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Swiss Observer

Grosser Edelmetalldiebstahl in Schweizer Uhrenfabrik

Bewaffnete Diebe überfallen den Betrieb des Uhrenzulieferers Werthanor in Le Locle, stehlen Edelmetalle und fliehen nach Frankreich. Bei dem Vorfall wird ein Angestellter verletzt.

Grosser Edelmetalldiebstahl in Schweizer Uhrenfabrik
AISWI swissinfo.ch

Ein dreister und gewaltsamer Überfall hat das Herz der Schweizer Uhrenindustrie getroffen. Am Donnerstagmorgen stürmten bewaffnete Diebe die Werthanor-Fabrik in Le Locle im Kanton Neuenburg und richteten Chaos an, wo sonst Präzision und Ordnung herrschen. Die Täter stahlen nicht einfach, sie gingen brutal vor. Die Polizei bestätigt, dass bei dem Überfall ein Angestellter geschlagen und verletzt wurde. Das führt deutlich vor Augen, welchen körperlichen Gefahren die Mitarbeitenden im Luxusgütersektor ausgesetzt sind.

Die Angreifer zwangen die Mitarbeitenden, eine nicht näher bekannte Menge Edelmetalle herauszugeben. Dabei nutzten sie die wertvollen Lagerbestände aus, die für die Herstellung luxuriöser Zeitmesser benötigt werden. Es handelte sich nicht um einen unauffälligen Einbruch, sondern um eine direkte Konfrontation. Georges-André Lozouet, Sprecher der Kantonspolizei Neuenburg, bestätigte die Gewalt und erklärte unmissverständlich: «Ein Angestellter wurde geschlagen und verletzt.» Während sich die Rettungskräfte um das Opfer kümmerten, flüchteten die Diebe rasch und liessen eine aufgewühlte Gemeinschaft zurück.

Grenzüberschreitende Fahndung läuft

Auf beiden Seiten der Schweizerisch-französischen Grenze läuft derzeit eine intensive Fahndung. Unmittelbar nach dem Überfall flohen die Diebe in einem in Frankreich zugelassenen Fahrzeug. Daraufhin wurde eine gross angelegte, koordinierte Polizeiaktion eingeleitet. Die Einsatzkräfte verfolgten das Fluchtauto, das zwischen Morteau und Pontarlier tief in französisches Gebiet raste. Die schnelle Flucht macht deutlich, wie verwundbar die Schweizer Grenzregionen gegenüber grenzüberschreitend agierenden kriminellen Banden sind.

Die Schweizer Behörden arbeiten nicht allein. Zahlreiche Polizistinnen und Polizisten der Kantonspolizei Neuenburg haben sich mit ihren französischen Kolleginnen und Kollegen zusammengeschlossen, um die Täter abzufangen. Die durchlässige Grenze in der Juraregion ermöglicht solche Fluchten häufig. Das Ausmass des Einsatzes zeigt jedoch, wie schwer die Tat wiegt. Um die laufenden Ermittlungen nicht zu gefährden, äussert sich die Polizei nicht zur Zahl der beteiligten Täter. Die intensive Suche deutet jedoch auf eine gut organisierte Bande und nicht auf spontane Gelegenheitstäter hin.

Die Luxuslieferkette im Visier

Werthanor ist ein wichtiger Akteur in der Lieferkette der Uhrenindustrie und beschäftigt knapp 230 Mitarbeitende. Es handelt sich nicht um eine kleine Werkstatt, sondern um einen zentralen Industriebetrieb, der Uhrengehäuse, Armbänder und Schliessen für die renommiertesten Marken der Branche herstellt. Ziel des Überfalls waren die Rohstoffe, die diese Luxusproduktion ermöglichen: Edelmetalle wie Gold und Platin, die bereits vor ihrer Verarbeitung zu fertigen Produkten einen enormen Wert haben.

Der Umfang der Geschäftstätigkeit macht Werthanor zu einem lukrativen, wenn auch gesicherten Ziel. Indem die Diebe einen Zulieferer statt einer Boutique ins Visier nahmen, zielten sie auf die Quelle, wo die Rohstoffe konzentriert sind. Der Polizeisprecher räumte ein, dass «der Wert der gestohlenen Beute derzeit unbekannt ist». Angesichts der Rohstoffpreise für Edelmetalle könnte der mögliche Verlust jedoch astronomisch hoch sein. Der Vorfall legt eine kritische Schwachstelle in der Lieferkette offen: Während Boutiquen Festungen gleichen, ist die industrielle Basis der Uhrenwelt einer zunehmend aggressiven Bedrohung ausgesetzt.

Der hohe Preis der Sicherheit

Während die Ermittlungen voranschreiten, sieht sich das Schweizer Uhrenzentrum «Watch Valley» mit einer ernüchternden Realität konfrontiert: Der Reiz seines Wohlstands zieht gefährliche Aufmerksamkeit auf sich. Der Überfall ist ein Weckruf für die industrielle Sicherheit im Jurabogen. Ein Angestellter wurde verletzt, und die Täter sind in Frankreich weiterhin auf der Flucht. Die psychischen Folgen für die 230 Mitarbeitenden von Werthanor sind unmittelbar und schwerwiegend.

Die Branche muss sich nun mit der Frage auseinandersetzen, wie sie nicht nur ihr Gold, sondern auch ihre Mitarbeitenden schützen kann. Der finanzielle Schaden lässt sich möglicherweise über eine Versicherung decken, doch der Sicherheitsbruch in Le Locle erfordert eine entschlossene Reaktion. Während die französische und die Schweizer Polizei ihre Suche fortsetzen, wächst der Druck, die Bande festzunehmen, bevor sie die gestohlenen Metalle zu Geld machen oder den nächsten Überfall planen kann. Die Botschaft der Behörden muss eindeutig sein: Die Schweizer Grenze ist kein Freipass für Straffreiheit.