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Swiss Observer

Internationaler Drogenfall deckt nach Festnahmen Lücken bei Schweizer Aufenthaltskontrollen auf

Eine internationale Anti-Drogen-Operation führte zu Festnahmen in der kleinen Schweizer Gemeinde Roveredo. Dabei gerieten mehrere Einwohnerinnen und Einwohner in den Verdacht, Teil eines europaweiten Netzwerks für Drogenhandel und Geldwäscherei zu sein. Zudem wirft der Fall Fragen zur Gründlichkeit der Schweizer Aufenthaltskontrollen auf.

Internationaler Drogenfall deckt nach Festnahmen Lücken bei Schweizer Aufenthaltskontrollen auf
AISWI swissinfo.ch

Die idyllische Ruhe in Roveredo, einer kleinen Gemeinde im Südosten der Schweiz, wurde letzte Woche jäh durchbrochen: Eine internationale Grossfahndung enthüllte, dass die Region als logistischer Knotenpunkt der organisierten Kriminalität diente. Bei einem koordinierten Einsatz in Frankreich, Italien und der Schweiz nahmen die Behörden sieben Personen fest, die mit einem gross angelegten Netzwerk für Drogenhandel und Geldwäscherei in Verbindung stehen. Vier dieser Verdächtigen waren Einwohner von Roveredo. Damit wurde das ruhige Bündner Dorf zum Zentrum einer grenzüberschreitenden Ermittlung.

Unter den Festgenommenen waren ein 52-jähriger italienischer Staatsangehöriger und sein 24-jähriger Sohn, die als zentrale Figuren des mutmasslichen Netzwerks gelten. Der Vater wurde in Frankreich festgenommen, der Sohn in Italien. Ihre Operationsbasis befand sich jedoch in den Schweizer Alpen. Die von den Justizbehörden in Marseille und Neapel gemeinsam mit der Schweizerischen Bundesanwaltschaft koordinierte Operation zerstört die Illusion, die ländliche Schweiz sei vor der Reichweite der europäischen Drogenkartelle gefeit. Die Festnahmen bestätigen eine beunruhigende Realität: Kriminelle Organisationen nutzen die Schweizer Grenzen zunehmend nicht nur für den Transit, sondern auch für Wohnsitz und operative Planung.

Die kantonale Kommunikationslücke: Ein systemisches Versagen

Wie kann eine Person, die als bekanntes Sicherheitsrisiko gilt, einfach eine Kantonsgrenze überqueren und sich niederlassen? Diese Frage sorgt im Gemeindehaus von Roveredo für grosse Empörung. Wie bekannt wurde, war der 52-jährige Verdächtige, der 2021 nach Graubünden zog, zuvor im Nachbarkanton Tessin als «zu riskant» für eine Bewilligung eingestuft worden. Nach seinem Umzug nach Graubünden erhielt er jedoch problemlos eine Aufenthaltsbewilligung.

«Wie ist es möglich, dass eine Person, die im Kanton Tessin als zu riskant für eine Bewilligung eingestuft wurde, im Kanton Graubünden aufgenommen wird?», fragte die Gemeindeverwaltung Roveredo in einer scharf formulierten Stellungnahme. Dieses offensichtliche Versäumnis in der Kommunikation legt eine kritische Schwachstelle im föderalistischen System der Schweiz offen. Kriminelle scheinen den mangelnden Datenaustausch zwischen den Kantonen auszunutzen und gezielt den Kanton mit dem geringsten Widerstand zu wählen. Dass ein einfacher Umzug über eine Kantonsgrenze für einen mutmasslichen Drogenhändler offenbar einen Schlussstrich unter die Vergangenheit bedeuten kann, deutet darauf hin, dass die Schweizer Binnengrenzen für die Strafverfolgung eher Scheuklappen als Sicherheitskontrollen sind.

Bürokratie schützt Kriminelle

Während die lokalen Behörden Antworten verlangen, hat sich das Amt für Migration und Zivilrecht Graubünden hinter bürokratischen Abläufen verschanzt. Auf die Frage, wie die Bewilligungen erteilt werden konnten, erklärte das kantonale Amt, es sei «nicht möglich», bei Bürgerinnen und Bürgern der Europäischen Union systematisch Strafregisterauszüge einzuholen. Nach den geltenden Vorschriften kann eine Bewilligung nur eingeschränkt werden, wenn eine gesuchstellende Person eine «tatsächliche und schwerwiegende Gefahr» für die öffentliche Ordnung darstellt. Diese hohe rechtliche Hürde scheint gewiefte Kriminelle zu schützen.

Das Amt für Migration gibt an, dass Risikobeurteilungen vorgenommen werden. Die Ereignisse in Roveredo legen jedoch nahe, dass diese Kontrollen gegenüber modernen kriminellen Netzwerken völlig unzureichend sind. Sie stützen sich stark auf Selbstangaben oder eindeutige Warnsignale und übersehen dabei möglicherweise differenzierte Erkenntnisse, über die Nachbarkantone wie das Tessin bereits verfügen. Das Amt räumte inzwischen ein, dass «begründete Verdachtsmomente» aus anderen Kantonen künftig berücksichtigt würden. Dieses nachträgliche Eingeständnis dürfte einer Gemeinde, die nun mit dem Wissen umgehen muss, dass ihre Nachbarn mutmasslich international tätige Drogenhändler waren, jedoch wenig Trost bieten.

Sicherheit ist nicht verhandelbar: Die Folgen

Die Festnahmen in Roveredo sind ein Weckruf, den sich die Schweiz nicht leisten kann zu überhören. Die lokalen Behörden haben eine klare Grenze gezogen und erklärt: «Die Sicherheit unserer Länder ist weder eine verhandelbare Grösse noch eine Nebenwirkung der Bürokratie.» Dieser Vorfall verlangt eine umgehende und umfassende Überarbeitung des Austauschs von Erkenntnissen über Kriminalität zwischen den Schweizer Kantonen. Die Zeit isolierter kantonaler Datenbanken muss vorbei sein, wenn die Schweiz die organisierte Kriminalität wirksam bekämpfen will.

Da die «Ndrangheta und andere mafiaähnliche Organisationen die Schweiz zunehmend als sicheren Ort für Logistik und Geldwäscherei betrachten, stehen Bund und Kantone vor einer entscheidenden Bewährungsprobe. Die Gemeinde Roveredo fordert eine bessere Koordination, insbesondere mit dem Tessin, damit gefährliche Personen nicht einfach administrative Lücken ausnutzen können. Während die Ermittlungen weitergehen, ist die Botschaft aus den Bündner Tälern klar: Bürokratische Ausreden werden nicht länger als Rechtfertigung dafür akzeptiert, die nationale Sicherheit zu gefährden.