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Swiss Observer

Führender Schweizer Politiker fordert engere Verteidigungszusammenarbeit mit der EU

Der Co-Präsident der Sozialdemokratischen Partei fordert die Schweiz angesichts der veränderten geopolitischen Lage auf, sich einer europäischen Sicherheitskoalition anzuschliessen.

Führender Schweizer Politiker fordert engere Verteidigungszusammenarbeit mit der EU
AISWI swissinfo.ch

Die Schweiz steht an einem kritischen geopolitischen Wendepunkt, und die Sozialdemokratische Partei (SP) fordert einen entschlossenen Schritt in Richtung Europa. Mit einem mutigen Vorstoss, der der traditionellen Zurückhaltung der Schweiz entgegensteht, fordert SP-Co-Präsident Cédric Wermuth eine sofortige Intensivierung der Sicherheitszusammenarbeit mit der Europäischen Union. Wermuth sagt, die militärische Planung müsse nun «in erster Linie» mit Brüssel koordiniert werden. Damit zeichnet sich eine deutliche Abkehr von isolationistischen Tendenzen ab.

Die SP lehnt einen Beitritt zur NATO entschieden ab, doch Wermuth argumentiert, die Europäische Union sei in einer zunehmend unberechenbaren Welt der einzige «verlässliche» Partner der Schweiz. Als entscheidenden Rahmen für die Schweizer Interessen nennt er insbesondere die entstehende Sicherheitskoalition unter der Führung des französischen Präsidenten Emmanuel Macron und des britischen Premierministers Keir Starmer. Das sei nicht bloss ein Vorschlag, sondern eine Forderung, die Schweiz in ein «ziviles Sicherheitssystem» zu integrieren, das den Kontinent schützt. Durch die Ausrichtung auf diese «Koalition der Willigen» könne die Schweiz endlich einen sinnvollen Beitrag zur Verteidigung eines «demokratischen und sozialen Europas» leisten, statt am Rand zu stehen, argumentiert Wermuth.

Der Trump-Faktor: eine Vertrauenskrise

Hinter diesem dringenden strategischen Kurswechsel steht ein vollständiger Vertrauensverlust gegenüber Washington. Wermuth nahm kein Blatt vor den Mund, als er die aktuelle US-Regierung beschrieb, und verurteilte ausdrücklich den «Verrat durch Trumps neofaschistische Regierung». Diese scharfe Charakterisierung verdeutlicht einen tiefgreifenden Wandel in der sicherheitspolitischen Einschätzung der Schweiz: Auf die Vereinigten Staaten ist als Garant der europäischen Sicherheit kein Verlass mehr.

Die Folgen dieser Aussage sind weitreichend. Wermuth warnt, dass die Sicherheit der Schweiz vollständig von der Stärke ihrer europäischen Nachbarn abhängen werde, falls sich die USA aus der NATO zurückziehen sollten, ein Szenario, das zunehmend als plausibel gilt. Diese Angst, im Stich gelassen zu werden, treibt selbst die neutrale Schweiz dazu, konkrete Bündnisse zu suchen. Der SP-Co-Präsident argumentiert, der «Trump-Schock» mache eine pragmatische Neuausrichtung erforderlich, bei der die Schweiz die Achse Paris-London unterstützt, um den Frieden in der Ukraine und die Stabilität auf dem ganzen Kontinent zu gewährleisten. In dieser neuen Realität sei es nicht nur naiv, sich auf den transatlantischen Schutz zu verlassen, sondern auch ein strategischer Nachteil.

Milliarden auf dem Tisch: Finanzierung der Verteidigung

Finanzielle Zurückhaltung ist keine Option mehr. Wermuth kritisierte den aktuellen Vorschlag, über zehn Jahre 5 Milliarden Franken für die Ukraine und die Sicherheit bereitzustellen, als angesichts des enormen Bedarfs für Wiederaufbau und Verteidigung «lächerlich». Seiner Ansicht nach leistet die wohlhabende Schweiz nicht ihren angemessenen Beitrag. Ein strikt proportionaler Beitrag würde sich auf die gewaltige Summe von 20 bis 25 Milliarden Franken belaufen. Wermuth setzt sich jedoch für ein realistisches kurzfristiges Ziel von 10 bis 12 Milliarden Franken ein.

Wermuth fordert die Schweiz auf, ihren Worten Taten folgen zu lassen. «Wir müssen endlich unseren Beitrag leisten», sagte er der NZZ und schlug vor, dass die Schweiz die europäischen Verteidigungskräfte direkt mitfinanzieren könnte. Die Logik ist nüchtern und klar: Die Schweiz profitiert vom europäischen Sicherheitsschirm und muss ihren fairen Anteil zahlen, damit dieser Schirm bestehen bleibt. Die Wiederaufbaukosten für die Ukraine werden auf über 500 Milliarden Euro geschätzt. Das aktuelle Schweizer Angebot ist angesichts dessen nur ein Tropfen auf den heissen Stein, und Wermuth fordert eine finanzielle Verpflichtung, die der Schwere der Krise gerecht wird.

Vermögenswerte einziehen: Russland zur Kasse bitten

Woher sollen diese Milliarden kommen? Wermuth verweist direkt auf die Vermögen der Aggressoren. Er schlägt vor, die enormen Summen russischen Vermögens einzuziehen, die derzeit in der Schweiz eingefroren sind. Konkret nennt er 7 Milliarden Franken an Vermögenswerten der russischen Zentralbank sowie weitere 5 Milliarden Franken, die sanktionierten Oligarchen gehören. Diese Mittel zu nutzen, sei keine Frage der finanziellen Möglichkeiten, sondern, wie Wermuth betont, «eine Frage des politischen Willens».

Dieser Vorschlag rührt an die Grundfesten des Schweizer Bankgeheimnisses und des Rechtskonservatismus. Indem die SP dafür eintritt, diese eingefrorenen Milliarden für die europäische Verteidigung und den Wiederaufbau der Ukraine einzusetzen, fordert sie die Regierung heraus, die moralische Verantwortung über die bankübliche Praxis zu stellen. Würde dieser Schritt umgesetzt, könnten sofort mehr als 12 Milliarden Franken freigesetzt werden. Damit liesse sich der vorgeschlagene höhere Beitrag finanzieren, ohne die Schweizer Steuerzahlenden zu belasten. Für Wermuth ist der Weg klar: Die Urheber des Chaos sollen für die Sicherheit bezahlen, die sie zerstört haben.