Kriminalität
Menschenhandel in der Schweiz: 208 Opfer suchen Hilfe
Die Schweizer Fachstelle FIZ meldet für 2024 208 bestätigte Opfer von Menschenhandel. In der Mehrheit der Fälle ging es um sexuelle Ausbeutung.

Die Schweiz sieht sich mit einer düsteren Realität konfrontiert: Die Fachstelle FIZ Advocacy und Support für Migrantinnen und Opfer von Frauenhandel meldet, dass sich 2024 208 Opfer an sie gewandt haben. Die Gesamtzahl ist gegenüber den 230 Fällen im Vorjahr zwar um 13 Prozent gesunken, doch die Lage bleibt kritisch. Hinter diesen Zahlen stehen Menschen, die innerhalb unserer Landesgrenzen in moderner Sklaverei gefangen sind. Für weitere 59 potenzielle Opfer ist die Lage noch prekärer: Die Abklärungen sind entweder ins Stocken geraten oder wegen des vollständigen Kontaktabbruchs unmöglich. Ihr Schicksal ist unbekannt.
Der leichte statistische Rückgang bedeutet keinen Erfolg für die Strafverfolgungsbehörden oder die sozialen Dienste. Vielmehr zeigt er, wie sehr sich dieses im Verborgenen stattfindende Verbrechen verändert und sich dem Zugriff entzieht. Die Daten belegen ein fortbestehendes, tief verwurzeltes Ausbeutungsnetzwerk, das im Schatten der Schweizer Gesellschaft operiert. Der jüngste Bericht der FIZ ist ein eindringlicher Weckruf: Die Strukturen des Menschenhandels sind weiterhin aktiv, und für Hunderte von Opfern dauert der Albtraum an.
Sexuelle Ausbeutung dominiert das düstere Geschäft
Erstaunliche 76 Prozent aller bestätigten Fälle von Menschenhandel im Jahr 2024 waren auf sexuelle Ausbeutung zurückzuführen. Von den 208 von der FIZ betreuten Opfern wurden 159 ausdrücklich als Opfer des Sexgewerbes identifiziert. Damit ist dieser Bereich der wichtigste Motor des Menschenhandels in der Schweiz. Diese überwältigende Mehrheit macht die brutale Nachfrage deutlich, die kriminelle Netzwerke weiterhin antreibt.
Während das Sexgewerbe die Statistik dominiert, grassieren auch andere Formen der Sklaverei. Die FIZ identifizierte 45 Personen, die in anderen Branchen ausgebeutet und ihrer Rechte beraubt wurden und unter Zwang arbeiten mussten. Vier weitere Opfer erlitten andere erschütternde Formen des Missbrauchs, darunter Zwangsheiraten, erzwungene illegale Aktivitäten, Bettelei und sogar die Entnahme von Organen. Die Vielfalt dieser Verbrechen zeigt, wie skrupellos Menschenhändler sich anpassen und auf jede erdenkliche Weise aus dem Leben anderer Profit schlagen.
Globale Ketten: Woher die ausgebeuteten Menschen kommen
Die Menschenhandelsnetzwerke, die in der Schweiz aktiv sind, sind eindeutig international und haben es auf besonders verletzliche Menschen aus bestimmten Regionen abgesehen. Die Herkunft der Personen, die 2024 neu in Schutzprogramme aufgenommen wurden, zeigt ein klares Muster. Ungarn war mit 20 neu aufgenommenen Opfern das wichtigste Herkunftsland. Es folgten Rumänien mit 10 und Kolumbien mit 9 Opfern.
Diese Zahlen zeigen die grenzüberschreitenden Routen, über die Menschenhändler Opfer verschleppen und in die Schweiz bringen. Der hohe Anteil von Opfern aus Osteuropa und Südamerika deutet auf etablierte Routen hin, die nur durch koordinierte internationale Polizeiarbeit zerschlagen werden können. Für die Schweiz sind diese Daten entscheidend: Sie zeigen genau, wo Präventionskampagnen und diplomatische Zusammenarbeit verstärkt werden müssen, um die Lieferketten menschlichen Leids an der Quelle zu unterbrechen.
Schutzunterkünfte am Limit, der Bedarf steigt stark
Trotz des Rückgangs bei der Gesamtzahl der Opfer ist der Bedarf an sicheren Unterkünften stark gestiegen und bringt die verfügbaren Ressourcen an ihre Grenzen. 2024 verbrachten die Opfer insgesamt 5'677 Nächte in sicheren Unterkünften, 19 Prozent mehr als im Vorjahr. Dieser Widerspruch deutet darauf hin, dass zwar möglicherweise weniger Opfer betreut wurden, die benötigte Betreuung für jede einzelne Person jedoch komplexer und langwieriger geworden ist.
Die FIZ bot im Laufe des Jahres 51 Personen eine sichere Unterkunft und musste ihre Infrastruktur rasch ausbauen. Um diesem dringenden Bedarf gerecht zu werden, wurde 2024 eine neue Schutzwohnung eröffnet. Damit stieg die Zahl der sicheren Unterkünfte auf acht. Der zunehmende Ressourcenbedarf deutet darauf hin, dass sich die Folgen des Traumas und die rechtlichen Auseinandersetzungen, mit denen die Opfer konfrontiert sind, länger hinziehen. Das erfordert längere Aufenthalte und umfassenderen Schutz vor den Tätern.