KI
Schweizer Forschende schätzen das biologische Alter anhand von Netzhautbildern
Ein von der Universität Lausanne geleitetes Team hat ein KI-Modell entwickelt, das anhand von Netzhautfotos das biologische Alter schätzt. Der Artikel erklärt, wie das Modell mit Daten von mehr als 70'000 Menschen trainiert wurde, was ein Altersunterschied über Risiken wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Demenz aussagen könnte und wo die Grenzen der Netzhaut-Altersbestimmung als medizinisches Screening liegen.

Mehr als 70'000 Netzhautbilder halfen einem von der Universität Lausanne geleiteten Team dabei, ein System mit künstlicher Intelligenz zu entwickeln, das anhand eines Augenfotos das biologische Alter schätzt. Die Ergebnisse, die in Nature Communications veröffentlicht und am 16. September 2026 vorgestellt wurden, weisen auf eine neue Möglichkeit hin, Gesundheitsrisiken anhand einer routinemässigen Aufnahme des Auges zu untersuchen.
Das Modell schätzt, wie alt die Netzhaut einer Person erscheint, und vergleicht diesen Wert anschliessend mit dem tatsächlichen Alter. Eine durchschnittliche Abweichung von weniger als drei Jahren zeigt, dass das System in der untersuchten Bevölkerung, zu der Erwachsene im Alter von 40 bis 79 Jahren gehörten, das Alter ziemlich genau schätzen kann.
Die Forschung ist bedeutsam, weil die Netzhaut ein dichtes Netz aus Blutgefässen und Nervengewebe enthält, das Veränderungen an anderen Stellen des Körpers widerspiegeln kann. Die KI erkennt feine Unterschiede bei Farbe, Helligkeit und Gefässdichte, die für das menschliche Auge schwer zu erkennen sein können.
Für Patientinnen und Patienten in der Schweiz ist diese Aussicht vielversprechend, zumal Netzhautfotos bereits in der Augenheilkunde verwendet werden. Das Modell ist jedoch weiterhin ein Forschungsinstrument. Eine älter wirkende Netzhaut kann auf ein erhöhtes Risiko hindeuten, aber für sich allein weder Krebs noch Demenz oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen diagnostizieren.
Der Altersunterschied könnte verborgene Gesundheitsrisiken aufzeigen
Ein Altersunterschied der Netzhaut kann als Warnsignal für die Gesundheit dienen. Die Studie ergab, dass bei Personen, deren Netzhaut älter wirkte als sie tatsächlich waren, stärkere Zusammenhänge mit Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen, Krebs und Demenz bestanden.
Das bedeutet nicht, dass der Algorithmus eine Diagnose bei einer einzelnen Person vorhersagen kann. Die Forschenden beobachteten statistische Zusammenhänge in einer grossen Bevölkerungsgruppe, bewiesen aber nicht, dass eine beschleunigte Alterung der Netzhaut eine bestimmte Krankheit verursacht. Ein höheres Netzhautalter könnte verschiedene Einflüsse widerspiegeln, darunter bestehende Erkrankungen, Rauchen oder Gefässschäden.
Diese Unterscheidung ist für jede künftige Anwendung in der Schweizer Medizin entscheidend. Ein Screening-Ergebnis könnte Patientinnen und Patienten dazu bewegen, Blutdruck, Diabetes oder andere etablierte Risikofaktoren weiter abklären zu lassen. Es sollte weder eine ärztliche Untersuchung noch Labortests oder bildgebende Verfahren ersetzen, die auf eine bestimmte Krankheit ausgerichtet sind.
Das Potenzial liegt darin, die Netzhaut-Altersschätzung mit etablierten klinischen Informationen zu kombinieren. Eine Hausärztin, ein Hausarzt oder eine Augenärztin beziehungsweise ein Augenarzt könnte einen ungewöhnlichen Altersunterschied möglicherweise als eines von vielen Signalen nutzen. Die Forschenden müssen noch prüfen, wie zuverlässig das Modell bei verschiedenen Bevölkerungsgruppen funktioniert und ob Massnahmen aufgrund der Ergebnisse die Behandlungsergebnisse verbessern.
Geschlecht und Menopause verändern das Bild
Bei Männern und Frauen zeigten sich unterschiedliche Muster beim Netzhautalter. Bei Männern hing eine älter wirkende Netzhaut stärker mit Merkmalen des metabolischen Syndroms zusammen, darunter Bluthochdruck, Diabetes und Übergewicht.
Bei Frauen bestand ein stärkerer Zusammenhang zwischen dem Netzhautalter und Gefässfaktoren, darunter einem erhöhten Thromboserisiko. Die Studie stellte zudem eine Veränderung rund um die Menopause fest. Vor der Menopause wirkten die Netzhautbilder von Frauen im Durchschnitt jünger als jene von Männern. Nach der Menopause kehrte sich dieser Unterschied um.
Die Forschenden belegten nicht, dass hormonelle Veränderungen diesen Wandel verursachten. Das Ergebnis wirft jedoch Fragen dazu auf, wie Geschlecht, Alter und Gefässgesundheit in der Netzhaut zusammenspielen. Diese Fragen sind für die medizinische Forschung wichtig, weil sich Risikoprofile zwischen Bevölkerungsgruppen unterscheiden.
Die Ergebnisse mahnen auch, das biologische Alter nicht als einheitliches, universelles Mass zu betrachten. Ein Algorithmus kann Muster erkennen, die sich je nach Geschlecht, Altersgruppe oder Gesundheitsvorgeschichte unterscheiden. Bevor Ärztinnen und Ärzte einen solchen Wert verwenden, müssen unabhängige Studien prüfen, ob er auch bei Personen ausserhalb des ursprünglichen Datensatzes genau bleibt, darunter bei Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft und bei Patientinnen und Patienten mit verschiedenartigen Krankengeschichten.
Rauchen spricht für Prävention, nicht für Gewissheit
Rauchen war der stärkste mit einer beschleunigten Alterung der Netzhaut verbundene Faktor. Dieser Zusammenhang ergänzt die Hinweise darauf, dass sich Schäden durch Durchblutungsstörungen und langfristige Lebensstilbelastungen in der Netzhaut zeigen können. Die Studie deutet auch darauf hin, dass eine frühzeitige Behandlung von Herz-Kreislauf-Problemen das Risiko möglicherweise senken könnte. Sie zeigt jedoch nicht, dass eine Veränderung eines einzelnen Faktors die Netzhaut jünger erscheinen lässt.
Der mögliche Nutzen für die öffentliche Gesundheit liegt auf der Hand. Netzhautfotos lassen sich rasch erstellen, und KI könnte dabei helfen, Personen zu erkennen, bei denen Blutdruck, Diabetes, Rauchen oder Gefässgesundheit genauer beobachtet werden sollten. In der Schweiz könnte ein solches Instrument künftig die Prävention in Hausarztpraxen, Spitälern oder Augenkliniken unterstützen.
Es bestehen weiterhin mehrere Hürden. Das Modell muss in neuen Bevölkerungsgruppen und klinischen Umgebungen validiert werden. Die Forschenden müssen herausfinden, wie oft es Fehlalarme auslöst, ob die Ergebnisse je nach Bildgebungsgerät variieren und wie Ärztinnen und Ärzte einen Altersunterschied interpretieren sollten. Auch die Patientinnen und Patienten müssten klar darüber informiert werden, was der Wert aussagen kann und was nicht.
Der Datenschutz erfordert sorgfältigen Umgang. Netzhautbilder sind Gesundheitsdaten, und jede Anwendung in der Schweiz bräuchte strenge Schutzmassnahmen für Speicherung, Zugriff und Sekundärnutzung. Die technische Genauigkeit allein entscheidet nicht darüber, ob das System in der Routineversorgung eingesetzt werden soll.
Auf die Forschenden wartet der klinische Praxistest
Das Lausanner System ist eher ein Forschungshinweis als ein fertiger Screening-Test. Seine Leistung in einem grossen Datensatz ist vielversprechend, doch eine durchschnittliche Abweichung von weniger als drei Jahren erklärt nicht das Ergebnis jeder einzelnen Person. Die Schätzung beschreibt, wie alt eine Netzhaut für den Algorithmus aussieht, nicht den gesamten biologischen Zustand der Patientin oder des Patienten.
Weitere Forschung muss klären, ob das Modell künftige Erkrankungen besser vorhersagt als bestehende Risikobewertungen. Studien sollten auch Menschen mit vielfältigeren Hintergründen, Erkrankungen und Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem untersuchen. Aufnahmen mit unterschiedlichen Kameras können zu verschiedenen Ergebnissen führen, und Algorithmen können Verzerrungen aus den für ihr Training verwendeten Daten übernehmen.
Vorerst müssten Schweizer Ärztinnen und Ärzte jedes Ergebnis zum Netzhautalter weiterhin zusammen mit Symptomen, Krankengeschichte und Standardtests beurteilen. Patientinnen und Patienten sollten eine höhere Schätzung nicht als Beweis dafür ansehen, dass Krebs, Demenz oder eine Herzerkrankung vorliegt. Ebenso wenig sollte eine niedrigere Schätzung als Garantie für gute Gesundheit gelten.
Die Studie der Universität Lausanne gibt Forschenden eine praktische Möglichkeit, die Alterung anhand des Auges zu untersuchen. Der nächste Test steht in der Klinik an: Es muss sich zeigen, ob die Messung die Prävention genau, fair und sicher genug unterstützen kann, um die Versorgung zu verbessern.