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Swiss Observer

Das Rätsel um die historische Krankheit auf der Rigi ist gelöst

Der über hundert Jahre alte Umweltskandal um die «Rigikrankheit» wurde durch einen Verleumdungsprozess aufgedeckt. Er erklärt die mysteriösen Erkrankungen, von denen Besucher des berühmten Schweizer Berges einst heimgesucht wurden.

Das Rätsel um die historische Krankheit auf der Rigi ist gelöst
AISWI swissinfo.ch

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts plagte ein seltsames und beunruhigendes Phänomen den legendären Schweizer Berg Rigi. Besucher dieses majestätischen Alpenziels fielen häufig einer mysteriösen Krankheit zum Opfer, die als «Rigikrankheit» bekannt war. Die Erkrankung, die sich durch heftige Durchfälle und Erbrechen auszeichnete, betraf sowohl Touristen als auch Hotelangestellte und warf einen dunklen Schatten auf eines der berühmtesten Bergziele Europas.

Tourismusglanz und verborgene Gefahren

Die Rigi stand sinnbildlich für den boomenden Schweizer Tourismus und verfügte ab 1871 über Europas erste Bergbahn. Die jährliche Besucherzahl stieg von 40'000 im Jahr 1840 auf fast 80'000 nach dem Bau der Bahn. Die Infrastruktur des Berges wurde ausgebaut und umfasste zahlreiche prunkvolle Hotels mit insgesamt 2'000 Betten. Unter der Oberfläche dieses Wohlstands lauerte jedoch eine heimtückische Gesundheitsgefahr, die den Ruf des Berges als Kurort schliesslich bedrohen sollte.

Der kritische Punkt im Jahr 1909

1909 erreichte die Situation einen kritischen Punkt, als die Krankheit «virulent» wurde. Der Stadtarzt von Zürich dokumentierte 287 Fälle, und ganze Schulklassen erkrankten nach Ausflügen auf den Berg. Wegen der Schwere des Ausbruchs verboten die Behörden in Zürich und Winterthur Schulausflüge auf die Rigi. Die Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich verlangte vom Schwyzer Regierungsrat sofortige Massnahmen und warnte eindringlich vor den möglicherweise tödlichen Risiken für die Besucher.

Der Umweltskandal wird aufgedeckt

Das Rätsel wurde schliesslich durch eine umfassende Untersuchung des Bezirksarztes Carl Real gelöst. Die Ursache war nicht die Bergluft, wie die Hoteliers lange behauptet hatten, sondern ein erschütternder Umweltskandal im Zusammenhang mit verunreinigtem Trinkwasser. Die Untersuchung offenbarte einen erschreckenden Kreislauf: Abwasser aus höher gelegenen Hotels floss nahezu ungefiltert in Brunnen, die Einrichtungen weiter oben mit Trinkwasser versorgten. Der Nachweis von Coli-Bakterien im Wasserversorgungssystem machte eine schwere Gefahr für die öffentliche Gesundheit sichtbar, die jahrelang verborgen geblieben war.

Vermächtnis und Lehren

Der Skandal um die Rigikrankheit markierte einen entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte des Schweizer Tourismus und des öffentlichen Gesundheitswesens. Er zeigte, wie wichtig eine angemessene Infrastruktur und ein sorgfältiger Umgang mit der Umwelt in Tourismusdestinationen sind. Der Fall gab den Anstoss zu strengeren Vorschriften für die Wassersicherheit und den Gesundheitsschutz in Schweizer Bergkurorten. Sein Vermächtnis prägt bis heute die Standards des modernen Schweizer Tourismus.