Gesellschaft
Umfrage zu Schweizer Werten: Ehrlichkeit schlägt Erfolg
Eine neue nationale Umfrage zeigt: Ehrlichkeit ist den Menschen in der Schweiz wichtiger als beruflicher Erfolg. Damit stellt sie moderne Vorstellungen von der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben infrage.

Der Mythos der rücksichtslosen, erfolgsbesessenen Schweizerinnen und Schweizer ist zerbrochen. Eine umfassende Umfrage der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) mit über 50 000 Teilnehmenden offenbart einen dramatischen Wandel im nationalen Selbstverständnis. Während die Welt die Schweiz als Hochburg des Bankwesens und der Geschäftseffizienz betrachtet, wenden sich die Menschen selbst vom Konkurrenzkampf ab. Das Ergebnis ist klar und kompromisslos: «Ehrlich sein» gilt als höchster Wert für ein zufriedenes Leben. «Erfolgreich sein» hingegen rangiert weit unten auf der Prioritätenliste.
Das ist keine geringfügige statistische Abweichung, sondern ein kultureller Umbruch. Die vom renommierten Forschungsinstitut gfs.bern durchgeführte Umfrage forderte die Teilnehmenden auf, zwischen acht verschiedenen Lebensmottos zu wählen. In einer überraschenden Wendung landete das Streben nach Erfolg, das oft als Motor der Schweizer Wirtschaft gilt, auf dem zweitletzten Platz. Nur der von Eitelkeit geprägte Wunsch, «in Erinnerung zu bleiben», schnitt noch schlechter ab. Diese Daten stellen die moderne Erzählung von der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben einer unmissverständlichen Wahrheit gegenüber: Für die grosse Mehrheit der Schweizer Bevölkerung ist Integrität heute deutlich wichtiger als Leistung.
Der Generationenkonflikt
Während sich die Bevölkerung insgesamt an die Ehrlichkeit hält, ist ein tiefer Riss zwischen den Generationen entstanden. Bei den 16- bis 39-Jährigen sieht die Rangfolge ganz anders aus. Ihr Motto lautet nicht Pflicht, sondern Vergnügen. «Am wichtigsten: Ich geniesse mein Leben!» steht bei jungen Erwachsenen an erster Stelle und markiert damit eine deutliche Abkehr von den älteren Generationen. Diese hedonistische Wende deutet darauf hin, dass jüngere Schweizerinnen und Schweizer ein sinnvolles Leben grundlegend anders definieren: Sie geben unmittelbaren Erlebnissen den Vorrang vor moralischer Strenge.
Dieses Streben nach Genuss hat jedoch einen Vorbehalt. Die Daten zeigen einen auffälligen Zusammenhang zwischen Jugend und Täuschung. 18 Prozent der 16- bis 39-Jährigen geben zu, andere häufiger anzulügen, als ihnen lieb ist. Bei den über 65-Jährigen sinkt dieser Anteil auf gerade einmal 4 Prozent. Die ältere Generation, insbesondere die standhaften Tessinerinnen und Tessiner, bleibt der Wahrheit verpflichtet und hält an Ehrlichkeit als unverzichtbarem Fundament der Gesellschaft fest. Wir erleben einen Wertekonflikt, bei dem die kompromisslose Integrität der Vergangenheit mit dem flexiblen, erlebnisorientierten Ethos der Zukunft aufeinanderprallt.
Der Röstigraben der Werte
Die geografische Herkunft prägt die Wertvorstellungen. Nirgendwo zeigt sich das deutlicher als in den Ergebnissen dieser Umfrage. Der als Röstigraben bekannte kulturelle Graben reicht inzwischen über die Politik hinaus bis in die Seele der Nation. Die französischsprachige Schweiz steht für sich und unterscheidet sich von den deutsch- und italienischsprachigen Regionen: Sie erklärt «Das Leben geniessen» zur höchsten Priorität. Diese Übereinstimmung mit der jüngeren Bevölkerungsgruppe deutet auf eine kulturelle Eigenständigkeit der Romandie hin, in der joie de vivre höher gewichtet wird als die andernorts geschätzte nüchterne Ehrlichkeit.
Im deutlichen Gegensatz dazu halten die deutschsprachige Mehrheit und die italienischsprachige Südschweiz am Traditionalismus fest. Besonders das Tessin erweist sich als Hochburg der Treue und weist neben den über 65-Jährigen die höchsten Zustimmungswerte für Ehrlichkeit auf. Diese regionale Aufspaltung zeichnet das komplexe Bild eines Landes, das politisch zwar geeint, in seinen Wertvorstellungen jedoch gespalten ist. Während sich die französischsprachige Region einer entspannteren, genussorientierten Weltsicht zuwendet, bekräftigt der Rest des Landes jene strengen Tugenden, die den Schweizer Charakter historisch geprägt haben.
Das Ende des Leistungsprinzips
Das vielleicht vernichtendste Urteil der Umfrage «Wie geht es dir, Schweiz?» betrifft den Niedergang des Leistungsprinzips. Das Motto «Am wichtigsten: Erfolg!» ist nicht einfach zurückgefallen, sondern abgestürzt. Es rangiert auf dem zweitletzten Platz, knapp vor dem narzisstischen Wunsch, in Erinnerung zu bleiben. Das deutet auf eine massive gesellschaftliche Ablehnung der Karriere-zuerst-Haltung hin, die einst das Denken im Westen prägte. Auch die Fixierung auf eine Optimierung der Gesundheit hat die Schweizerinnen und Schweizer nicht überzeugt: «Am wichtigsten: fit sein!» schneidet überraschend schlecht ab.
Stattdessen richten sich die Schweizerinnen und Schweizer nach innen und aussen zugleich: Sie schätzen «nachhaltige Beziehungen» und «anderen helfen» deutlich höher als berufliche Auszeichnungen oder körperliche Perfektion. Das ist eine grundlegende Neuausrichtung der Prioritäten. Die Daten legen nahe, dass die Bevölkerung von den Anforderungen der Leistungsgesellschaft erschöpft ist. Sie signalisiert einen Rückzug vom unermüdlichen Streben nach Status und entscheidet sich stattdessen für ein Leben, das auf Gemeinschaft, Integrität und echten Beziehungen beruht. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, könnte er die Schweizer Wirtschaft und Arbeitswelt tiefgreifend verändern.