigert sich, die Vergangenheit begraben zu lassen. Mit Fotografien, Videoarbeiten und Skulpturen legt sie die Mechanismen der Unterdrückung und die Strategien für kollektive Neuorganisation offen. Diese Kunst wirkt wie eine Waffe gegen das Vergessen und zwingt dazu, darüber zu sprechen, wie Geschichte erinnert, rekonstruiert und oft durch Macht verzerrt wird.
Demokratische Räume weben
Im physischen und konzeptuellen Zentrum dieser Ausstellung liegt eine beeindruckende handwerkliche Leistung: eine riesige Matte aus Bambus. Sie ist weit mehr als ein Textil, sie ist ein politisches Manifest. Für Yee I-Lann symbolisiert diese geflochtene Fläche eine «Plattform für das Lokale, Demokratische, Feministische und für soziale Gleichheit». Sie baut die Hierarchie des Museumsraums ab und lädt zu Nähe und gemeinschaftlichem Zusammensein ein.
Der Herstellungsprozess der Künstlerin ist ebenso bedeutsam wie das fertige Objekt. Sie arbeitet eng mit einem Kollektiv von Weberinnen aus ihrer Heimat zusammen und macht traditionelles Handwerk zu einem Mittel der Sichtbarkeit. Indem Yee diese indigenen Techniken an den Wänden einer europäischen Institution zur Geltung bringt, macht sie Unterdrückung und den Widerstand dagegen greifbar. Die Matte bildet eine buchstäbliche und metaphorische Grundlage, auf der soziale Hierarchien eingeebnet und neue, gerechtere Zukunftsperspektiven entworfen werden.
Borneo und die Alpen verbinden
Yees Ankunft in Thun ist kein zufälliger geopolitischer Umstand, ein geisterhafter Faden verbindet Borneo mit den Schweizer Alpen. Yee I-Lann erzählt von einer tiefen persönlichen Verbindung zur Region: Ihr Grossonkel, ein Bergsteiger um die Jahrhundertwende, liegt auf einem Friedhof in Zermatt begraben. Diese Verbindung zu ihren Vorfahren verleiht der Ausstellung eine besondere emotionale Resonanz.
Yee betont, dass sie in den Landschaften von Thun «ähnliche Formen und ähnliche Kraft» entdeckt wie in ihrer malaysischen Heimat. Es ist eine Begegnung von Gipfeln und Tälern, von unterschiedlichen Kulturen, die in der Topografie der Erde und in der Erinnerung an die Toten Gemeinsamkeiten finden. Wenn am 23. August die Türen öffnen, sind die Besucherinnen und Besucher eingeladen, dieses kraftvolle Zusammenkommen von persönlicher Herkunft und globaler Geschichte zu erleben. Die Ausstellung zeigt, dass der menschliche Kampf um Identität und Orientierung auch über grosse Distanzen hinweg universell bleibt.