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Swiss Observer

Ökosystem des Genfersees nach Rekordwinter mit milden Temperaturen in akuter Gefahr

Wissenschaftler warnen vor einem beispiellosen Sauerstoffdefizit im Genfersee, nachdem dreizehn aufeinanderfolgende milde Winter die lebenswichtige Wasserdurchmischung gestört haben

Ökosystem des Genfersees nach Rekordwinter mit milden Temperaturen in akuter Gefahr
AISWI swissinfo.ch

Der Genfersee, eines der wichtigsten Gewässer der Schweiz, steht vor einer beispiellosen Umweltkrise. Zum dreizehnten Winter in Folge hat sich das Wasser des Sees nicht vollständig durchmischt, ein entscheidender Prozess für die Gesundheit seines Ökosystems. Gemäss der Internationalen Kommission zum Schutz der Gewässer des Genfersees (CIPEL) erreichte die Wasserdurchmischung in diesem Jahr nur eine Tiefe von 110 Metern, kaum ein Drittel der Gesamttiefe des Sees von 309 Metern. Damit wurde ein alarmierender historischer Rekord aufgestellt.

Die Wasserdurchmischung verstehen

Die Wasserdurchmischung, auch «Umwälzung» genannt, ist für die Gesundheit des Ökosystems des Genfersees unerlässlich. In normalen Wintern kühlt sich das Oberflächenwasser ab, bis es die gleiche Dichte wie die tieferen Wasserschichten erreicht. Dadurch wird eine vertikale Durchmischung möglich, die Sauerstoff und Nährstoffe im ganzen See verteilt. Dieser Prozess erfordert in der Regel kalte, windige Winterbedingungen, damit eine grossräumige vertikale Durchmischung stattfinden kann. Die letzte vollständige Durchmischung erfolgte 2012. Jüngste Forschungen der EPFL haben gezeigt, wie wichtig seitliche Strömungen für diesen Prozess sind, und eröffnen eine neue Perspektive auf die Dynamik des Sees.

Auswirkungen des Klimawandels

Die globale Erwärmung hat den natürlichen Durchmischungszyklus des Genfersees erheblich gestört. In diesem Winter sank die Temperatur des Oberflächenwassers auf minimal 7,8 °C. Das entspricht einem besorgniserregenden Anstieg um 1,5 °C gegenüber der Referenzperiode 1991 bis 2020. Die zunehmend milden Winter verhindern, dass sich das Oberflächenwasser ausreichend abkühlt, um den entscheidenden Durchmischungsprozess auszulösen. Der Erwärmungstrend hat in den Tiefen des Sees zu einem starken Sauerstoffdefizit geführt: Der aktuelle Sauerstoffgehalt beträgt nur 2 mg/l und liegt damit deutlich unter dem für Wasserlebewesen erforderlichen kritischen Schwellenwert von 4 mg/l.

Ökologische Folgen

Die unzureichende Wasserdurchmischung hat weitreichende Folgen für das Ökosystem des Genfersees. Das Sauerstoffdefizit beeinträchtigt die Biodiversität des Sees stark und betrifft alles, von mikroskopisch kleinen Organismen bis hin zu den Fischbeständen. Auch das Wachstum des Phytoplanktons, wichtiger Mikroalgen am Anfang der Nahrungskette, wird beeinträchtigt. Dadurch gerät das gesamte aquatische Nahrungsnetz aus dem Gleichgewicht. Dies wirkt sich auf die Bestände des Zooplanktons und in der Folge auf die Fische aus, die auf dieses als Nahrung angewiesen sind. Wissenschaftler der CIPEL warnen, dass diese Veränderungen das ökologische Gleichgewicht des Sees grundlegend verändern könnten.

Ausblick und mögliche Lösungen

Trotz der besorgniserregenden Lage sehen Forschende mögliche Lösungen. Die Entdeckung der EPFL zur Rolle seitlicher Strömungen bei der Sauerstoffanreicherung des Wassers weckt neue Hoffnung, den Vorgang besser zu verstehen und das Problem möglicherweise anzugehen. Fachleute betonen jedoch, dass die Bekämpfung des Klimawandels für die langfristige Gesundheit des Sees entscheidend bleibt. Schweizer Behörden und internationale Organisationen beobachten die Lage weiterhin genau, während Wissenschaftler Strategien zum Schutz dieses wichtigen Ökosystems entwickeln. Die Situation am Genfersee führt deutlich vor Augen, wie sich der Klimawandel lokal auf wichtige Wasserressourcen auswirkt.