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Swiss Observer

Das Filmfestival Locarno setzt mit Komödien der globalen Tristesse etwas entgegen

Das bedeutendste Filmfestival der Schweiz schlägt eine mutige programmatische Richtung ein und setzt stärker auf Komödien. Ehrengast ist Jackie Chan.

Das Filmfestival Locarno setzt mit Komödien der globalen Tristesse etwas entgegen
AISWI swissinfo.ch

Die Welt brennt, doch Locarno weigert sich zu trauern. Mit einer mutigen, trotzigen Kehrtwende, die den düsteren Status quo der internationalen Filmszene infrage stellt, erklärt das bedeutendste Filmfestival der Schweiz, Lachen sei die einzig zivilisierte Reaktion auf einen Planeten in Not. Der künstlerische Leiter Giona A. Nazzaro hat ein Programm zusammengestellt, das sich entschieden gegen die Welle humanitärer Krisen und den gesellschaftlichen Zerfall stemmt. Die Zahlen sprechen für sich: Erstaunliche 6 der 17 Filme im Hauptwettbewerb sind Komödien. Das ist nicht bloss eine Programmierungsentscheidung, sondern ein Statement.

Während andere Festivals sich in schwerfälligen Dramen verlieren, schlägt Locarno die entgegengesetzte Richtung ein. Nazzaro setzt darauf, dass die Bedeutung des Kinos heute nicht darin liegt, im Elend zu schwelgen, sondern ihm mit Satire zu begegnen. Das ist keine Flucht vor der Wirklichkeit. Es ist eine Konfrontation. Indem sich das Festival den Branchentrends widersetzt, zwingt es das Publikum, der Apokalypse in die Augen zu sehen und zu lachen, wenn es sich traut.

Der Drache kommt: Jackie Chan steht im Mittelpunkt

Eine Legende kommt ins Tessin. Dieses Jahr richtet sich das Rampenlicht des Festivals besonders auf Jackie Chan, den Ehrengast, den Nazzaro kühn als «den Buster Keaton des modernen Kinos» bezeichnet. Dieser Vergleich ist kein Zufall: Er festigt Chans Status nicht nur als Actionstar, sondern auch als Meister der physischen Komik und des trockenen Humors. In einer über 50 Jahre umfassenden Karriere hat Chan Kampfkunst und Humor meisterhaft miteinander verbunden und so eine universelle Filmsprache geschaffen, die Grenzen überwindet.

Sein Besuch hat auch über die Kinoleinwand hinaus Gewicht. Er fällt mit dem wichtigen 75. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Schweiz und der Volksrepublik China zusammen. Während sich die Welt mit wechselnden geopolitischen Allianzen auseinandersetzt, erinnert Chans Anwesenheit in Locarno eindringlich an die verbindende Kraft des Kinos. Er ist eine Ikone, die seit einem halben Jahrhundert körperliche Auseinandersetzung in Kunst verwandelt und damit das Festivalthema der Widerstandskraft durch darstellerische Leistung perfekt verkörpert.

Anarchie regiert: Die dunklere Seite der Komödie

Höfliches Kichern sollte man nicht erwarten. Der Humor, der Locarno dieses Jahr durchzieht, ist düster, subversiv und unbestreitbar anarchisch. An der Spitze dieser Bewegung steht der rumänische Regisseur Radu Jude, der mit einer chaotischen, anarchischen Interpretation von «Dracula» in den Hauptwettbewerb zurückkehrt. Diese Komödie hat Biss: Ihre Satire soll einer Welt, die vom Weg abgekommen ist, etwas entgegensetzen. Nazzaros Auswahl zeigt, dass Komödie nicht gleich Leichtigkeit bedeutet, sie kann eine Waffe sein.

In den verschiedenen Sektionen des Festivals treten Ironie und Satire an die Stelle der Sentimentalität. Diese Filme bieten keinen Trost, sondern halten uns einen Spiegel vor. Indem sich die Filmschaffenden auf das Absurde einlassen, legen sie die Risse in unserer Wirklichkeit wirksamer offen, als es traditionelle Dramen je könnten. In diesem Zusammenhang wird Lachen zu einem radikalen Akt des Widerstands gegen die düsteren Schlagzeilen, die den Nachrichtenzyklus beherrschen.

Das Kino begegnet dem Chaos: Krieg auf der Leinwand

Die Tragödie wurde nicht ausgeblendet, sondern in einen Zusammenhang gestellt. Auch wenn das Lachen im Vordergrund steht, verschliesst das Festival die Augen nicht vor den Schrecken in Gaza, der Ukraine, im Sudan und im Iran. Das Programm bewegt sich in einem schwierigen Balanceakt zwischen der Absurdität des Lebens und der Brutalität des Krieges. Der palästinensische Spielfilm With Hasan in Gaza von Kamal Aljafari und der libanesische Film Tales of the Wounded Land von Abbas Fahdel zeugen von der Pflicht des Kinos, Geschichte zu dokumentieren.

Das Fehlen russischer und ukrainischer Filme im Hauptprogramm spricht jedoch Bände über das gegenwärtige geopolitische Minenfeld. Locarno setzt sich mit dem auseinander, was Nazzaro als «humanitäre Ohnmacht» bezeichnet, und nutzt die Leinwand, um den Stimmen aus den am stärksten zerrütteten Regionen der Welt mehr Gehör zu verschaffen. Indem das Festival diese erschütternden Geschichten neben anarchische Komödien stellt, erzeugt es eine verstörende, notwendige Spannung. Es zwingt das Publikum anzuerkennen, dass Horror und Humor im Jahr 2025 unter demselben Dach leben und eine unbequeme Verbindung eingehen.