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Swiss Observer

Die unerwarteten Retter: Wie Lawinen Alpengletscher erhalten

Eine internationale Studie unter der Leitung eines Schweizer Bundesinstituts hat gezeigt, dass Lawinen trotz ihrer zerstörerischen Kraft eine entscheidende Rolle dabei spielen, das Abschmelzen der Gletscher auszugleichen. Sie lagern grosse Schneemassen ab und tragen so dazu bei, dass viele Gletscher länger bestehen bleiben.

Die unerwarteten Retter: Wie Lawinen Alpengletscher erhalten
AISWI swissinfo.ch

Die Natur bringt oft Widersprüche hervor, doch nur wenige sind so eindrücklich wie dieser: Ausgerechnet jene Kraft, die dafür bekannt ist, Alpendörfer zu verwüsten, ist zugleich eine Lebensader für unsere schwindenden Gletscher. Jahrzehntelang haben wir Lawinen ausschliesslich als zerstörerische Kräfte betrachtet, als tödliche Gefahren, die Infrastruktur zerstören und Menschenleben fordern. Eine bahnbrechende internationale Studie unter der Leitung der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) stellt diese einseitige Sichtweise jedoch infrage.

Lawinen sind nicht nur zerstörerisch, sondern auch unerwartete Retter. Sie transportieren gewaltige Schneemengen von hoch gelegenen, steilen Hängen in tiefer liegende Gletscherbecken und gleichen so aktiv das rasche Abschmelzen infolge der globalen Erwärmung aus. Bei diesem dynamischen Prozess verdichtet sich der Schnee zu Eis und schützt den Kern des Gletschers vor steigenden Temperaturen. Erstmals hat die Wissenschaft diesen entscheidenden Zusammenhang für weltweit 200’000 Gletscher beziffert. Die Erkenntnis: Ohne diese gewaltigen Schneerutsche würden unsere Eislandschaften noch schneller verschwinden.

Widerstandskraft der Alpen: Schneemassen verschaffen Zeit

In den Schweizer Alpen erzählen die Zahlen eine eindrückliche Geschichte des Überlebens. Laut der Studie stammen erstaunliche 11 Prozent des gesamten Schnees, der sich auf Alpengletschern ansammelt, direkt aus Lawinen. Dabei handelt es sich nicht um eine unbedeutende Schneeschicht, sondern um einen wichtigen Beitrag zur Masse berühmter Gletscher wie des Fieschergletschers.

Marin Kneib, Glaziologe bei der WSL und Erstautor der Studie, räumt ein, dass die wissenschaftliche Gemeinschaft überrascht wurde. «Wir waren überrascht. Wir hatten nicht erwartet, dass der Effekt in den Alpen so bedeutend ist», sagte Kneib. Die Entdeckung unterstreicht, wie komplex die Kryosphäre der Schweiz ist. Das Land ist zwar weltweit führend bei der Gletscherbeobachtung und verfügt über Messnetze, die seit mehr als 130 Jahren in Betrieb sind. Doch diese spezifische Wechselwirkung war bis jetzt weitgehend nicht quantifiziert worden. Das zeigt: Selbst in einem der am besten untersuchten Gebirge der Erde hält die Natur noch Geheimnisse bereit, die für das Verständnis unseres sich wandelnden Klimas entscheidend sind.

Globale Hotspots: Noch höhere Anteile als in den Alpen

Der Anteil von 11 Prozent in den Alpen ist bedeutend, doch andere Gebirge sind noch stärker auf dieses Phänomen angewiesen. Die Daten zeigen grosse Unterschiede rund um den Globus. Im steilen Gelände des östlichen Himalaja tragen Lawinen fast 19 Prozent zur Schneemasse der Gletscher bei. Noch höher ist der Anteil in Neuseeland: Dort beträgt er 22 Prozent.

Diese Regionen haben steile Geländeformen, die grosse Schneeverlagerungen begünstigen und die Gletscher darunter sozusagen «füttern». In flachen Polarregionen zeigt sich ein ganz anderes Bild. In den weiten Gebieten Grönlands, Islands und der russischen Arktis ist der Einfluss vernachlässigbar. In den tropischen Anden kehrt sich der Effekt dagegen um: Die Hänge sind so steil, dass Lawinen den Schnee abtragen, bevor er sich mit dem Eis verbinden kann. Dadurch beschleunigt sich der Massenverlust. Dieses globale Mosaik zeigt, dass Lawinen zwar überall vorkommen, ihre Rolle als Retter der Gletscher aber allein von den örtlichen geografischen Gegebenheiten abhängt.

Kleine Gletscher: Der Kampf ums Überleben

Am deutlichsten zeigt sich die Wirkung dieses Phänomens auf den kleinsten Schauplätzen. Für Alpengletscher mit einer Fläche von weniger als einem Quadratkilometer, wie den Läntagletscher im Südosten der Schweiz, sind Lawinen nichts weniger als ein lebenserhaltendes System. Laut der Studie stammen in einigen Fällen mehr als 50 Prozent der Schneemasse ausschliesslich aus Lawinenablagerungen.

Diese kleineren Eisflächen sind besonders anfällig für den Klimawandel, denn ihnen fehlt die thermische Masse, um längere Hitzewellen zu überstehen. Ohne diesen zusätzlichen Schnee wären viele von ihnen wahrscheinlich bereits verschwunden. Wenn sich die Gletscher weiter zurückziehen und aufspalten, wird die relative Bedeutung der Lawinen noch zunehmen. Sie wirken als entscheidender Puffer und ermöglichen diesen kleineren Gletschern, sich in einer Umgebung zu halten, die für ihr Überleben zunehmend unwirtlich wird.

Unvermeidlicher Rückgang: Eine vorübergehende Atempause

Trotz dieser Erkenntnisse müssen wir uns einer harten Realität stellen: Lawinen verzögern den Rückgang, sie heilen ihn nicht. Marin Kneib lässt daran keinen Zweifel und warnt, dieser natürliche Ausgleich bremse den unvermeidlichen Zusammenbruch lediglich. Er bedeutet keine Rettung.

Die Prognosen bleiben düster. Selbst mit der Unterstützung durch Lawinen dürften die Alpen bis 2100 im Vergleich zum Stand von 2000 mehr als 80 Prozent ihres Eisvolumens verlieren. Die physikalischen Kräfte der globalen Erwärmung wirken unerbittlich, und selbst gewaltige Schneeablagerungen können den Temperaturanstieg nicht auf Dauer ausgleichen. Die Studie liefert zwar ein entscheidendes Puzzleteil für die Modellierung der künftigen Wasserressourcen und Naturgefahren, ändert aber nichts an der Entwicklung. Die Schweiz steht vor einer Zukunft mit deutlich weniger Gletschern. Das wird unsere Landschaft, unsere Wirtschaft und unsere Identität verändern.