Kultur
Filmfestival Locarno kündigt vielfältiges Programm mit 221 Filmen an
Das renommierte Filmfestival Locarno präsentiert ein ambitioniertes Programm mit 99 Weltpremieren und einem starken Fokus auf Beziehungsthemen

Locarno78 dürfte diesen August den Kulturkalender prägen. Das Festival kündigt ein beeindruckendes Programm mit 221 Filmen an, das den Kanton Tessin zum Epizentrum des Weltkinos machen soll. Vom 6. bis 16. August präsentiert das Festival ein ambitioniertes Programm, das kein Risiko scheut. Die schiere Anzahl ist beeindruckend: 150 Langfilme, 70 Kurzfilme und eine TV-Serie. Doch die eigentliche Besonderheit liegt in der Exklusivität: Gleich 99 Filme feiern in der Schweiz ihre Weltpremiere.
Die Medienkonferenz, die im avantgardistischen LUMA Westbau in Zürich stattfand, signalisierte ein Festival, das zugleich in der Tradition verwurzelt und konsequent zukunftsorientiert ist. Unter dem Präsidium von Maja Hoffmann behauptet die Veranstaltung weiterhin ihre Stellung als führende europäische Plattform für Autorenkino. Während andere Festivals Erfolge wiederaufwärmen, bringt Locarno sie hervor. Das Ausmass des diesjährigen Programms sorgt dafür, dass die Augen der Filmwelt zehn Tage lang fest auf die Piazza Grande gerichtet sein werden.
Das Rennen um den Goldenen Leoparden
Das Rennen um den begehrten Goldenen Leoparden ist völlig offen: 17 Filme treten an, und jeder einzelne davon ist eine Weltpremiere. Das ist ein selbstbewusstes Bekenntnis zu frischen, noch unbekannten Stimmen. Für das Gastgeberland geht der in Neuenburg geborene Regisseur Fabrice Aragno mit seinem neuesten Werk, Le Lac, ins Rennen. Aragno, bekannt für seine visuelle Poesie, trägt die Hoffnungen des Schweizer Films in einem Wettbewerb, der für seine besondere Härte und Internationalität bekannt ist.
Das Auswahlkomitee hat ein Spannungsfeld unterschiedlicher Ästhetiken und Erzählweisen zusammengestellt. Mit der Vorgabe, dass die Filme im Hauptwettbewerb Weltpremieren sein müssen, hebt sich Locarno vom Echoraum des Festivalbetriebs ab. Die Aufnahme von Le Lac rückt Schweizer Filmschaffen direkt ins Rampenlicht und fordert Filmschaffende aus dem Inland heraus, sich mit den besten Talenten aus aller Welt zu messen. Es steht viel auf dem Spiel, und Kritikerinnen, Kritiker sowie Filmbegeisterte erwarten gespannt Aragnos visuelle Sprache.
Spektakuläre Eröffnung
Das Festival wird auf der ikonischen Piazza Grande mit der Weltpremiere von Le Pays d’Arto eröffnet. Der französisch-armenische Koproduktionsfilm von Tamara Stepanyan soll den Ton für die gesamte Veranstaltung setzen. Die Piazza Grande, einer der grössten Freiluftkinosäle der Welt, verlangt nach einem Kino, das zugleich intim und gross angelegt ist. Stepanyans Werk dürfte dieser Herausforderung direkt begegnen.
Die Wahl einer Koproduktion zur Eröffnung unterstreicht Locarnos Bekenntnis zu grenzüberschreitendem Erzählen. Wenn sich Tausende von Zuschauerinnen und Zuschauern unter dem Sternenhimmel versammeln, ist die Vorführung mehr als nur ein Film: Sie ist ein Ritual. Die Wahl von Le Pays d’Arto signalisiert eine Abkehr von rein kommerziellen Blockbustern hin zu einem Kino, das Kulturen verbindet. Das passt bestens zum Ruf des Festivals, intellektuellen Anspruch mit einem Fest für das Publikum zu verbinden.
Konflikte und Verbindungen im Programm
Künstlerischer Leiter Giona A. Nazzaro interessiert sich nicht für leichte Unterhaltung, sondern stellt ein Programm für die Geschichte zusammen. «Es ist klar, dass sich viele Filme mit dem Thema Beziehungen befassen», sagte Nazzaro und wies darauf hin, dass das Programm menschliche Konflikte stark in den Mittelpunkt stellt. Dieser thematische Faden zieht sich durch die 221 Filme und hält einer zerrütteten Welt den Spiegel vor. Die Auswahl soll zeitlos sein. Nazzaro möchte ein Programm präsentieren, das auch in 30 Jahren noch als «auf der Höhe der Zeit» gilt.
Der Fokus auf Beziehungen, die von Brüchen, Intensität und Wandel geprägt sind, deutet auf ein Festival hin, das sich intensiv mit dem Menschsein auseinandersetzt, statt flüchtigen Trends zu folgen. Indem Locarno78 Filme in den Vordergrund stellt, die zwischenmenschliche und gesellschaftliche Spannungen verhandeln, positioniert sich das Festival als wichtiges Forum für den Dialog. Das Festival setzt darauf, dass sich das Publikum in einer Zeit der digitalen Entfremdung nach Geschichten sehnt, die die rohe, oft schmerzhafte Wirklichkeit unseres Miteinanders ergründen.